18. Mai 2017

Geschichten aus dem Treppenhaus V

Schlittenfahren

Was für eine Aufregung! Zwei Tage vor Weihnachten hat es tatsächlich geschneit. Seit einer halben Stunde laufen die Kinder, Mama und Oma im Flur auf und ab und packen und suchen und Oma sagt immerzu: „Hoffentlich vergessen wir nichts!“ Sie wollen alle zum Rodeln fahren. Die dicksten Jacken und Mützen wurden hervorgeholt, Ersatzhandschuhe bereit gelegt, Extrasocken und für jeden einen bunten Schal, ach ja und die warme Stiefel natürlich.
Schäfchen und Ulli sitzen auf der Treppe und sehen zu. „Freust du dich auch so?“ flüstert Ulli.
Mama verschwindet im Keller und kommt mit dem großen Holzschlitten zurück. Jetzt ist Schäfchen genauso aufgeregt wie die Kinder. Schlittenfahren! Toll, gestern Abend hat die Oma noch bei der Gute - Nacht - Geschichte davon vorgelesen.
Schäfchen weiß nicht was Schnee ist, denn Schäfchen ist erst seit Ostern bei Johanna und da ist ja bekanntlich Frühling. Aber Schäfchen kann sich noch gut erinnern, dass Mama damals als sie es zum ersten Mal sah, sagte: „Ein Fell so weiß wie Schnee!“ Das würde heute ein tolles Erlebnis werden. Erwartungsvoll sitzt Schäfchen auf der Treppe und zum Glück hat seinen eigenen kleinen bunten Schal dabei. Gleich geht es los. Ulli sitzt wie immer geduldig daneben.
Paula hängt an der Türklinke und fährt mit der großen Haustür hin und her, was sie nicht soll. Mama packt den Schlitten ins Auto und Oma füllt noch schnell ein paar Weihnachtsplätzchen in eine Tüte. Johanna hat zwei Paar Socken übereinander gezogen. Nun passen die Stiefel nicht mehr. Also muss sie sie wieder ausziehen. Eigentlich sollten die Ersatzsocken in die Tasche zu den Trinkflaschen und den Weihnachtsplätzchen. Mama wird ungeduldig und treibt Johanna an. Oma sammelt die herunter gefallenen Handschuhe auf und scheucht die Kinder zur Tür hinaus und schwupp sind alle draußen.
Schäfchen und Ulli bleiben verdattert im Dunkeln auf der Treppen sitzen. Was für ein Unglück, die Kinder haben sie vergessen! Kein Schnee, kein Schlitten fahren, keine Weihnachtsplätzchenkrümel im Auto. Schäfchen lässt die Ohren hängen und Ulli blickt traurig mit seinen Knopfaugen in den leeren stillen Flur.

Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus
© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003
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Geschichten aus dem Treppenhaus VI



Weihnachten im Treppenhaus

Nun sitzen Ulli und Schäfchen allein im Dunkel.
Im Treppenhaus duftet es nach Tannengrün, Räucherkerzchen und Weihnachtsbäckerei. Mama hat nach dem Backen ganz oben das Dachfenster einen Spalt geöffnet. Es zieht ein bisschen auf der Treppe. Schäfchen sieht nach oben, ob Stofftiere auch einen Schnupfen kriegen können, so wie Hanna neulich.
“Oh, was ist das?”, fragt Ulli.
Mit dem kühlen Hauch schwebt von oben ein weißes glitzerndes Etwas durch den langen Schacht des Treppenhauses.
“Weiß nicht”, meint Schäfchen, “ein Stern vielleicht?”
“Nein! Ich glaube, das ist eine Schneeflocke ... aber eine richtige große!” Ulli staunt.
Inzwischen war der strahlend weiße Stern fast unten angekommen. Und ein helles Stimmchen zwitschert: “Schneeflöckchen, Weißröckchen, jetzt kommst du gescheit...” - Ein winzig kleines, glitzerndes Wesen landet elegant auf der sechsten Treppenstufe und sein Strahlen beleuchtete die verblüfften Gesichter von Ulli und Schäfchen.
“Schönen Advent wünsche ich euch, heute schon gesungen?”
Das fröhliche Kristallkind klatscht in seine winzigen Hände: “Was ist denn hier für eine trübe Stimmung und es stuppst Ulli an, so das er fast von der Stufe fiel.
“Wo kommst du denn her?”, fragte Schäfchen, “hast du dich verflogen?”
“Vom Himmel hoch da komm ich her... “trällert es und sprang in die Girlande aus Tannengrün, die am Treppengeländer hängt, um in einer der roten Schleifen zu schaukeln.
“Bist du eine richtige Schneeflocke?”, wollte Ulli wissen.
“Nein, da würde ich ja schmelzen. Ich bin Zaubersternchen und möchte meine Freundin, die Hauselfe besuchen. Aber nun sagt doch mal, warum macht ihr so lange Gesichter?”
Die Beiden gucken immer noch traurig: ”Die Kinder haben uns vergessen”, sagten Schäfchen und Ulli im Chor: “...sie sind ohne uns zum Schlitten fahren und wir wären gern dabei gewesen.”
“Na seit doch froh, draußen ist es kalt und wenn man in den Schnee fällt, wird man auch noch nass.”
“Aber hier ist es langweilig”, sagt Ulli ein wenig trotzig.
“Ach keine Trauer an einem so schönen Vorweihnachtstag, kommt wir singen was: “Kling Glöckchen, klingelingeling....”
“Hallo, was ist denn hier los?” Spinni, die Hauselfe pflegt wie immer plötzlich zwischen den Stäben des Treppengeländer aufzutauchen. Ihr hellblaues Kittelchen warf heute grünliche Schatten und um den Hals lag kunstvoll verschlungen einen Lamettafaden. Auf dem Kopf trug sie einige von den kleine goldnen Glitzersternen, die Paula neulich beim Basteln unter den Tisch geworfen hatte. “Das bist du ja mein liebes Zaubersternchen, ist das Jahr schon um?” - “Ganz recht Spinni, in zwei Tagen beginnen die Weihnächte, wie schnell doch die Zeit vergeht!” Und sofort flötete sie ein “Oh du fröhliche...” hinterher.
Schäfchen und Ulli saßen mit großen Augen dabei und fanden die Unterhaltung recht kurzweilig.
“Schön, dann lasst uns ein bisschen feiern”, Spinni nahm ein paar von den Glitzersternchen aus ihren Haaren und schüttelte sie in ihrer Hand hin und her. Hauselfen können so alle möglichen Dinge vermehren, natürlich nur die, die in ihre Hand passten. Sie warf den Flitter in die Luft und ein wahrer Sternregen fiel auf alle herab. Schäfchen sah wunderschön aus in einem weißen Fell mit goldnen Sternchen und Ullis Latzhose war überall mit glänzender Borte verziert. Zaubersternchen sprang von der Schleife, schwang einen klitzekleinen Zauberstab aus Kristall und hundert gleißende Lichtlein schwebten durchs Treppenhaus, es sah sehr festlich aus.
Spinni zog ein besonders schönes Lebkuchenherz aus der Kitteltasche. Den knabberte sie ganz alleine auf, denn bekanntlich essen Stofftiere nicht und Zaubersternchen ernährt sich nur vom sanften Mondlicht.
Die Hauselfe zog aus der dunklsten Ecke des Treppenabsatzes eine kleine Harfe hervor. Zaubersternchen verteilte winzige Notenblätter mit Weihnachtsliedern. Aber weder Schäfchen noch Ulli konnten lesen. Sie summten und brummten einfach mit. Das andere Spielzeug im Haus lauschte andächtig und alle wünschten sich, sie wären auch auf der Treppe. Wie schnell doch eine Stunde vergeht. Nach und nach erloschen die kleinen Lichter. Für Zaubersternchen wurde es Zeit sich zu verabschieden. Spinni machte so gut es ging den Glitzersternenzauber wieder rückgängig und wie immer gelang es ihr nicht so ganz. Ein paar Sternchen vergaß sie auf den untersten Stufen. Was für eine schöne Treppenhausweihnachtsfeier hatten sie erlebt. Schäfchen und Ulli saßen zufrieden auf der kalten Treppe und ihnen war ganz warm ums Herz.
Draußen war es schon stockdunkel, als die Kinder in den Flur stürmten und ihr zurückgelassenen Lieblinge heftig umarmten. Oma schaltete das Licht an und fragte verwundert: “Wo kommen denn die Sternchen her?“

Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus
© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003
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23. Mai 2015

...die Süße der Patriarchose

und hier eine kleine glossige Variation zum Thema 'Patriachatskritik':
… um es mal possierlich zu formulieren, das heutige Patriarchat kommt mir (jenseits der sozialen Brennpunkte und den Subkulturen von Kriminalität, Prostitution und religiösen Fanatismus) vor, wie ein in allen Farben schillernder Süßigkeitenladen.
Uns ist inzwischen natürlich allen klar, dass trotz seines lockenden Duftes und seiner bestechenden Buntheit, die süchtig machende Süße und die benebelnde Wirkung des geballten Zucker schädlich für Zähne und den gesamten Organismus ist. Aber wir greifen trotzdem zu und wähnen uns im Paradies.
Selbstverständlich wird an all der Zuckrigkeit auch immer wieder Kritik geübt. Schon wird in den Medien hier und da zugegeben, dass der Schaden in Zukunft noch größer sein könnte, als wir heute bereit sind zu erkennen und manche fordern sogar den Laden ganz zu schließen. Aber das wollen und können sich die meisten nicht vorstellen - wie soll man leben ohne diese Fülle an Süßem oder Säuerlichen und gab es nicht schon immer Zucker? Können wir nicht froh sein, dass die Menschheit endlich ungehemmt Süßes schlemmen kann?
Doch die Stimmen der Zuckerkritiker mehren sich. Es ist ein Auf und Ab. Und es sehen nur wenige als sinnvoll an den Shop wirklich dicht machen! Denn was ist die Alternative? Etwas Obst und Gemüse?
Vielleicht reicht es ja schon hier und da etwas zu verändern. Man könnte sich dazu durchringen ein paar Produkte abzubauen, zum Beispiel diese harten Drops oder die riesigen Lollis... sind die nicht besonders schlimm?
Aber bis auf ein paar Zuckerkranke, die doch eher die Ausnahme sind, genießt unsere Gesellschaft ihr süßes Dasein und das Gros denkt: was wir für ein Glück doch haben, dass unser Leben ein einziges Zuckerschlecken ist...

2. Februar 2015

Zitat

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“
Astrid Lindgren

29. Oktober 2014

Der wandernde See - ein Märchen



Kaltes Feuer tropft golden durch sieben Siebe.
und rotes Wasser den Fels umschäumt.
Ein silberner Lufthauch bauscht grünhelle Schleier.
wo blau das Moos die Quelle umsäumt.

Inmitten der Zweigen hervor tritt die Muhme.
Das flirrende, blendende Sonnenlicht,
verbirgt ihrem Blick nicht die argen Schatten,
doch dunkles Drohen fürchtet sie nicht.

Sie dreht das Rad, es tanzt die Spindel.
Ein glänzendes Fädchen - gesponnenes Glück -
Der ewige Faden rinnt aus ihren Händen -
so springen vergangene Stunde zurück.

Sie sieht in des weisen Schicksals Kessel
den schändlichen Bann des gläsernen Sees.
Der verwunschen durch die Zeiten wandert,
sein Herr hält gefangen die Lilofee.

Der wandernde See in argloser Schönheit,
liegt gläserne im milden Abendrot.
Sein Glitzern trügt lang schon jedwedes Wesen
manch Wandrer fand hier einen magischen Tod.

Der Zauber des Nöck lockt Getier und Mensch
in seinen Bann, betreten sie nur den Ufersand.
Als entseelte Gefährten führt hinweg sie die schöne,
verlorene Fee mit eigener Hand.

Die Muhme gewillt, den Zauber zu lösen,
- zerbrechen soll der gläserne See -
schöpft aus der Quelle des kalten Feuers
beendet so der Gefangenen Weh.

Mit hellem Klingen und gewaltigem Beben
bricht auf immer des dunkelnen Zauberers Siegel -
statt gläserner Glätte weiches Wasser sich wiegt,
zerborsten auf immer der tückische Spiegel.

Der wandernde See, nun ein stilles Gewässer,
auf ewig vom Schmerz und Sehnen befreit.
Weißfarbener Sand umrahmt lieblich das Ufer.
In den Tiefen des Sees kein Wesen mehr weint.

Die Erlösten ziehn heim zu den trauernden Müttern.
Die Nacht senkt sich still über das Land.
Die Muhme verschließt die Quelle des Feuers.
Nimmt Rad und Spindel in die Hand.

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3. August 2014

Leseprobe aus "Jetlag"

Der Alte bewegte sich gemessen. Unter seinem Arm klemmte ein dünnes großformatiges Buch, in seinen Händen trug er ein silbernes Tablett, das er jetzt auf dem Tischchen im Erker abstellte.
"Setzen Sie sich doch! Ich habe Ihnen hier eine wichtige Quelle mitgebracht. Eines der Haushaltsbücher aus dem fraglichen Zeitraum. Da wollen wir doch mal sehen. Ach ja, bedienen Sie sich bitte."
Das war mehr als ich in diesem Gemäuer bisher gewohnt war. Ich nahm auf den mir bekannten Stühlen Platz, die noch genauso zierlich und makellos vor den Damastvorhängen standen, wie ich sie kannte. Die Bezüge schienen nur etwas abgewetzter. Auf einem der Stühle hatte ich erst vor ein paar Tagen, die eigentlich fast 200 Jahre zurück lagen, gesessen. Nur ganz kurz, als wir, Minna und ich, im Zuge der Vorbereitung des hohen Besuchs auch die Bibliothek gründlich entstauben sollten. Da Minna jedoch wusste, dass in all der zur Zeit herrschenden Aufregung niemand unsere Arbeit kontrollieren würde, wedelten wir nur oberflächlich mit den Federbüscheln herum.

Minna zog aus einem der Regale ein paar Bücher heraus und ließ sie, mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Boden fallen.
„Oh je, die schönen Bücher!“ Ihr Lachen strafte die Verzweiflung in ihrer Stimme Lügen. Dann hockte sie sich hin, blätterte in allen herum und sah sich die prächtigen Illustrationen an. „Ach sieh nur, der schöne Prinz“, seufzte sie. Ich setzte mich derweil mit einem antiken Band in die Erkernische. Handgeschrieben, mit feinen Blütenranken verziert und in helles Leder gebunden, schien es eine Art Tagebuch zu sein. Ich las und tat dabei, als bewundere ich nur die Handschrift. Es tat gut, sich zwischendurch einmal hinzusetzen. Außerdem fehlte mir als Dienstbotin hier im Tagesablauf die intellektuelle Herausforderung. Am Abend fiel ich zwar meist todmüde ins Bett, aber die immer gleiche Routine eines Zimmermädchens, ging mir auf den Zeiger. Wie sehnte ich mich manchmal nach der Reizüberflutung meiner Zeit. Ich hatte noch nicht gelernt, die verinnerlichte Hektik des 21. Jahrhundert abzulegen. Den lieben langen Tag auf den Beinen sein und ständig emsig die Hände rühren, wie Hanna, die Königin der Küche, immer zu sagen pflegte, war ich einfach nicht gewohnt. Der stets geregelte und beschauliche Ablauf der vergangenen Epochen verband sich mit ständiger, allerdings meist geruhsamer, Tätigkeit. Minna blickte missbilligend auf: "Du kannst dich doch nicht setzten, was wenn Karl hereinkommt?"
"Du sitzt doch auch!"
"Ich hebe nur die Bücher auf, die dir beim Putzen aus dem Regal gefallen sind!" Und dabei nickte sie huldvoll wie Prinzessin Agathe es zu tun pflegte.

Meine Gedankensprünge in die Vergangenheit wurde je unterbrochen. Der Kastellan Böttcher, wie er sich selbst vorstellte, nahm jetzt auf dem anderen Stühlchen, mir gegenüber, Platz. Bestimmt setzte er sich meinetwegen an diesen romantischen Verweilplatz. Ich blickte ihm forschend und wie ich hoffte, unauffällig ins Gesicht. Ich versuchte eine Ähnlichkeit zu erkennen, denn wenn er sprach, erinnerte er mich schon sehr an Karl.
"Leben Sie schon lange hier?" fragte ich unvermittelt. Er sah mich erstaunt über seinen Brillenrand an.
"Ich meine, Sie passen so gut hierher" Ich war schon wieder dabei mich um Kopf und Kragen zu reden.
Der alte Herr lächelte nachsichtig: "Meine Familie lebt schon mehr als zweihundert Jahre in der Gegend und irgend ein Vorfahr hat immer auf dem Schloss gedient."
Am liebsten hätte ich geheimnisvoll geantwortet: "Ich weiß!"Aber ich biss mir auf die Zunge und nahm einen Schluck von dem angenehm warmen Tee, dessen Geschmack mich an vorgestern erinnerte.

Der Kastellan begann in dem mitgebrachten Buch zu blättern. "So, da wollen wir mal sehen, ob wir fündig werden." Ich schielte auf die Seite ... 3 Fund Zuckerle für gnädig Herzogin 1 Taler ... stand da in steifen Buchstaben. Süßigkeiten für einen Taler, wow, Ihr Durchlaucht begnügte sich eben nicht nur mit den Törtchen und gefüllten Strudeln der Mamsell.
"Das Ausgabenbuch. Hier hat die gute Hanne alles gewissenhaft notiert", sagte mein Gegenüber, als würde er sie persönlich kennen, dabei war ich hier die einzig wirkliche Kennerin.
"Hanne war in jener Zeit die Köchin und Beschließerin des Jagdschlosses." Und beinahe hätte ich schon wieder fast gesagt: Ich weiß!
Er blätterte weiter: "Wenn wir uns die Einkäufe so ansehen, weilten die Herrschaften wohl von Ende März bis Anfang Oktober hier auf Schloss Rabengrund. Oh, sieh an, das ist mir ja noch nie aufgefallen, da gab es, kurz vor der Abreise, eine Beerdigung!"
Ich erschrak. Wer würde wohl aus der herzoglichen Familie das Zeitliche segnen, doch wohl nicht das Prinzesschen? Aber dann überfiel mich ein noch gruseliger Gedanke. Was sagte gerade der gewissenhafte Kastellan und Hobbyforscher? Im Haushaltsbuch der guten Hanne gab es einen Eintrag, der ihm bisher entgangen war? Oder ist er eben erst aufgetaucht, weil mit meiner Anwesenheit in dieser Epoche doch die Ereignisse verändert wurden?


(für eine Freundin)

Tags im Museum

Anne, die lange durch die Besucherleeren Räume des geschlossenen Museums geirrt war, stand nun erschöpft vor einem riesigen Gemälde. Es war ein pompöses Bild, in dessen Tiefe sie sich schier verlieren konnte. Es schien ihr, als könnte sie es betreten. Die Staffagefiguren im Vordergrund waren klein und zierlich, fast winzig, eigentlich passten sie nicht wirklich zur restlichen Bildkomposition. Die prächtige Landschaft, eingehüllt in ein diffuses Licht, lud zum Träumen ein - weit, wundersam, voller Begrenzungen und doch wiederum unendlich. Sie barg wohl manch ein Geheimnis. Hinter dem Wasserfall lag eine riesige Grotte. Sie war nicht wirklich zu sehen, doch Anne wusste, dass sie da war und weit in den angedeuteten Berg reichte. Sie trat etwas näher. Die feinen Pinselstriche des unbekannten Malers ließen die Figürchen im Vordergrund seltsam lebendig erscheinen.
Das kleine Völkchen drängte sich geradewegs aus einer Felsspalte am rechten Bildrand hervor, mit Sack und Pack, auf der Suche nach Sonne und Luft. Überdrüssig seiner langen Verborgenheit in den schützenden Bergen. Ein Zwergentreck von einem Ort zum anderen, auf der Suche nach einer neuen Bleibe - einer Heimat, die mehr zu bieten hatte als Beschaulichkeit und Sicherheit. Und nun fühlte Anne auch ihre Gedanken - im Hoffen auf eine gemeinsame Wohnstätte für das nächste Äon, waren sie entschlossen die liebliche Landschaft zu verlassen. 
Auch wenn hier die Bäume in den Himmel wuchsen und krautige Gewächse exzellente Sonnendächer stellten. Die Weiten und Auen, angefüllt mit Wiesenblumen, deren Duft Insekten anzogen, mit denen sie einst eine, für beide vorteilhaften Kooperation ausgehandelt hatten. Der Wind, der immer noch spürbar und doch sanft durch die Gräser streifte, zeigte ihnen vor langer Zeit den Weg. Der Aufenthalt im ungeschützten lichten Wald konnte für sie jedoch nicht von Dauer sein. Naturgewalten, wie ein kräftiger Landregen, vor dessen mächtigen Tropfen sich das kleine Volk in Acht nehmen musste oder gar Eis und tiefer Schnee im Winter, durften nicht unvorbereitet über sie hereinbrechen. Die glitzernde Grotte hinter den fallenden Wassern wurde ihr Zuflucht und eines Tages der Ort ihres langen magischen Schlafes. 
Was hatte sie nun aufgeweckt? Die sinnende Fantasie eines freimütigen kindlichen Geistes? Die staunenden Augen, welche imstande waren Wunder zu erkennen?
Erwacht in einer veränderten Welt, bleibt ihnen nun die Entscheidung im Bann der Farben zu verharren oder die kühne Flucht aus vergangener Idylle anzutreten. Sie waren und sind es noch immer - ein uraltes und mutiges Völkchen. Noch nie fürchteten sie sich vor einem erneuten Beginn. 

Und so wandten sie sich dem jungen Mädchen zu, das wie in einem Traum und doch mit wachen Sinnen die fast unmerklichen Geschehnisse in dem Gemälde verfolgte. Die Kleidung der kleinen, bunten Gesellschaft verriet dem beklommen Kind, dass diese mehrere hundert Jahre im Schlaf ihrer Erneuerung verbracht hatten. Und ihre zugewandten kleinen Gesichter zeigten deutlich, dass sie sich von ihr Hilfe erhofften. 
Anne stand Auge in Auge mit einer der winzigen Figuren im Gewand einer Marketenderin und sie spürte deren erwartungsvolles Hoffen in ihren Gedanken. Langsam streckte sie ihren Arm aus und berührte mit den Fingerspitzen das Bild. Eine weiche, doch nicht nicht mehr zu durchbrechende Erstarrung erfasste sie und mit mildem Blick verfolgte sie das seltsame Geschehen. Ohne zu zögern stiegen, eins nach dem anderen, die eben noch in der Zweidimensionalität gefangen Leutchen auf ihre Hand. Sie diente ihnen als Brücke in ein neues Leben. Sich gegenseitig stützend, reichten sie ihre Bündel und Stöcke weiter und kletterten geschickt an dem hilfreichen Menschen herab bis auf den Marmorboden des stillen Museumssaal. Nach und nach leerte sich die vordere Ebene des Gemäldes und zurück blieb nur ein verlassener Holzkarren, halb versteckt unter dem Blatt eines Huflattichs. Es dauerte nur wenige Augenblicke und schon entfernten sich mit einem schnellen aber leisem Trappeln kleine Füße. 
Annes Erstarrung löste sich wieder und sie sah sich um. Jedes der Figürchen war sowohl aus dem Bild verschwunden, als auch aus dem großen Ausstellungsraum. Es gab es kein buntes Huschen mehr, kein Wispern oder Rascheln - verflogen das Ganze wie ein Tagtraum. 
Das Mädchen sah auf ihre Uhr - es waren nur wenige Minuten vergangen und so wandte sie sich ab, um weiter nach dem Ausgang zu suchen. Die Müdigkeit war verschwunden. Mit leichten Beinchen und frohen Herzens eilte sie von Saal zu Saal, angetrieben von dem Gedanken, dass sie die einzige war, die das wundersame Geheimnis kannte: das Kleine Volk ist in die Welt der Menschen zurückgekehrt...


 Stephanie Ursula Gogolin - kleine Fingerübung von 2011
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