13. Mai 2020

Glück



Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir 
zur Not selber schreiben.

Franz Kafka

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10. Juli 2018

Die dreizehnte Fee

Die dreizehnte Fee

Die Uralte, die Weise saß am steinernen Becken. Sie zog ihre Hand durch das klare Wasser und all die Bilder, die sie in die Zeiten sehen ließen, verschwanden, nichts blieb zurück als drückende Schwermut und nie gekannte Trauer und der strahlende Sommertag versank in Düsternis...
Der König des Landes missachtete die Uralte Ordnung - wieder und wieder. Zwölf der Schwestern gebot er zu sich, aus Anlass des Tauffestes seiner neugeborenen Tochter. Prächtig gekleidete Diener schickte er aus, junge Burschen, die sich ihrer Stellung am Hofe gewiss, die Einladungen den ausgesuchten Feen hochmütig überreichten. Die jungen Pagen kannten keine Ehrfurcht mehr vor den Weisen Weiber, die überall im Lande lebten und wirkten. Der König lud nur ihrer Zwölf in seine Burg. An manch anderem und auch an ihrem Haus, dem der Dreizehnten, ritten die Boten vorbei.
Einst kam die Mutter der Königin selbst zu ihr und ihren Schwestern, um sie zum Fest zu bitten. In der Nacht der Frauen versammelten sich alle. Und im Schein des vollen Mondes empfahl die junge Mutter ihre neugeborene Tochter dem Kreis der Dreizehn und den Ahninnen, bat um Schutz und Beistand für die künftige Königin. Viel zu früh verstarb sie, die hochverehrte Königin. Und viel zu früh vermählte sich deren Tochter. Jetzt ward diese nach einer langen Wartezeit selbst Mutter und das Königspaar wusste sich vor Glück nicht zu lassen, hieß es im ganzen Land.
Die dreizehnte Fee, die Alte, schritt durch die Räume ihres Palastes. Von außen ward dieser eine unscheinbare Hütte, doch trat man durch die Türe, taten sich im Inneren weite Säle auf, geheimnisvolle Gemächer und Türme, von deren Warte sie Zukünftiges und Vergangenes sah. Hier störte nichts das immer währenden Sein.
Nach vielen Stunden saß sie immer noch auf der Bank des Altans. Zum ersten Mal in ihrem langen Leben war der Tag gekommen, an dem sie ihren sonst so segensreichen Ahnungen fluchen wollte. Ihr Vermögen, das sie unerbittlich sehen ließ, was anderen verborgen blieb, lag heute als schwere Last auf ihren Schultern. Sie sah und erkannte, wohin der Menschen Entscheidungen führten. Es waren leichtfertige und grauame Entscheidungen, die nicht mehr von ewigen Prinzip getragen wurden. Keiner suchte mehr ihren Rat.
Sie schloss ihre Augen, leerte ihren Geist, versank in den Weiten der ewigen Welten. Doch ein bisher nicht bekannter Schmerz zog sie immer wieder zurück, missgönnte ihr heute die Ruhe, welche sonst ihre Kräfte wachsen ließ. Und so beschloss sie, sich auf den Weg zu machen. Mit ihrer Anwesenheit wollte sie dem König zeigen, was er bereit war aufs Spiel zu setzen. Und mit eigenen Augen würde sie sich überzeugen, dass die Königin nicht mehr die Geschicke des Landes lenkte. Nein, sie durfte sich nicht ausschließen lassen, zu wichtig war ihre Vision für die Menschen. Die dreizehnte der Feen begab sich auf den Weg zum königlichen Schloss.
Es war ein leichtes für eine unscheinbare alte Frau die Königspfalz zu betreten. Niemand kümmerte sich um sie, keiner nahm sie gewahr. Das wunderbare Gewand der Feen hielt sie vor den Augen der geschäftigen und froh gestimmten Menschen verborgen. Sie durchschritt die festlich geschmückten Räume der Burg. Unbeachtete schritt sie inmitten all der Rührigkeit. Sie schlängelte sich an Mägden vorbei, die Platten und Schüsseln mit üppigen Speisen aus der Küche brachten und den fein gewandeten Diener zum Servieren übergaben. In den Gängen standen bewaffnete Wachen aufgereiht und an jeder Tür fragte ein Lakai nach dem Begehr, nur die alte Frau nahm er nicht wahr. Das leichte Leben in Vertrauen und Ungebundenheit, die Zeit der kundigen und klugen Frauen ging zu Ende, nie hatte die dreizehnte Fee es deutlicher gesehen, als in diesem Augenblick, da sie den Festsaal des Palas betrat.
Die zwölf Schwestern umstanden bereits die Wiege des Kindes, während die geladenen Gäste schwatzten und tafelten. Und trotz der ganzen, zur Schau getragenen, überschäumenden Ausgelassenheit, lag ein dunkler Schatten auf der anwesenden Festgesellschaft. All die feiernden Gäste, die dem Königspaar zujubelten und mühten sich auch zu verbergen, dass in der Freude über das Kind, auch die Enttäuschung mitschwang. Kein Sohn hatte das Licht der Welt erblickt, es war nur eine Tochter. Wohlgesetzte Reden schmeichelten dem Herrscher und enthielten manch versteckten Tadel für die Königin, welche dem Gatten nicht den erwarteten Erbprinzen geschenkte.
Der Zorn über die Ungehörigkeit und die Unvernunft der erlauchten Gesellschaft stieg erneut in der Alten auf. Und deutlich spürte sie, auch ihre Schwestern fühlten nur zu gut den neuen, den unheilvollen Geist. Die meisten von ihnen trugen einen dünnen Schleier vor ihrem Gesicht, so dass die Anwesenden ihre Besorgnis nicht aus ihren Mienen lesen konnten.
Die Königin, noch erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage, hatte nur Augen für ihre langersehnte kleine Tochter. Selbst die Weisen Frauen, die Feen des Landes, nahm sie kaum wahr. Doch nun erschrak sie, als sie der Dreizehnten angesichtig wurde. Ängstlich blickte sie hin, zu ihrem Gemahl, der zwischen Grafen und Herzögen und deren Gattinnen an der Tafel saß.
Die Alte, die Feenmutter, ließ den Mantel von den Schultern gleiten und stand in ihrer Gewaltigkeit mitten im Saal. Erschrocken verstummten bei ihrem Erscheinen die Gespräche und all das Zuprosten. Sie sah sich lange und bedachtsam um. Dann trat sie an die Wiege der kleinen Prinzessin. Mit großen Augen lachte das Kind sie an und die Fee wurde schier überwältigt von den Offenbarungen, welche vor ihr auftauchten.
Soll die kleine Königstochter in all den Schrecken, den sie so überdeutlich vor sich sah, hineinwachsen? Das Grauen der gewissen Zukunft erleben. Wäre es nicht besser, sie wäre tot? Ihr Geburtsrecht würde sie verlieren, sobald der Bruder geboren würde. Der Vater wird verbieten, sie zu den Weisen Frauen zu schicken, statt dessen wird er sie mit dem Fürsten des Nachbarreichs verheiraten, um den Frieden zu sichern. Fern vom Haus ihrer Ahnin würde sie dort unglücklich eines frühen Todes sterben. Der König wird den Priestern der neuen Religion in allem freie Hand lassen. Sie werden die Zusammenkünfte der Frauen in den Spinnstuben verbieten und das Tun der Hebammen beargwöhnen.
Sie sah eine Zeit des Todes und der Vernichtung.
Die weise Alte richtete sich hoch auf und ihr Spruch ließ die Anwesenden vor Grauen erstarren. Ihren unnachgiebigen Blick auf den König gerichtet, verkündete sie, was sie sah und mahnte zur Einsicht. Dann verließ sie den Saal.
Auch der Spruch der Zwölften, die nach ihr an die Wiege trat, wird die künftigen Geschehnisse nicht aufhalten oder die Morgen abändern, nur hinauszögern. Das war eine bittere Gewissheit. Mag es diese Königstochter noch nicht treffen, so wird sich der Spruch vielleicht an ihrem Kindeskind erfüllen. Einhundert Jahre Schlaf sei ihnen vergönnt! Eine kleine Spanne Zeit. Nur der sich wiederholende Zyklus. Die bekannte Dauer in der sich Erinnerungen allmählich zu Mären und Sagen wandeln - geläuterte Weisheiten, welche die Großmütter den kleinen Töchtern erzählten, damit diese daraus lernen.
Die dreizehnte Fee, die Uralte, wanderte zwischen reifen Feldern und grünen Wiesen heimwärts in die Einsamkeit des Waldes. Sie dachte an ihre Schwestern. Sollen sie dieses Mal noch, wie zu allen Zeiten, die kleine Prinzessin mit ihren Gaben segnen. Eines Tages wachsen Töchter heran, die von all dem nichts mehr erfahren und viele hundert Jahre werden noch ins Land gehen, bis die Märchen dereinst der Schlüssel zu einer neuen Zeit der Frauen werden.
Ab und zu hielt sie inne auf ihrem Weg und wenn sie die Augen schloss, sah sie dunkle Kerker und Ketten. Sie sah riesige Scheiterhaufen lodern und hörte die Schreie der verfolgten und gemarterten Frauen.
Und die dreizehnte der Feen wusste nicht, wie sie all das allein aufhalten könnte.


"Die dreizehnte Fee" © Märchenerzählung von Stephanie Ursula Gogolin, Juni 2010
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Grüße vom Lesekauz




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Seit gestern bin ich unsichtbar...

Seit gestern bin ich unsichtbar!

Bereits seit Tagen, so etwa ab meinem 66 Geburtstag, hege ich den Verdacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Eine Zeitlang muss ich wenigstens noch als Schemen wahrnehmbar gewesen sein, denn ich bekam ab und zu eine direkte Antworten und manchmal erfolgte auch ein Blick in meine Richtung. Das hat sich jetzt wohl endgültig geändert. Seit gestern komme ich mir vor, als trüge ich eine Tarnkappe.

Es fiel mir auf, als ich meine Wohnungstür geräuschvoll schloss und trotzdem von der Nachbarin, die das Treppenhausfenster putzte, nicht gesehen wurde. Und da war noch die Briefträgerin an der Haustür, die meine Post in den Kasten stopfte, obwohl ich unmittelbar daneben stand. Im Bus angerempelt zu werden, war ich ja schon gewohnt. Aber richtig schräg wurde es, als ein Pulk schwatzender Jugendliche den Bus enterte und sich einer auf den Sitzplatz werfen wollte, auf dem ich bereits saß. Da ich ohnehin an der nächsten Haltestelle aussteigen musste, stand ich auf und ging zur Tür. Er fiel auf den Sitz, ohne mich bemerkt zu haben.

Mein Arzttermin, zu dem ich mich begeben hatte, ging ruckzuck. Mein langjähriger Arzt begrüßte mich mit freundlichen Worte, ohne den Blick von meiner Krankenakte auf dem Monitor zu nehmen. Er nickte zustimmend zu meinen Ausführungen, während seine Finger weiter über die Tastatur huschte. Er stellte ein Rezept aus und gab es der Sprechstundenhilfe. Diese wiederum legte es am Empfang zusammen mit dem Zettelchen, auf dem der nächste Termin vermerkt war, vor mich hin, während sie weiter telefonierte. Bei ihrem „Auf Wiedersehen“ war mir nicht klar, ob der Gruss mir galt oder dem Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Verbindung.

Auf dem Heimweg durch den Stadtpark (ich hatte beschlossen zu laufen, um meine Gedanken zu ordnen), kam mir ein Trupp junger Männer entgegen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe immer ein leicht mulmiges Gefühl, wenn eine Gruppe Jungs, womöglich mit eindeutiger Nahostherkunft, in einer stillen Straße auf mich zukommt. Aber sie gingen ungerührt um mich herum. Klar, es war ein wenig eng, aber keiner von ihnen schien mich wahrzunehmen. Schwadronierend schlenderten sie weiter. Ein wenig verwirrt betrat ich die vor mir auftauchende kleine Bäckerei. Die Verkäuferin, die eben noch lächelnd mit dem Kunden vor mir scherzte, legte nun mit leerem Blick die Brötchentüte auf den Tresen und strich das abgezählte Geld ein. Dann schob mich die nächste Kundin weiter.

Heute morgen nun schien sich nichts geändert zu haben. Der Paketbote hielt mir, auf die Wand starrend, das Gerät zur Unterschrift hin und ging grußlos die Treppe hinab. Der Handwerker, der sich schon vor drei Tagen angekündigt hatte, betrat nach dem Türöffnen stracks mein Bad und begann zu werkeln. Meinen Scherz, „Ach, da sind sie ja schon!“, quittierte er mit einem vagen Lächeln. Wahrscheinlich konnte er sich nicht erklären woher die Stimme kam.

Für mich stand heute noch ein wichtiger Termin an. Diesmal fuhr ich mit dem Auto zu einer weit entfernt liegenden Behörde. Ich stand geduldig in der Warteschlange und als ich endlich an der Reihe war, mahnte die Frau hinter dem Schalter „Der Nächste bitte...“, ohne zu bemerken, dass ich direkt vor ihr stand. Ich trug mein Anliegen vor und die Sachbearbeiterin schloss daraus, dass da jemand sein musste. Sie rückte ihre Brille gerade und starrte angestrengt durch das Kundenfenster, jedoch ohne mich wirklich zu sehen. Ich erklärte die näheren Umstände meiner Beschwerde (zu hören war ich offensichtlich noch) und bekam ein Formular zu geschoben, das ich ausfüllen und einschicken sollte. „Der Nächste bitte!“

Als jedoch ein paar Minuten später, auf dem Parkplatz vor dem Behördenzentrum, jemand mit Schwung rückwärts ausparkte und mein kleines Auto touchierte, dachte ich nur noch, während ich dem davon brausenden Fahrer hinterher sah: "Verdammt! Jetzt ist auch noch mein Auto unsichtbar."

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11. April 2018

aus dem geheimen Kodex der Kobolde


verschwende deine Gaben im richtigen Augenblick ! 

(3. erdige Weisheit des Koboldkodex)

1. April 2018

Erinnerung



NEUNZEHNHUNDERTVIERUNDACHTZIG

Ein Leben lang kann ich nicht warten,

das sah ich endlich schmerzlich ein;

ich packe meine Siebensachen

und lebe erst einmal allein.

Ich packe ein,

die Hoffnung und die Sehnsucht,

falte sie sorgsam, ordentlich.

Ich weiß, ich werde sie noch brauchen,

zurzeit sind sie fast hinderlich.

Ein Stückchen Hoffnung

steck ich in die Tasche,

damit es schon mal greifbar ist.

An dem Beginn des neuen Lebens

genügt es für die erste Frist.

Das Bündel der verlorenen Jahre

füllt fast den ganzen Koffer aus.

Ballast“, ich sollt ihn liegen lassen

und doch trag ich ihn mit hinaus.

Die Tränen fließen so dazwischen,

in Ecken ist noch Platz genug,

ich nehm sie mit, sie sind die Mahner

vor jedem neuen Selbstbetrug.

Die Träume, sie sind sehr zerknittert,

brauchen viel Pflege, doch nicht jetzt.

Erst später werde ich sie sichten,

heut bin ich noch zu sehr verletzt.

Den Glauben meiner fernen Kindheit

verlor ich, doch das macht mich frei,

für neues Wissen und Erkennen,

ich fühl mich froh und leicht dabei.

Er ist randvoll mein kleiner Koffer,

die Liebe passt nicht mehr hinein.

Ich zieh sie an, sie wird mich wärmen,

mein Schutz vor Menschenkälte sein.

Ein letzter Blick noch in die Runde,

und weiß der Abschied ist für immer,

wenn ich jetzt endgültig gehe,

bleibt nur zurück ein leeres Zimmer.


Dezember 1992


8. September 2017

für meine Tochter

...sieh an, da hat doch eine Freundin mein Gedicht auf Facebook gepostet...


Geh einfach

Ob du durchs Licht von Sonnen gehst
oder durch die Schatten fliehst.
Ob der Stab gebrochen wird
oder dein Schicksal: Nova ist;
nichts kann dich hemmen oder binden.
Selbst hinter Mauern bist du frei.
Lös meine Hand, wenn ich dich halte,
es ist kein Risiko dabei.

Greif einfach mutig in die Flamme,
verwebe Dunkelheit und Licht
und achte nicht auf Neid und Warnung:
Im eignen Stern verbrennst du nicht.


Stephanie Ursula Gogolin

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18. Mai 2017

Geschichten aus dem Treppenhaus V

Schlittenfahren

Was für eine Aufregung! Zwei Tage vor Weihnachten hat es tatsächlich geschneit. Seit einer halben Stunde laufen die Kinder, Mama und Oma im Flur auf und ab und packen und suchen und Oma sagt immerzu: „Hoffentlich vergessen wir nichts!“ Sie wollen alle zum Rodeln fahren. Die dicksten Jacken und Mützen wurden hervorgeholt, Ersatzhandschuhe bereit gelegt, Extrasocken und für jeden einen bunten Schal, ach ja und die warme Stiefel natürlich.
Schäfchen und Ulli sitzen auf der Treppe und sehen zu. „Freust du dich auch so?“ flüstert Ulli.
Mama verschwindet im Keller und kommt mit dem großen Holzschlitten zurück. Jetzt ist Schäfchen genauso aufgeregt wie die Kinder. Schlittenfahren! Toll, gestern Abend hat die Oma noch bei der Gute - Nacht - Geschichte davon vorgelesen.
Schäfchen weiß nicht was Schnee ist, denn Schäfchen ist erst seit Ostern bei Johanna und da ist ja bekanntlich Frühling. Aber Schäfchen kann sich noch gut erinnern, dass Mama damals als sie es zum ersten Mal sah, sagte: „Ein Fell so weiß wie Schnee!“ Das würde heute ein tolles Erlebnis werden. Erwartungsvoll sitzt Schäfchen auf der Treppe und zum Glück hat es seinen eigenen kleinen bunten Schal dabei. Gleich geht es los. Ulli sitzt wie immer geduldig daneben.
Paula hängt an der Türklinke und fährt mit der großen Haustür hin und her, was sie nicht soll. Mama packt den Schlitten ins Auto und Oma füllt noch schnell ein paar Weihnachtsplätzchen in eine Tüte. Johanna hat zwei Paar Socken übereinander gezogen. Nun passen die Stiefel nicht mehr. Also muss sie sie wieder ausziehen. Eigentlich sollten die Ersatzsocken in die Tasche zu den Trinkflaschen und den Weihnachtsplätzchen. Mama wird ungeduldig und treibt Johanna an. Oma sammelt die herunter gefallenen Handschuhe auf und scheucht die Kinder zur Tür hinaus und schwupp sind alle draußen.
Schäfchen und Ulli bleiben verdattert im Dunkeln auf der Treppen sitzen. Was für ein Unglück, die Kinder haben sie vergessen! Kein Schnee, kein Schlitten fahren, keine Weihnachtsplätzchenkrümel im Auto. Schäfchen lässt die Ohren hängen und Ulli blickt traurig mit seinen Knopfaugen in den leeren stillen Flur.

Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus
© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003
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Geschichten aus dem Treppenhaus VI



Weihnachten im Treppenhaus

Nun sitzen Ulli und Schäfchen allein im Dunkel.
Im Treppenhaus duftet es nach Weihnachtsbäckerei, Räucherkerzchen und Tannengrün. Mama hat nach dem Backen ganz oben das Dachfenster einen Spalt geöffnet. Es zieht ein bisschen auf der Treppe. Schäfchen sieht nach oben. Ob Stofftiere auch einen Schnupfen kriegen können, so wie Hanna neulich?
“Oh, was ist das?”, fragt Ulli.
Mit dem kühlen Hauch schwebt von der Luke aus ein weißes glitzerndes Etwas durch den langen Schacht des Treppenhauses.
“Weiß nicht”, meint Schäfchen, “ein Stern vielleicht?”
“Nein! Ich glaube, das ist eine Schneeflocke ... aber eine richtige große!” Ulli staunt.
Inzwischen war der strahlend weiße Stern fast unten angekommen. Und ein helles Stimmchen zwitschert: “Schneeflöckchen, Weißröckchen, jetzt kommst du gescheit...” - Ein winzig kleines, glitzerndes Wesen landet elegant auf der sechsten Treppenstufe und sein Strahlen beleuchtete die verblüfften Gesichter von Ulli und Schäfchen.
“Schönen Advent wünsche ich euch, heute schon gesungen?”
Das fröhliche Kristallkind klatscht in seine winzigen Hände: “Was ist denn hier für eine trübe Stimmung und es stuppst Ulli an, so das er fast von der Stufe fiel.
“Wo kommst du denn her?”, fragte Schäfchen, “hast du dich verflogen?”
“Vom Himmel hoch da komm ich her... “trällert es und sprang in die Girlande aus Tannengrün, die am Treppengeländer hängt, um in einer der roten Schleifen zu schaukeln.
“Bist du eine richtige Schneeflocke?”, wollte Ulli wissen.
“Nein, da würde ich ja schmelzen. Ich bin Zaubersternchen und möchte meine Freundin, die Hauselfe besuchen. Aber nun sagt doch mal, warum macht ihr so lange Gesichter?”
Die Beiden gucken immer noch traurig: ”Die Kinder haben uns vergessen”, sagten Schäfchen und Ulli im Chor: “...sie sind ohne uns zum Schlitten fahren und wir wären gern dabei gewesen.”
“Na seit doch froh, draußen ist es kalt und wenn man in den Schnee fällt, wird man auch noch nass.”
“Aber hier ist es langweilig”, sagt Ulli ein wenig trotzig.
“Ach keine Trauer an einem so schönen Vorweihnachtstag, kommt wir singen was: “Kling Glöckchen, klingelingeling....”
“Hallo, was ist denn hier los?” Spinni, die Hauselfe pflegt wie immer plötzlich zwischen den Stäben des Treppengeländer aufzutauchen. Ihr hellblaues Kittelchen warf heute grünliche Schatten und um den Hals lag kunstvoll verschlungen einen Lamettafaden. Auf dem Kopf trug sie einige von den kleine goldnen Glitzersternen, die Paula neulich beim Basteln unter den Tisch geworfen hatte. “Da bist du ja mein liebes Zaubersternchen, ist das Jahr schon um?” - “Ganz recht Spinni, in zwei Tagen beginnen die Weihnächte, wie schnell doch die Zeit vergeht!” Und sofort flötete sie ein “Oh du fröhliche...” hinterher.
Schäfchen und Ulli saßen mit großen Augen dabei und fanden die Unterhaltung recht kurzweilig.
“Schön, dann lasst uns ein bisschen feiern”, Spinni nahm ein paar von den Glitzersternchen aus ihren Haaren und schüttelte sie in ihrer Hand hin und her. Hauselfen können so alle möglichen Dinge vermehren, natürlich nur die, die in ihre Hand passten. Sie warf den Flitter in die Luft und ein wahrer Sternregen fiel auf alle herab. Schäfchen sah wunderschön aus in einem weißen Fell mit goldnen Sternchen und Ullis Latzhose war plötzlich überall mit glänzender Borte verziert. Zaubersternchen sprang von der Schleife, schwang einen klitzekleinen Zauberstab aus Kristall und hundert gleißende Lichtlein schwebten durchs Treppenhaus, es sah sehr festlich aus.
Spinni zog ein besonders schönes Lebkuchenherz aus der Kitteltasche. Das knabberte sie ganz alleine auf, denn bekanntlich essen Stofftiere nicht und Zaubersternchen ernährt sich nur vom sanften Mondlicht.
Die Hauselfe zog aus der dunklsten Ecke des Treppenabsatzes eine kleine Harfe hervor. Zaubersternchen verteilte winzige Notenblätter mit Weihnachtsliedern. Aber weder Schäfchen noch Ulli konnten lesen. Sie summten und brummten einfach mit. Das andere Spielzeug im Haus lauschte andächtig und alle wünschten sich, sie wären auch auf der Treppe. Wie schnell doch eine Stunde vergeht. Nach und nach erloschen die kleinen Lichter. Für Zaubersternchen wurde es Zeit sich zu verabschieden. Spinni machte so gut es ging den Glitzersternenzauber wieder rückgängig und wie immer gelang es ihr nicht so ganz. Ein paar Sternchen vergaß sie auf den untersten Stufen. Was für eine schöne Treppenhausweihnachtsfeier und erst der stimmungsvolle Gesang. Schäfchen und Ulli saßen zufrieden auf der kalten Treppe und ihnen war ganz warm ums Herz.
Es war draußen schon stockdunkel, als die Kinder in den Flur stürmten und ihr zurückgelassenen Lieblinge heftig umarmten. Oma schaltete das Licht an und fragte verwundert: “Wo kommen denn die Sternchen her?“

Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus
© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003
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23. Mai 2015

...die Süße der Patriarchose

und hier eine kleine glossige Variation zum Thema 'Patriachatskritik':
… um es mal possierlich zu formulieren, das heutige Patriarchat kommt mir (jenseits der sozialen Brennpunkte und den Subkulturen von Kriminalität, Prostitution und religiösen Fanatismus) vor, wie ein in allen Farben schillernder Süßigkeitenladen.
Uns ist inzwischen natürlich allen klar, dass trotz seines lockenden Duftes und seiner bestechenden Buntheit, die süchtig machende Süße und die benebelnde Wirkung des geballten Zucker schädlich für Zähne und den gesamten Organismus ist. Aber wir greifen trotzdem zu und wähnen uns im Paradies.
Selbstverständlich wird an all der Zuckrigkeit auch immer wieder Kritik geübt. Schon wird in den Medien hier und da zugegeben, dass der Schaden in Zukunft noch größer sein könnte, als wir heute bereit sind zu erkennen und manche fordern sogar den Laden ganz zu schließen. Aber das wollen und können sich die meisten nicht vorstellen - wie soll man leben ohne diese Fülle an Süßem oder Säuerlichen und gab es nicht schon immer Zucker? Können wir nicht froh sein, dass die Menschheit endlich ungehemmt Süßes schlemmen kann?
Doch die Stimmen der Zuckerkritiker mehren sich. Es ist ein Auf und Ab. Und es sehen nur wenige als sinnvoll an den Shop wirklich dicht machen! Denn was ist die Alternative? Etwas Obst und Gemüse?
Vielleicht reicht es ja schon hier und da etwas zu verändern. Man könnte sich dazu durchringen ein paar Produkte abzubauen, zum Beispiel diese harten Drops oder die riesigen Lollis... sind die nicht besonders schlimm?
Aber bis auf ein paar Zuckerkranke, die doch eher die Ausnahme sind, genießt unsere Gesellschaft ihr süßes Dasein und das Gros denkt: was wir für ein Glück doch haben, dass unser Leben ein einziges Zuckerschlecken ist...

2. Februar 2015

Zitat

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“
Astrid Lindgren

29. Oktober 2014

Der wandernde See - ein Märchen



Kaltes Feuer tropft golden durch sieben Siebe.
und rotes Wasser den Fels umschäumt.
Ein silberner Lufthauch bauscht grünhelle Schleier.
wo blau das Moos die Quelle umsäumt.

Inmitten der Zweigen hervor tritt die Muhme.
Das flirrende, blendende Sonnenlicht,
verbirgt ihrem Blick nicht die argen Schatten,
doch dunkles Drohen fürchtet sie nicht.

Sie dreht das Rad, es tanzt die Spindel.
Ein glänzendes Fädchen - gesponnenes Glück -
Der ewige Faden rinnt aus ihren Händen -
so springen vergangene Stunde zurück.

Sie sieht in des weisen Schicksals Kessel
den schändlichen Bann des gläsernen Sees.
Der verwunschen durch die Zeiten wandert,
sein Herr hält gefangen die Lilofee.

Der wandernde See in argloser Schönheit,
liegt gläserne im milden Abendrot.
Sein Glitzern trügt lang schon jedwedes Wesen
manch Wandrer fand hier einen magischen Tod.

Der Zauber des Nöck lockt Getier und Mensch
in seinen Bann, betreten sie nur den Ufersand.
Als entseelte Gefährten führt hinweg sie die schöne,
verlorene Fee mit eigener Hand.

Die Muhme gewillt, den Zauber zu lösen,
- zerbrechen soll der gläserne See -
schöpft aus der Quelle des kalten Feuers
beendet so der Gefangenen Weh.

Mit hellem Klingen und gewaltigem Beben
bricht auf immer des dunkelnen Zauberers Siegel -
statt gläserner Glätte weiches Wasser sich wiegt,
zerborsten auf immer der tückische Spiegel.

Der wandernde See, nun ein stilles Gewässer,
auf ewig vom Schmerz und Sehnen befreit.
Weißfarbener Sand umrahmt lieblich das Ufer.
In den Tiefen des Sees kein Wesen mehr weint.

Die Erlösten ziehn heim zu den trauernden Müttern.
Die Nacht senkt sich still über das Land.
Die Muhme verschließt die Quelle des Feuers.
Nimmt Rad und Spindel in die Hand.

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3. August 2014

Leseprobe aus "Jetlag"

Der Alte bewegte sich gemessen. Unter seinem Arm klemmte ein dünnes großformatiges Buch, in seinen Händen trug er ein silbernes Tablett, das er jetzt auf dem Tischchen im Erker abstellte.
"Setzen Sie sich doch! Ich habe Ihnen hier eine wichtige Quelle mitgebracht. Eines der Haushaltsbücher aus dem fraglichen Zeitraum. Da wollen wir doch mal sehen. Ach ja, bedienen Sie sich bitte."
Das war mehr als ich in diesem Gemäuer bisher gewohnt war. Ich nahm auf den mir bekannten Stühlen Platz, die noch genauso zierlich und makellos vor den Damastvorhängen standen, wie ich sie kannte. Die Bezüge schienen nur etwas abgewetzter. Auf einem der Stühle hatte ich erst vor ein paar Tagen, die eigentlich fast 200 Jahre zurück lagen, gesessen. Nur ganz kurz, als wir, Minna und ich, im Zuge der Vorbereitung des hohen Besuchs auch die Bibliothek gründlich entstauben sollten. Da Minna jedoch wusste, dass in all der zur Zeit herrschenden Aufregung niemand unsere Arbeit kontrollieren würde, wedelten wir nur oberflächlich mit den Federbüscheln herum.

Minna zog aus einem der Regale ein paar Bücher heraus und ließ sie, mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Boden fallen.
„Oh je, die schönen Bücher!“ Ihr Lachen strafte die Verzweiflung in ihrer Stimme Lügen. Dann hockte sie sich hin, blätterte in allen herum und sah sich die prächtigen Illustrationen an. „Ach sieh nur, der schöne Prinz“, seufzte sie. Ich setzte mich derweil mit einem antiken Band in die Erkernische. Handgeschrieben, mit feinen Blütenranken verziert und in helles Leder gebunden, schien es eine Art Tagebuch zu sein. Ich las und tat dabei, als bewundere ich nur die Handschrift. Es tat gut, sich zwischendurch einmal hinzusetzen. Außerdem fehlte mir als Dienstbotin hier im Tagesablauf die intellektuelle Herausforderung. Am Abend fiel ich zwar meist todmüde ins Bett, aber die immer gleiche Routine eines Zimmermädchens, ging mir auf den Zeiger. Wie sehnte ich mich manchmal nach der Reizüberflutung meiner Zeit. Ich hatte noch nicht gelernt, die verinnerlichte Hektik des 21. Jahrhundert abzulegen. Den lieben langen Tag auf den Beinen sein und ständig emsig die Hände rühren, wie Hanna, die Königin der Küche, immer zu sagen pflegte, war ich einfach nicht gewohnt. Der stets geregelte und beschauliche Ablauf der vergangenen Epochen verband sich mit ständiger, allerdings meist geruhsamer, Tätigkeit. Minna blickte missbilligend auf: "Du kannst dich doch nicht setzten, was wenn Karl hereinkommt?"
"Du sitzt doch auch!"
"Ich hebe nur die Bücher auf, die dir beim Putzen aus dem Regal gefallen sind!" Und dabei nickte sie huldvoll wie Prinzessin Agathe es zu tun pflegte.

Meine Gedankensprünge in die Vergangenheit wurde je unterbrochen. Der Kastellan Böttcher, wie er sich selbst vorstellte, nahm jetzt auf dem anderen Stühlchen, mir gegenüber, Platz. Bestimmt setzte er sich meinetwegen an diesen romantischen Verweilplatz. Ich blickte ihm forschend und wie ich hoffte, unauffällig ins Gesicht. Ich versuchte eine Ähnlichkeit zu erkennen, denn wenn er sprach, erinnerte er mich schon sehr an Karl.
"Leben Sie schon lange hier?" fragte ich unvermittelt. Er sah mich erstaunt über seinen Brillenrand an.
"Ich meine, Sie passen so gut hierher" Ich war schon wieder dabei mich um Kopf und Kragen zu reden.
Der alte Herr lächelte nachsichtig: "Meine Familie lebt schon mehr als zweihundert Jahre in der Gegend und irgend ein Vorfahr hat immer auf dem Schloss gedient."
Am liebsten hätte ich geheimnisvoll geantwortet: "Ich weiß!"Aber ich biss mir auf die Zunge und nahm einen Schluck von dem angenehm warmen Tee, dessen Geschmack mich an vorgestern erinnerte.

Der Kastellan begann in dem mitgebrachten Buch zu blättern. "So, da wollen wir mal sehen, ob wir fündig werden." Ich schielte auf die Seite ... 3 Fund Zuckerle für gnädig Herzogin 1 Taler ... stand da in steifen Buchstaben. Süßigkeiten für einen Taler, wow, Ihr Durchlaucht begnügte sich eben nicht nur mit den Törtchen und gefüllten Strudeln der Mamsell.
"Das Ausgabenbuch. Hier hat die gute Hanne alles gewissenhaft notiert", sagte mein Gegenüber, als würde er sie persönlich kennen, dabei war ich hier die einzig wirkliche Kennerin.
"Hanne war in jener Zeit die Köchin und Beschließerin des Jagdschlosses." Und beinahe hätte ich schon wieder fast gesagt: Ich weiß!
Er blätterte weiter: "Wenn wir uns die Einkäufe so ansehen, weilten die Herrschaften wohl von Ende März bis Anfang Oktober hier auf Schloss Rabengrund. Oh, sieh an, das ist mir ja noch nie aufgefallen, da gab es, kurz vor der Abreise, eine Beerdigung!"
Ich erschrak. Wer würde wohl aus der herzoglichen Familie das Zeitliche segnen, doch wohl nicht das Prinzesschen? Aber dann überfiel mich ein noch gruseliger Gedanke. Was sagte gerade der gewissenhafte Kastellan und Hobbyforscher? Im Haushaltsbuch der guten Hanne gab es einen Eintrag, der ihm bisher entgangen war? Oder ist er eben erst aufgetaucht, weil mit meiner Anwesenheit in dieser Epoche doch die Ereignisse verändert wurden?


(für eine Freundin)

Tags im Museum

Anne, die lange durch die Besucherleeren Räume des geschlossenen Museums geirrt war, stand nun erschöpft vor einem riesigen Gemälde. Ein pompöses Bild, in dessen Tiefe sie sich schier verlieren konnte, bedeckte fast die ganze Wand. Es schien ihr fast, als könnte sie in das üppige Grün des Gemäldes hineintreten. Die Staffagefiguren im Vordergrund waren klein und zierlich, fast winzig, eigentlich passten sie nicht wirklich zur restlichen Bildkomposition. Die prächtige Landschaft, eingehüllt in ein diffuses Licht, lud zum Träumen ein - weit, wundersam, voller Begrenzungen und doch wiederum unendlich. Sie barg wohl manch ein Geheimnis. Hinter dem Wasserfall lag eine riesige Grotte. Sie war nicht wirklich zu sehen, doch Anne wusste, dass sie da war und weit in den angedeuteten Berg reichte. Sie trat etwas näher. Die feinen Pinselstriche des unbekannten Malers ließen die Figürchen im Vordergrund seltsam lebendig erscheinen.
Das kleine Völkchen drängte sich geradewegs aus einer Felsspalte am rechten Bildrand hervor, mit Sack und Pack, auf der Suche nach Sonne und Luft. Überdrüssig seiner langen Verborgenheit in den schützenden Bergen. Ein Zwergentreck von einem Ort zum anderen, auf der Suche nach einer neuen Bleibe - einer Heimat, die mehr zu bieten hatte als Beschaulichkeit und Sicherheit. Und nun fühlte Anne auch ihre Gedanken - im Hoffen auf eine gemeinsame Wohnstätte für das nächste Äon, waren sie entschlossen die liebliche Landschaft zu verlassen. 
Auch wenn hier die Bäume in den Himmel wuchsen und krautige Gewächse exzellente Sonnendächer stellten. Die Weiten und Auen, angefüllt mit Wiesenblumen, deren Duft Insekten anzogen, mit denen sie einst eine, für beide vorteilhaften Kooperation ausgehandelt hatten. Der Wind, der immer noch spürbar und doch sanft durch die Gräser streifte, zeigte ihnen vor langer Zeit den Weg. Der Aufenthalt im ungeschützten lichten Wald konnte für sie jedoch nicht von Dauer sein. Naturgewalten, wie ein kräftiger Landregen, vor dessen mächtigen Tropfen sich das kleine Volk in Acht nehmen musste oder gar Eis und tiefer Schnee im Winter, durften nicht unvorbereitet über sie hereinbrechen. Die glitzernde Grotte hinter den fallenden Wassern wurde ihr Zuflucht und eines Tages der Ort ihres langen magischen Schlafes. 
Was hatte sie nun aufgeweckt? Die sinnende Fantasie eines freimütigen kindlichen Geistes? Die staunenden Augen, welche imstande waren Wunder zu erkennen?
Erwacht in einer veränderten Welt, bleibt ihnen nun die Entscheidung im Bann der Farben zu verharren oder die kühne Flucht aus vergangener Idylle anzutreten. Sie waren und sind es noch immer - ein uraltes und mutiges Völkchen. Nie fürchteten sie sich vor einem erneuten Beginn. 

Und so wandten sie sich dem jungen Mädchen zu, das wie in einem Traum und doch mit wachen Sinnen die fast unmerklichen Geschehnisse in dem Gemälde verfolgte. Die Kleidung der kleinen, bunten Gesellschaft verriet dem beklommen Kind, dass diese mehrere hundert Jahre im Schlaf ihrer Erneuerung verbracht hatten. Und ihre zugewandten kleinen Gesichter zeigten deutlich, dass sie sich von ihr Hilfe erhofften. 
Anne stand Auge in Auge mit einer der winzigen Figuren im Gewand einer Marketenderin und sie spürte deren erwartungsvolles Hoffen in ihren Gedanken. Langsam streckte sie ihren Arm aus und berührte mit den Fingerspitzen das Bild. Eine weiche, doch nicht nicht mehr zu durchbrechende Erstarrung erfasste sie und mit mildem Blick verfolgte sie das seltsame Geschehen. Ohne zu zögern stiegen, eins nach dem anderen, die eben noch in der Zweidimensionalität gefangen Leutchen auf ihre Hand. Sie diente ihnen als Brücke in ein neues Leben. Sich gegenseitig stützend, reichten sie ihre Bündel und Stöcke weiter und kletterten geschickt an dem hilfreichen Menschen herab bis auf den Marmorboden des stillen Museumssaal. Nach und nach leerte sich die vordere Ebene des Gemäldes und zurück blieb nur ein verlassener Holzkarren, halb versteckt unter dem Blatt eines Huflattichs. Es dauerte nur wenige Augenblicke und schon entfernten sich mit einem schnellen aber leisem Trappeln kleine Füße. 
Annes Erstarrung löste sich wieder und sie sah sich um. Jedes der Figürchen war sowohl aus dem Bild verschwunden, als auch aus dem großen Ausstellungsraum. Es gab es kein buntes Huschen mehr, kein Wispern oder Rascheln - verflogen das Ganze wie ein Tagtraum. 
Das Mädchen sah auf ihre Uhr - es waren nur wenige Minuten vergangen und so wandte sie sich ab, um weiter nach dem Ausgang zu suchen. Die Müdigkeit war verschwunden. Mit leichten Beinchen und frohen Herzens eilte sie von Saal zu Saal, angetrieben von dem Gedanken, dass sie die einzige war, die das wundersame Geheimnis kannte: das Kleine Volk ist in die Welt der Menschen zurückgekehrt...


 Stephanie Ursula Gogolin - kleine Fingerübung von 2011
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27. April 2014

Gedicht, nett, im Internet


Das imaginäre Du

Du sitzt mir nicht gegenüber
Du bist gar nicht wirklich da
Du nur bist virtuell vorhanden
Alles andre, nur nicht nah
Du bist die neueste
der Vertrauten!
Wir sprachen schon
Am Telefon
Ich sah auch heut ein Bild von dir
Jedoch dein Lächeln ist nicht hier
Ich würd dich nicht grad ,Fremde' nennen
Behaupte nicht, dich schon zu kennen
Wir tauschen gern
das macht es wett
Gedanken aus
im Internet...

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15. November 2013

... ach, der September ist schon vorbei?

Wenn ich heut aus dem Fenster seh …

September geht und nimmt
den Sommer mit.
Das erste Gold streun’
Bäume ihm auf diesen Weg.
Der Apfelbaum zeigt stolz
die kleinen roten Sonnen her.
Noch leuchtet bunte Blumenpracht
steht hinterm Gartenzaun Spalier.
Der Himmel über mir scheint leer,
nicht eine Schwalbe ist mehr hier!

Frau Trude zieht den grauen Vorhang zu!
Dahinter kann die Sonne sich verkleiden.
Sie legt das grelle Strahlen ab,
erscheint nun mild, nicht mehr so feurig.
Ihr Platz über dem Wald ist leicht verrutscht,
wenn sie jetzt abends untergeht.
Derweil schon hier und da ein
kräftiger, auch kalter Wind
das wohlig warme Sommerfeeling,
das heit're Sitzen auf Terrassen,
die Sommersprossenmöglichkeiten,
ganz einfach so verweht...

Mabon 2008

29. Oktober 2013

Erinnerungen

Aus gegebenen Anlass eine fast vergessene Erzählung aus dem Sammelbändchen: Geschichten aus dem Treppenhaus

Können Elfen traurig sein? 


Hanna und Paula laufen treppauf treppab. Sie suchen ihre Hausschuhe und die zurecht gelegten Spielsachen zusammen. Im Haus sieht es heute recht merkwürdig aus. Die Regale sind leer, die Schranktüren stehen offen und Hanna stolpert eben über einen der vielen Kartons. Die Familie packt. Mama wird demnächst in einer anderen Stadt singen und nun müssen alle umziehen, Mama, Hanna, Paula und Oma. In all dem Durcheinander achtet kaum jemand auf Spinni. Die kleine Hauselfe sitzt auf der Treppe, baumelt mit den Füßen. Sie ist traurig. Die Kinder gehen weg.
Hanna hüpft mit Schäfchen im Arm auf dem Treppenabsatz herum: „Kommt der Papa bald?“
Während morgen die Möbel verladen werden, sind die Kinder beim Papa. Erst wenn die neue Wohnung fertig eingeräumt ist, bringt Papa die Zwillinge wieder zur Mama und Oma. Papa wohnt in einer anderen Stadt.
Mama sagt: „Bestimmt steht er wieder auf der Autobahn...“ - „Im Staub“ ergänzt Paula. Alle lachen. Dann wird eifrig weiter gepackt. Und da alle schrecklich beschäftigt sind, hört niemand, wie Spinni tief seufzt. Seit über einhundert Jahren gibt es dieses Haus und zum ersten Mal wohnen so nette Kinder hier. Viel zu kurz, wie die kleine Treppenhauselfe findet. Es wird ab morgen bestimmt sehr einsam werden.
Kein abendlicher Plausch mehr, mit Schäfchen und Teddy in der hinteren Ecke der Kinderbetten. Kein Kaffeetrinken in der Puppenstube. Kein Kramen mehr in Paulas vielen Schatzkästchen. Immer wenn Oma sich über Paulas Unordnung wunderte, schämte sie sich ein bisschen - aber Paulas kleine Sammlungen sind zu schön. Spinni seufzt tief. Es wird kein heimliches Malen mit Hannas Stiften und Farbtöpfen geben. Kein Naschen in der Küche beim Kekse backen und kein Spaß, wenn der bunte Ball die Treppe herunter springt. Spinni seufzt noch lauter, aber niemand hört sie.
Mama schickt die Kinder nach unten zum Schuhe anziehen, gleich werden sie abgeholt. Bis morgen früh, wenn der Möbelwagen kommt, muss alles fertig sein. Bis dahin ist noch viel zu tun. Die Zimmer ganz leer räumen, die Umzugskartons beschriften, die Blumentöpfe in das Auto von Mama laden, alles einmal ausfegen.
Mit mehren kleinen Teddys und einem Stoffhund unter dem Arm tappt Paula vorsichtig die Treppe herunter, selbst auf den Treppenabsätzen stehen Kartons, die Puppenwagen und Zimmerpflanzen. Johanna räumt noch ihr Malzeug zusammen, sie hat noch einmal das Kinderzimmer gezeichnet, damit sie nicht vergisst, wo alles gestanden hat. In der neuen Wohnung wird alles ganz anders aussehen: ”Ich komme gleich...”, ruft sie die Treppe hinunter.
Paula zieht schon ihre Schuhe an, was sehr schwierig ist, wenn man die Teddys nicht loslassen möchte. Da, jetzt hört sie ganz deutlich ein kleines Seufzen. Hinter einem der Kartons mit den Kinderbüchern luken die silbrigen Strubbelhaare von Spinni hervor. Paula schiebt den Kasten zur Seite und sieht die Hauselfe mit hängendem Köpfchen und schlaff herab baumelnden Schuhspitzen auf der Treppenstufe hocken. Ganz matt und grau sieht heute ihr Kleidchen aus.
„Traurig?“, fragt Paula. Ein noch tieferer Seufzer war die Antwort. Paula versteht. „Komm doch mit! Steig morgen einfach in den Möbelwagen“, flüstert Paula ihr zu.
„Das geht nicht, ich bin eine Hauselfe und kann mein Haus nicht verlassen.“
Schade! Jetzt ist Paula auch ganz traurig. Das ist ein schwerer Abschied. Bestimmt sehen sie sich nie wieder. Die sonst so fröhliche Spinni wippt nur traurig mit den Füßen.
„Ihr müsstet ein Stück vom Haus mitnehmen, dann könnte ich euch begleiten. Ratz, der Kellergeist hat es mir erzählt.“
„Wer ist Ratz?“ Hanna sitzt plötzlich auch neben den beiden auf der Treppe. „Den haben wir noch gar nie nich getroffen!“
„Ach, der wohnt schon lange nicht mehr hier. Bestimmt ist er weg gegangen, als damals die Handwerker die Heizungsrohre ausgewechselt haben.“ So nieder geschlagen haben die Kinder Spinni noch nie erlebt.
„Können wir nicht auch ein Rohr mitnehmen?” fragt Paula.
„Das geht doch nicht!“ Hanna schüttelt den Kopf und überlegt, was gehört zum Haus und ließe sich trotzdem einpacken.
„Oh, nein!“, schreit Mama plötzlich und dann poltert etwas laut die Treppe hinunter. Jetzt klirrt es auch noch. Oma kommt herbei gestürzt: „Was ist passiert?“
Mama ruft von oben: „Ich bin mit der Kiste an den lockeren Knopf vom Treppengeländer gestoßen und das blöde Ding ist in die offene Geschirrkiste gefallen, jetzt ist eine Tasse kaputt.“
Und dann schimpft sie in der oberen Etage noch ein bisschen vor sich hin. Oma winkt ab, bei einem Umzug geht immer etwas entzwei.
Die Kinder rennen die Stufen wieder nach oben. Natürlich wollen sie wissen welche Tasse entzwei ist. Hoffentlich nicht die mit den lila Schnecken, die mag Paula am liebsten.
„Schneidet euch nicht.“, mahnt die Oma von unten. Paula nimmt den geschnitzten Knauf aus der Kiste, einer von Mamas Kaffeebechern liegt in Scherben.
„Du blödes Ding!“, sagt Paula zu der Holzkugel.
„Du gutes Ding!“, sagt Spinni mit Betonung und sieht die Kinder an. Hanna nimmt Paula das abgefallene Teil des Treppengeländers schnell aus der Hand. Sie wühlt zwischen dem verpackten Geschirr und schon ist der Holzknauf ganz weit unten im Karton verschwunden. Noch bevor sich Paula darüber aufregen kann, dass Hanna ihr wieder einmal etwas aus der Hand gerissen hat, klingelt es. 

„Der Papa kommt.“ Die Kinder stürmen die Treppe hinunter. Sie können nicht schnell genug die Haustür öffnen. „Na, meine Mäuse, seid ihr fertig?“ fragt der Papa.
Spinni, die Hauselfe, sitzt zufrieden lächelnd auf dem Karton, baumelt mit den Füßen und ihre Schuhspitzen sind lustig nach oben gebogen. Durch das Dachfenster scheint jetzt die Sonne herein und im Sonnenschein schimmert ihr Kleidchen Veilchenblau.



© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003

16. August 2013

Yin und Yang

Yin und Yang

„Komm zum Frühstück, Yang! Hörst du, ... Frühstück ist fertig.“

Mutter Yin gähnte, sie war etwas müde heute Morgen... es war eine lange, wilde Nacht gewesen.

Bis zum Sonnenaufgang hatten sie mit den Frauen auf der Waldlichtung hinter dem Dorf getanzt, den berauschende Trank aus dem blanken Kessel getrunken, die alten Lieder für die Dunkle Göttin der Frauen gesungen.

Die jungen und alten Mütter des Dorfes feierten einmal im Jahr das große Mondfest. In jenen Nächten wurden die uralten Geheimnisse des Glücks an die jungen Frauen weitergereicht. Träume offenbart, Schmerzen gewandelt, Leiden dem Feuer übergeben. Kein Mann war zu diesen Festen zugelassen, selbst nicht so ein kleiner wie Yang.

„Wo warst du in der Nacht, Mutter Yin?“

„Mit den Müttern in der Anderen, der Dunklen Welt - der Welt der Mondfrau, wie immer um diese Zeit des Jahres.“, sagte sie leise und geheimnisvoll.

„Des Nacht ist es finster und gruselig. Hast du keine Angst?“

„Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich des Nachts Angst hätte?“, lachte Yin. Sie strich ihrem Kind über Kopf: „...und mit all den anderen Müttern bin ich nie allein!“

„Ich finde die Sonne schöner, als die bleiche Mondmutter. Manchmal sieht man nur in kleines Stück von ihr, als hätte die Sonne ein Stück abgebissen.“ Yang hielt seiner Mutter sein Schälchen hin und Yin füllte es wieder auf.

„Ob wir sie sehen oder nicht, die Mondfrau ist immer da. Ohne den Mond gäbe es kein Leben auf der Erde! Doch nun geh hinaus, die anderen warten schon! Spiel mit ihnen in der Sonne. Das Licht ist gut für deine Kraft und deine Knochen.“

Der kleine Yang stopfte sich den letzten Bissen morgendlichen Breis in seinen immer hungrigen Mund, während er seiner Mutter zusah und ihrem leisen Singen lauschte. Er dachte über Yins Worte nach.

„Ich glaube, ich bin nur ein Kind der Sonne - aber du kennst sie alle, die Sonne, die Sterne, den Mond. Auch die finstere Nacht, meine liebe Mondmutter!“, lachte der kleine Yang. Sein Breischälchen zur Seite schiebend, stürmte er zur Tür hinaus.

Yin sah ihrem Sohn nachsichtig hinterher: „...das hast du richtig erkannt, mein Kind!“


... eine Medivision von Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg Januar 2012

3. Juli 2013

Mord ist ihr Hobby

… da morden sie nun endlich eifrig mit, die Frauen. 
Krimis über Krimis und neben Spielfilmen jede Menge Serien, überschütten die Entspannung suchende Leser- und Zuschauerin - das Blut tropft auch aus der weiblichen Schreibfeder. 
Wir erfahren viel über pfiffige oder gemütliche Detektive, manchmal auch -innen und über das scheinbar so reichlich vorhandene, mörderische Potential von Frauen. 
Im Allgemeinen siegt die sogenannte Gerechtigkeit dann auch, in der Literatur sowie im Filmgeschäft - dem Gesetz wird Genüge getan und manchmal versöhnt uns auch die detailierte Analyse weshalb eine Täterin zu einer solchen wurde. Denn zunehmend gibt es nicht nur jede Menge Krimiautorinnen, sondern auch fiese Täterinnen.
Mit dem realen Geschehen hat das natürlich wenig zu tun, sonst müsste man vielleicht doch noch etliche Frauengefängnisse bauen um all die weiblichen Schwerverbrecher unterzubringen.
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