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10. Juli 2018

Seit gestern bin ich unsichtbar...

Seit gestern bin ich unsichtbar!

Bereits seit Tagen, so etwa ab meinem 66 Geburtstag, hege ich den Verdacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Eine Zeitlang muss ich wenigstens noch als Schemen wahrnehmbar gewesen sein, denn ich bekam ab und zu eine direkte Antworten und manchmal erfolgte auch ein Blick in meine Richtung. Das hat sich jetzt wohl endgültig geändert. Seit gestern komme ich mir vor, als trüge ich eine Tarnkappe.

Es fiel mir auf, als ich meine Wohnungstür geräuschvoll schloss und trotzdem von der Nachbarin, die das Treppenhausfenster putzte, nicht gesehen wurde. Und da war noch die Briefträgerin an der Haustür, die meine Post in den Kasten stopfte, obwohl ich unmittelbar daneben stand. Im Bus angerempelt zu werden, war ich ja schon gewohnt. Aber richtig schräg wurde es, als ein Pulk schwatzender Jugendliche den Bus enterte und sich einer auf den Sitzplatz werfen wollte, auf dem ich bereits saß. Da ich ohnehin an der nächsten Haltestelle aussteigen musste, stand ich auf und ging zur Tür. Er fiel auf den Sitz, ohne mich bemerkt zu haben.

Mein Arzttermin, zu dem ich mich begeben hatte, ging ruckzuck. Mein langjähriger Arzt begrüßte mich mit freundlichen Worte, ohne den Blick von meiner Krankenakte auf dem Monitor zu nehmen. Er nickte zustimmend zu meinen Ausführungen, während seine Finger weiter über die Tastatur huschte. Er stellte ein Rezept aus und gab es der Sprechstundenhilfe. Diese wiederum legte es am Empfang zusammen mit dem Zettelchen, auf dem der nächste Termin vermerkt war, vor mich hin, während sie weiter telefonierte. Bei ihrem „Auf Wiedersehen“ war mir nicht klar, ob der Gruss mir galt oder dem Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Verbindung.

Auf dem Heimweg durch den Stadtpark (ich hatte beschlossen zu laufen, um meine Gedanken zu ordnen), kam mir ein Trupp junger Männer entgegen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe immer ein leicht mulmiges Gefühl, wenn eine Gruppe Jungs, womöglich mit eindeutiger Nahostherkunft, in einer stillen Straße auf mich zukommt. Aber sie gingen ungerührt um mich herum. Klar, es war ein wenig eng, aber keiner von ihnen schien mich wahrzunehmen. Schwadronierend schlenderten sie weiter. Ein wenig verwirrt betrat ich die vor mir auftauchende kleine Bäckerei. Die Verkäuferin, die eben noch lächelnd mit dem Kunden vor mir scherzte, legte nun mit leerem Blick die Brötchentüte auf den Tresen und strich das abgezählte Geld ein. Dann schob mich die nächste Kundin weiter.

Heute morgen nun schien sich nichts geändert zu haben. Der Paketbote hielt mir, auf die Wand starrend, das Gerät zur Unterschrift hin und ging grußlos die Treppe hinab. Der Handwerker, der sich schon vor drei Tagen angekündigt hatte, betrat nach dem Türöffnen stracks mein Bad und begann zu werkeln. Meinen Scherz, „Ach, da sind sie ja schon!“, quittierte er mit einem vagen Lächeln. Wahrscheinlich konnte er sich nicht erklären woher die Stimme kam.

Für mich stand heute noch ein wichtiger Termin an. Diesmal fuhr ich mit dem Auto zu einer weit entfernt liegenden Behörde. Ich stand geduldig in der Warteschlange und als ich endlich an der Reihe war, mahnte die Frau hinter dem Schalter „Der Nächste bitte...“, ohne zu bemerken, dass ich direkt vor ihr stand. Ich trug mein Anliegen vor und die Sachbearbeiterin schloss daraus, dass da jemand sein musste. Sie rückte ihre Brille gerade und starrte angestrengt durch das Kundenfenster, jedoch ohne mich wirklich zu sehen. Ich erklärte die näheren Umstände meiner Beschwerde (zu hören war ich offensichtlich noch) und bekam ein Formular zu geschoben, das ich ausfüllen und einschicken sollte. „Der Nächste bitte!“

Als jedoch ein paar Minuten später, auf dem Parkplatz vor dem Behördenzentrum, jemand mit Schwung rückwärts ausparkte und mein kleines Auto touchierte, dachte ich nur noch, während ich dem davon brausenden Fahrer hinterher sah: "Verdammt! Jetzt ist auch noch mein Auto unsichtbar."

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3. August 2014

Tags im Museum

Anne, die lange durch die Besucherleeren Räume des geschlossenen Museums geirrt war, stand nun erschöpft vor einem riesigen Gemälde. Ein pompöses Bild, in dessen Tiefe sie sich schier verlieren konnte, bedeckte fast die ganze Wand. Es schien ihr fast, als könnte sie in das üppige Grün des Gemäldes hineintreten. Die Staffagefiguren im Vordergrund waren klein und zierlich, fast winzig, eigentlich passten sie nicht wirklich zur restlichen Bildkomposition. Die prächtige Landschaft, eingehüllt in ein diffuses Licht, lud zum Träumen ein - weit, wundersam, voller Begrenzungen und doch wiederum unendlich. Sie barg wohl manch ein Geheimnis. Hinter dem Wasserfall lag eine riesige Grotte. Sie war nicht wirklich zu sehen, doch Anne wusste, dass sie da war und weit in den angedeuteten Berg reichte. Sie trat etwas näher. Die feinen Pinselstriche des unbekannten Malers ließen die Figürchen im Vordergrund seltsam lebendig erscheinen.
Das kleine Völkchen drängte sich geradewegs aus einer Felsspalte am rechten Bildrand hervor, mit Sack und Pack, auf der Suche nach Sonne und Luft. Überdrüssig seiner langen Verborgenheit in den schützenden Bergen. Ein Zwergentreck von einem Ort zum anderen, auf der Suche nach einer neuen Bleibe - einer Heimat, die mehr zu bieten hatte als Beschaulichkeit und Sicherheit. Und nun fühlte Anne auch ihre Gedanken - im Hoffen auf eine gemeinsame Wohnstätte für das nächste Äon, waren sie entschlossen die liebliche Landschaft zu verlassen. 
Auch wenn hier die Bäume in den Himmel wuchsen und krautige Gewächse exzellente Sonnendächer stellten. Die Weiten und Auen, angefüllt mit Wiesenblumen, deren Duft Insekten anzogen, mit denen sie einst eine, für beide vorteilhaften Kooperation ausgehandelt hatten. Der Wind, der immer noch spürbar und doch sanft durch die Gräser streifte, zeigte ihnen vor langer Zeit den Weg. Der Aufenthalt im ungeschützten lichten Wald konnte für sie jedoch nicht von Dauer sein. Naturgewalten, wie ein kräftiger Landregen, vor dessen mächtigen Tropfen sich das kleine Volk in Acht nehmen musste oder gar Eis und tiefer Schnee im Winter, durften nicht unvorbereitet über sie hereinbrechen. Die glitzernde Grotte hinter den fallenden Wassern wurde ihr Zuflucht und eines Tages der Ort ihres langen magischen Schlafes. 
Was hatte sie nun aufgeweckt? Die sinnende Fantasie eines freimütigen kindlichen Geistes? Die staunenden Augen, welche imstande waren Wunder zu erkennen?
Erwacht in einer veränderten Welt, bleibt ihnen nun die Entscheidung im Bann der Farben zu verharren oder die kühne Flucht aus vergangener Idylle anzutreten. Sie waren und sind es noch immer - ein uraltes und mutiges Völkchen. Nie fürchteten sie sich vor einem erneuten Beginn. 

Und so wandten sie sich dem jungen Mädchen zu, das wie in einem Traum und doch mit wachen Sinnen die fast unmerklichen Geschehnisse in dem Gemälde verfolgte. Die Kleidung der kleinen, bunten Gesellschaft verriet dem beklommen Kind, dass diese mehrere hundert Jahre im Schlaf ihrer Erneuerung verbracht hatten. Und ihre zugewandten kleinen Gesichter zeigten deutlich, dass sie sich von ihr Hilfe erhofften. 
Anne stand Auge in Auge mit einer der winzigen Figuren im Gewand einer Marketenderin und sie spürte deren erwartungsvolles Hoffen in ihren Gedanken. Langsam streckte sie ihren Arm aus und berührte mit den Fingerspitzen das Bild. Eine weiche, doch nicht nicht mehr zu durchbrechende Erstarrung erfasste sie und mit mildem Blick verfolgte sie das seltsame Geschehen. Ohne zu zögern stiegen, eins nach dem anderen, die eben noch in der Zweidimensionalität gefangen Leutchen auf ihre Hand. Sie diente ihnen als Brücke in ein neues Leben. Sich gegenseitig stützend, reichten sie ihre Bündel und Stöcke weiter und kletterten geschickt an dem hilfreichen Menschen herab bis auf den Marmorboden des stillen Museumssaal. Nach und nach leerte sich die vordere Ebene des Gemäldes und zurück blieb nur ein verlassener Holzkarren, halb versteckt unter dem Blatt eines Huflattichs. Es dauerte nur wenige Augenblicke und schon entfernten sich mit einem schnellen aber leisem Trappeln kleine Füße. 
Annes Erstarrung löste sich wieder und sie sah sich um. Jedes der Figürchen war sowohl aus dem Bild verschwunden, als auch aus dem großen Ausstellungsraum. Es gab es kein buntes Huschen mehr, kein Wispern oder Rascheln - verflogen das Ganze wie ein Tagtraum. 
Das Mädchen sah auf ihre Uhr - es waren nur wenige Minuten vergangen und so wandte sie sich ab, um weiter nach dem Ausgang zu suchen. Die Müdigkeit war verschwunden. Mit leichten Beinchen und frohen Herzens eilte sie von Saal zu Saal, angetrieben von dem Gedanken, dass sie die einzige war, die das wundersame Geheimnis kannte: das Kleine Volk ist in die Welt der Menschen zurückgekehrt...


 Stephanie Ursula Gogolin - kleine Fingerübung von 2011
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27. November 2012

Schrecken in der City

- Für eine bestimmte Freundin -

Da hatte ich frohgemut das Haus verlassen, um jetzt festzustellen, dass sich der Einkaufsbummel in der großen Stadt scheinbar schwieriger gestaltete, als ich es mir dachte. Erstens brauchte ich nicht wirklich etwas und wollte nur mal gucken. Zweitens lag die Liste mit den Geschenkideen zu Hause und drittens kannte ich mich hier nicht aus. Ich stellte mich daher erst einmal mitten in die Fußgängerzone zwischen alle die flanierenden oder vorbeistürzenden Einkaufswilligen, um mich einzustimmen und zu orientieren. Schließlich wollte ich auch wieder zurück finden - daher musste ich mir die Stelle gut merken, an der die Treppe in den Untergrund führt zu den fast lautlosen Zügen, die mit mir nach hoffentlich fröhlichen zwei Stunden wieder zurückgleiten würden.

Danach betrat ich erwartungsvoll den weihnachtlich geschmückten Konsumtempel zu meiner Linken - Schuhe, in alle Farben und alle mit wahnsinnig hohe Absätze, so dass mir bei der Vorstellung darauf laufen zu müssen, gleich schwindlig wurde, da ich unter extremer Höhenangst leide. Eilig verließ ich das Geschäft.

In einem anderen Laden funkelte kostbarer Schmuck in fein dekorierten Schaufenstern und in der Edelboutique daneben trugen lasziv drein blickende Plastikmodels sündhaft teure Mäntel. Zwischen den Geschäften für das gehobene Klientel reihten sich eine bekannte Filiale der einschlägigen Ketten nach der anderen. Eigentlich war es wie zu Hause in der kleinen Stadt - die gleichen Läden, hier nur eine Nummer größer und teurer. 

Fast schon gelangweilt betrat ich eines der Kaufhäuser. Üppige Dekorationen und ein auf die Jahreszeit abgestimmtes Sortiment bot sich heiter dar. Die lieblich klingende Weihnachtsmusik stimmte die Kundschaft mild und kauffreudig. Eine zierliche junge Frau trat mir in den Weg: „Kann ich Ihnen weiter helfen?“ Ihre Stimme zischte ein wenig und ihre grünen Reptilienaugen glitzerten verführerisch. Wie gebannt starrte ich zurück: „Kalender...“ sagte ich „...ich suche Kalender!“

Ihr maskenartiges Lächeln spiegelte sich in einer der riesigen Christbaumkugeln, die überall herunter hingen und flink wie eine Eidechse huschte sie vor mir her. Mechanisch folgte ich ihr. Und als wäre sie mein persönliche Betreuung führte sie mich von Abteilung zu Abteilung - die bunten Tüten in meiner Hand mehrten sich. Wie in Trance stolperte ich hinter ihr her und je nach Beleuchtung schimmerte ihr Haut grünlich oder bekam einen leichten Silberton. Ich konnte ihr nicht entrinnen. Immer wenn ich ihr gerade sagen wollte, dass ich nun genug hätte, unterbreitete sie mir einen neuen tollen Vorschlag oder zog einen Gegenstand aus dem Regal, den ich mir schon immer gewünscht hatte. Zwischendurch hypnotisierte sie mich mit diesen bunten Glitzerdingen für den Adventsstrauß, die sie vor meinen Augen hin und her baumeln ließ. Endlos schleppte sie mich durch die Gänge und Auslagen.

Der Kaufrausch wurde je unterbrochen, als an der Kasse im obersten Stockwerk eine andere Kundin mit drei Plüschtieren im Arm meine Begleiterin ansprach. Rasch nutzte ich die Gelegenheit, ließ das teure Spielzeug fallen, dass ich gerade im Begriff war zu bezahlen und mit einem: „Danke ich habe jetzt alles!“ quetsche ich mich schnell in einen der Fahrstühle zwischen einen Pulk von Menschen. Zumindest hoffte ich, dass es Menschen waren. Da jedoch alle mit noch mehr bunten Tüten beladen waren als ich und völlig entrückt vor sich hin starrten, löste sich meine Paralyse langsam auf. 

Dafür machte sich jetzt eine leichte Panik breit - hatte mich nicht erst neulich meine Freundin, die immer auf dem neusten Stand ist, vor der bereits erfolgten Invasion pandimensionaler Reptilien gewarnt...? 

Erschrocken und erschöpft stieg ich in die U-Bahn, presste die Masse meiner völlig überflüssigen Einkäufe an mich und versuchte auf meinem Eckplatz durchzuatmen. „Fahrscheinkontrolle! Darf ich Ihren Fahrtausweis sehen?“ Ein biegsamer junger Mann, dessen Hände mit seltsam schuppiger Haut bedeckt war, hielt mir eine Plastikkarte vor die Nase.

Verzweifelt blickte ich in die senkrechten Schlitze der kalt schimmernden Augen und durchsuchte meine Taschen nach dem Fahrschein. Dabei hallte es in meinem Kopf wider: Wir können ihnen nicht entkommen... sie sind bereits überall...!



Fingerübung von Stephanie Ursula Gogolin

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5. Dezember 2011

Wer weiß schon, wie es wirklich war...


„Nikolausi!“
„Jaaa... Mutter!“
„Jetzt geh doch schon...!“
„...mach ich ja gleich, ich möchte nur noch ein bisschen hier sitzen...“
„Du immer mit deinem Beten, fromm,fromm, fromm und die armen Leute wissen nicht wo sie das Brot her nehmen sollen ... die beiden Mädchen werden heute als Mägde verkauft und was das bedeutet wissen wir doch beide.“
„Ach Mutter, was soll schon sein, sie werden Mägde, da geht es ihnen bestimmt besser als vorher ... Aua, warum schlägst du mich?“
„Weil du wieder dummes Zeug redest, vielleicht sollte ich dich zum Markt schleppen und als Pferdeknecht verkaufen.“
„Mutter, ich bin der Bischof! Und dir geht es doch gut seit ich im Amt bin...“
„Ja, ja, hier sind die Beutelchen mit dem Geld, ich habe es seit Johanni gesammelt und zurück gelegt...“
„Du warst doch nicht etwa an meiner Kollekte?“
„Ach was und jetzt geh endlich, ich muss mich um die Schweine kümmern...“
„Warum gehst du denn nicht selbst?“
„Gib du mal das Geld im Namen der Gemeinde ab, das macht einem guten Eindruck und ist gut für die Gemeinschaft, außerdem du bist doch so gern mildtätig!“
„Ja, dann gib schon her, aber ich gebe es nicht an der Tür ab, ich werde es durchs Fenster werfen...“
„Niklausi!“
„Sag nicht immer Nikolausi. Ich bin Bischof von Myra und heiße Nikolaus!“

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28. Februar 2011

Wünsch Dir was...


Ich kam gerade aus dem Bad und da stand sie vor mir, eine wunderschöne Frau in einem weißen Kleid und glitzerndem Haar und lächelte mich zuvorkommend an:
„Guten Abend, ich bin deine Wunschfrau!“

„Oh, eine gute Fee!“


„Ach, nein! Bitte, diese Bezeichnung höre ich nicht so gern. Spätestens seit Shrek II ist dieser Titel ohnehin endgültig in Verruf geraten. Und was ist schon gut! Du wünschst dir beispielsweise Geld, hast dann davon reichlich, wirst überfallen, niedergeschlagen und liegst mehrere Wochen im Krankenhaus. Was soll daran gut sein?“


Ich sah sie irritiert an: „Aber so kann man das doch auch nicht sehen. Wenn ich mir Reichtum wünsche, dann möchte ich doch nicht, dass mir dieser wieder weggenommen wird.“


Sie blickte nachsichtig auf mein leeres Sparschweinchen: „Ich meine ja auch nur, mit jedem erfüllten Wunsch kommen eine oder mehrere neue Verpflichtungen auf dich zu. Mit deinem erwünschten Geld möchtest du, um bei diesem Beispiel zu bleiben, endlich das tun, was du schon immer wolltest und dann hast du keine Zeit mehr dafür, weil du dein Geld verwalten musst.“


„He, was soll das denn, ich denke gute, Pardon, Feen, äh Wunschfrauen erfüllen drei Wünsche und fertig. Jeder muss dann sehen, wie er damit klar kommt.“


„SIE, meine Liebe, SIE muss damit klarkommen! Im Prinzip ist das richtig was du sagst. Bis vor kurzem wurde es auch genau so gehandhabt. Aber seit immer mehr Frauen sich an das Wünschen wagen und ständig Reklamationen einlaufen, haben wir beschlossen, ab sofort vorher Kundengespräche zu führen. Schließlich legen wir den erfüllten Wünschen keine Beipackzettel mit Risiken- und Nebenwirkungsbeschreibungen bei. Oh, Göttin, wo sollten wir da auch anfangen.“


Ich winkte ab: „Ja, ja, ich weiß! Spätestens, wenn frau „Bestellung beim Universum“ gelesen hat, weiß sie, dass sie exakt formulieren sollte, keine negativen Beschreibungen anwenden und den gewünschten Zustand möglichst genau visualisieren...“


Sie sah mich begeistert an. „Richtig, du hast es verstanden, also warum hast du mich gerufen?“


Meine Verwunderung wurde immer größer. „... aber, das habe ich doch gar nicht!“


„Hast du doch, weißt du nicht mehr?“ Sie wies pathetisch auf mein Waschbecken: „Eisenkrautseife, Hände waschen, fließendes Wasser..., na?“


„Aber ich habe doch eben nur gedacht: eigentlich müsste ich mir jetzt etwas wünschen...!“


„...eben und da du dich nicht entschließen konntest, bin ich sofort herbei geeilt und führe jetzt mit dir dieses Kundengespräch. Also, hast du einen Wunsch? Es dürfen auch drei sein!“


„Äh, nein, eigentlich nicht! Das ist mir jetzt aber peinlich, tut mir leid, da habe ich dich wohl umsonst gerufen. Heute habe ich so gar keinen Wunsch, ich hoffe du bist mir nicht böse. Also wirklich, deine kostbare Zeit, äh..., ich meine ganz umsonst, ein Kundengespräch...“


Aber die Wunschfrau lächelte mich verständnisvoll an und sagte geschäftsmäßig: „Oh, das macht gar nichts, das habe ich doch gern getan. Also dann, wir sehen uns wieder und ich wünsche dir für die nächsten Male schöne Wünsche!“


Und sirrr, weg war sie.





Anmerkung: Meine Freundin, die Kräuterfrau schenkte mir Eisenkrautseife. Wenn frau sich damit die Hände wäscht, darf sie sich etwas wünschen! Und unter uns gesagt, die Wünsche gehen blöderweise auch noch in Erfüllung!

Stephanie Ursula Gogolin, Bonn August 2004 

30. November 2010

Ich habe neulich...


Ich habe neulich Frau Holle gesehen, sie kam aus dem Wald ...
nein, nicht das Mützchen voll Schnee. Auch heuer gibt es noch keinen Schnee!
 
Und Mützchen konnte man die mächtige Haube der Hohen Frau auch nicht gerade nennen. Mit ihren ausladenen Röcken nahm sie fast den ganzen Gehweg ein. Ja, sie war schon eine prächtige Erscheinung. Ich staunte nicht schlecht, dass sie einfach so in ihrer Allgewaltigkeit durch unsere Dorfstraße lief. 
Neugierig wie ich nun mal bin, schlenderte ich so unauffällig wie möglich, hinter ihr her - kann es sein, dass sie auch heute von Zeit zu Zeit die Menschen besucht? In die Fenster schaut, verlorene Kinder anspricht, vergeblich den Dorfbrunnen sucht und auch sonst keinen täglichen Frauentreffpunkt mehr findet? 
Das kleine Cafe in der Bäckerei an der Ecke, schien ihr Ziel zu sein und so folgte ich ihr dahin. Der Raum war vormittäglich leer. Ein  Banker von nebenan, vertiefte sich in eine Zeitung und zwei ältere Damen rührten Süßstoff in ihre Tassen. Frau Holle suchte sich einen netten Fensterplatz und beobachtete die vorbei fahrenden Autos.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und mit einem „Darf ich“, setzte ich mich zu ihr an den Tisch. Überflüssig zu sagen, dass mir das Herz bis zum Halse klopfte.
„Einen Cappuccino bitte“, rief die holde Frau mit gewaltiger Stimme zur Kuchentheke hinüber, wo die vor sich hin sortierende Verkäuferin leicht zusammenzuckte und alle anderen verstört aufblickten.
Den Cappuccino bekam ich dann vorgesetzt, weil die Bedienung SIE einfach nicht gesehen hat...



Stephanie Ursula Gogolin, Troisdorf 2006, überarb. 2010

26. November 2010

Merkwürdige Geschichten

aus dem Zyklus: Meine kleine Wohnung!


Es weihnachtet sehr!

Ich mag die Adventszeit und natürlich auch Weihnachten!

Im Treppenhaus hängt bereits seit Tagen die Einladung für die Senioren zum Adventskonzert in Sankt Adebar. Frau Rüstig hat ihren Türkranz gewechselt und neulich zog ein Hauch von Plätzchenduft durchs Haus.

Und eines schönen Morgens war die Wiese vor meinem Balkon und die Dächer der gegenüberliegenden Häuser weiß und über Nacht die Heizung ausgefallen. Ob die beiden Ereignisse ursächlich zusammen hingen, war nicht zu ergründen. Zu allem Überfluss handelte es sich um einem Sonntagmorgen.

Im Haus war es mäuschenstill. Ein völlig ungewohntes Erlebnis. Sie werden doch nicht alle erfroren sein? Kaum vorstellbar bei Null Grad, der Puderzuckerschnee draußen begann bereits zu tauen.

Ich zitterte ins Bad, benutzte zum Zähneputzen entgegen aller Gewohnheit warmes Wasser, dann verpasste ich mir einen Zwiebellook (sieben Kleidungsstücke übereinander). Ich wärmte mich an meiner Kaffeetasse auf und beobachtete den Mann von gegenüber beim gewissenhaften Anbringen einer Lichterkette im Rhododendronbusch, aber richtig warm wurde mir davon auch nicht.

Dann ging ich auf Erkundungstour. Bestimmt hatten diverse Mitbewohnerinnen bereits Frau Schrap – Nehle informiert und so bleibt mir der Anruf bei unser gefürchteten Hauswirtin erspart, obwohl, wenn alle erfroren…, Unsinn! 


Die Nachbarin nebenan stellte grundsätzlich ihre Klingel ab. Sie möchte nicht durch Mitbewohnerinnen oder Nichtigkeiten belästigt werden. Auf Klopfen reagiert sie allergisch. Auf mein verschiedentlich zaghaftes Klingeln öffnete nur Frau Rüstig, die anderen hatten sich vielleicht in diverse Notunterkünfte begeben oder einfach nur die Decke über den Kopf gezogen.

Frau Rüstig versicherte mir, dass Hilfe unterwegs sein und die Innentemperatur im Laufe des Tages in den Wohnungen ansteigen würde. Der Notdienst arbeitete bereits daran. Sie hatte schon im Morgengrauen mit Frau Schrap – Nehle telefoniert und saß nun zuversichtlich in ihrer molligen Decke vor dem Fernsehgerät.

Was tun? Draußen waren die gefühlten Temperaturen höher als in meiner Wohnung und so beschloss ich einen Gang ins Wohngebiet zu unternehmen. In einem der Vorgärten zankten sich ein paar Meisen mit den selten gewordenen Spatzen um den Inhalt eines winzigen Futterhäuschens, während ein dicker Kater begehrlich auf die leichtsinnigen Piepmätze schielte. Ich schlenderte zwischen den Wohnblöcken und Einfamilienhäuschen umher und atmete tief durch. Dort über dem Zaun hingen immer noch ein paar Rosen und in den Fenster die erste liebliche Weihnachtsdekoration. Vor Haustür gegenüber war der ausgehöhlte Kürbis einem beleuchteten Schneemann gewichen und auf der anderen Seite hing am Balkon tatsächlich schon so ein mannsgroßer Nikolaus mit Sack und roter Zipfelmütze. Vielleicht war es aber auch ein geschickt verkleideter Einbrecher, der die Gelegenheit nutzte, dass die Heizungen ausgefallen sind und die Bewohner im Kälteschlaf lagen.

Doch dann fiel mir auf, trotz Sonntagvormittag waren erstaunlich viele Leute unterwegs. Scheinbar waren viele Wohnungen kalt. Es wurden immer mehr! Bis mir dann klar wurde, das sind keine Spaziergänger oder Wohnungsflüchter, die da der Innenstadt entgegen strebten, sondern potentielle Weihnachtsmarktbesucher. Ich geriet einen kurzen Moment in Versuchung mich ihnen anzuschließen. Aber nein, damit warte ich noch ein paar Tage, das muss ich ja nun nicht wirklich schon Ende November haben und dass wird doch heute nicht der einzige winterliche Morgen gewesen sein. Denn mal ehrlich, so ein Weihnachtsmarkt macht mit einem Hauch von richtigem Schnee einfach mehr Spaß…


Stephanie Gogolin, Lüneburg, November 2007

6. Oktober 2010

ausprobiert


...natürlich musste ich da mit machen und was kam nach der blitzartigen Analyse heraus:


Ingeborg Bachmann
 


...das hätte ich nicht gedacht! Als Analysetext stellt ich mein untenstehendes KurzUndProsa zur Begutachtung:




Projekt Abschied


Den Tod sollte man nicht erklären, sondern akzeptieren. Und es gilt sich vorzubereiten. An einem milden Herbsttag, mit Rasenmähergeräuschen und ersten Gänseformationen, die keilförmig fern das trübe Grau über mir belebten, wurde mir meine Endlichkeit bewusst
und ich beschloss meine beginnende Karriere als Schriftsteller zu unterbrechen, um erste Vorbereitungen zu treffen. 


Als erstes suchte ich im Anzeigenteil nach einem Job. Ich musste Geld verdienen, um die immensen Kosten einer Beerdigung bereitzustellen. Um dem Tod ins Auge sehen zu können, musste ich mich erst einmal dem Leben zuwenden. Ich trug Papiere zusammen, überlegte, wer wohl bei meinem letzten Gang anwesend sein würde und was ich aufwenden müsste, um selbige zu beeindrucken. Ich studierte die Angebote der Bestatter und Steinmetze und verfasste eine Liste.

Es war schwierig eine opulente, aber kostengünstige Abschiedsfeier zusammenzustellen, da es nicht üblich ist, die Dienstleistungen von verschiedenen Instituten zu kombinieren. Keiner hatte ein, mir attraktiv scheinendes aber preiswertes Paket in seiner Auswahl. Ich stand kurz davor, das anstrengende Vorbereiten meines würdigen Ende auszusetzen. Vielleicht würde ich mich eines Tages in Luft auflösen. Oder die Traditionen und gesetzlichen Vorschriften in puncto Bestattung würden sich ändern und außer einem dezenten Kranz Gänseblümchen und einem lieblichen Lied aus Kinderkehlen am Wiesengrab, wäre jeder Pomp und eitle Aufwand verboten.


Vielleicht sollte ich es auch darauf ankommen lassen und mein, eines Tages unausweichliches, eigenes Ende einfach ignorieren. Denn wenn ein Mensch aus dem Leben scheidet, hat er den Vorteil sich keine Gedanken mehr machen zu müssen, wie es weitergeht. Für ihn beginnt endlich der natürliche Kreislauf, den es in unserem durchzivilisierten Leben schon lange nicht mehr gibt. Ich brauchte ein paar Tage, um auch dieses Tief zu überwinden und die Trauer um meinen eigenen Verlust abzuschließen.


Das Bewerbungsgespräch die Woche drauf verlief besser als ich dachte und auf die Frage: „...warum möchten Sie in unserem Unternehmen tätig sein?“, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Ich muss für meine Beerdigung Geld verdienen!“. Der Abteilungsleiter fasste das als Scherz auf und stellte mich trotzdem ein. Ich hatte eine leichte Arbeit. Es galt die Särge, die vom Fließband liefen, auf Vollständigkeit zu überprüfen und Sägespäne einzufüllen. Eine Kollegin, die nebenan arbeitete, schlug anschließend den Innenraum des Schreins mit weißer Kunstseide aus und tackerte sie unauffällig fest.


Manchmal frühstückten wir zusammen. Da sie sehr zurückhaltend war, lag die Last der Unterhaltung bei mir. „Hast du schon für deine Beerdigung vorgesorgt?“ - „Ich bin fünfundzwanzig!“ - „Naja, ich meine ja nur, wo wir doch hier arbeiten!“ 

Plötzlich war es mir peinlich über meine eigenen Beweggründe zu sprechen.

Sie war eine stille, aber nette Person und nach und nach kamen wir uns näher. Es gehörte auch zu meinen Aufgaben kurz vor Feierabend alles aufräumen und die Halle zu fegen. Immer wieder ertappte ich mich, dass ich sehnsuchtsvoll in den leeren Nebenraum starrte und wünschte sie wäre noch nicht nach Haus gegangen. Aber Komplikationen dieser Art konnte ich eigentlich nicht gebrauchen, schließlich hatte ich errechnet, dass ich etwa fünf Jahre ein sparsames Leben führen müsste, um dann beruhigt meinem Ende entgegen zu sehen. So verging die Zeit und das Projekt: Abschied gestaltete sich immer besser, ebenso das Verhältnis zu meiner Kollegin, die übrigens Anika hieß.


Seit jenem milden Herbsttag sind fast sechs Jahre vergangen. Inzwischen habe ich den Bereich Fertigung übernommen, meine stille, aber zauberhafte Kollegin geheiratet und im Mai erwarten wir unser erstes Kind. Und was das Beste ist, als Mitarbeiter der Firma bekomme ich später einmal einen kostenlosen Sarg und somit konnte ich diesen Punkt schon mal von meiner Liste streichen.


 

22. August 2010

Der alleinerziehende Gottvater

Eine Glosse von Stephanie Ursula Gogolin

Um die Menschheit aus ihrer Sündigkeit zu erretten, schickte Gottvater seinen einzigen Sohn, als Erlöser in die politisch aufgewühlte Welt der Antike. 

Die Römer machten sich gerade rund um das Mittelmeer breit, das hellenistische Niveau war immer noch die damalige Leitkultur, das Pharaonenreich ging endgültig seinem Niedergang entgegen und den Germanen und Kelten war man auch bereits auf die Füße getreten. Überall rangen Völker um ihre Autonomie und in diesen Macht- und Kulturkämpfen, die auf und neben der politischen Bühne tobten, verloren die Frauen der damaligen Zeit immer mehr ihre Freiheit, ihre Würde und ihre Heiligkeit.

Was oder wen sollte Jesus denn eigentlich retten? Was war seine Mission? Wie lautete sein Auftrag? - Ach ja: „ Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Ein harter Job und ein gefährliches Unterfangen, wie wir wissen. Arbeit für einen erwachsenen, wortgewandten Mann. Aber zuerst, so schnell ist nun Gottes Plan auch nicht umgesetzt, war der Messias, wie alle Männer, ein Kind.
Und wie wuchs der kleine Jesus auf? 

Richtig - in der Obhut einer menschlichen Mutter! Was hatte der Junge für ein Glück. Es gab auch einen Pflegevater, dem die Bibel einen guten Leumund bescheinigt. Wahrscheinlich hatte der kleine Erlöser sogar Geschwister. Er genoss jedenfalls die Geborgenheit und den Schutz einer damaligen Familie vom Lande. 

Den spärlichen Angaben zufolge wird der junge Jesus, wie wir es heute nennen würden, ein hochbegabtes Kind gewesen sein. Einer von dem Großes zu erwarten ist. Jedoch in einem Staat, der sich im kulturellen Umbruch befindet, mit einer Besatzungsmacht im Land und intriganten politischen Verhältnissen, ist es nicht einfach göttliche Visionen zu verwirklichen. Da wird auch der einfache Wunsch nach Freiheit oder erträglichen Lebensbedingungen schnell zur Lebensgefahr.

Nichtsdestotrotz hat der inzwischen vom alttestamentarischen zum christlichen Gott mutierte Übervater nachträglich den zweifelhaften ideologischen Verdienst eingeheimst, der Menschheit die Gelegenheit gegeben zu haben, von der Sünde, die sie angeblich seit der Sache mit Eva und dem Apfel mit sich herumgeschleppten, erlöst zu werden.
 

Die weltlichen Katastrophen, die Jesus zu seinen Lebzeiten durchstehen musste, wurden plötzlich zu Gottes weitsichtiger Zielsetzung. Sollte jedoch hinter der Opferrolle des Sohnes tatsächlich ein Plan des Vater gestanden haben,dann bin ich froh, nicht mit ihm verwandt zu sein.

Mit Ach und Krach kommt also die Mutter des Messias in den Evangelien vor, die Großmütter spielen schon keine Rolle mehr. Bei der Geburt des kleinen Jesus im Stall wurde auch noch auf fatale Weise die Mutter mit der Magd verwechslt und der Einfachheit halber die Bezeichnung gleich für alle Mütter beibehalten, mit der Auflage, sich ab jetzt gehorchend und hingebungsvoll als Dienerin am Sohne des Vaters, des Herrn, zu präsentieren.


Die Idee das Kind nur vorübergehend in weibliche Obhut gegeben, hat auch sofort Schule gemacht. Maria betreute also ihren Sohn bis Gottvater die Zeit für die Vollendung der Mission gekommen sah. Das kennen wir ja, die Verfügungsgewalt des Vaters bzw. der Vätergemeinschaft bedeutet durch die Zeiten hindurch immer wieder, dass sie ihre Kinder in Tod und Verderben schicken dürfen.


Oder gab es diesen hinterhältigen „Heils“Plan vielleicht gar nicht? 

Und es war alles ganz anders und Jesus war sozusagen doch der letzte Sohn der verlorenen matriarchalen Verhältnisse? Diverse TheologInnen erkennen schon lange die weiblichen Werte in den Lehren des Jesus und deuten die christliche Lehre gern mal als den Auftakt in ein neues Zeitalter. Die weniger optimistischen sehen darin den Niedergang der weiblichen Ära.

Nun ja, da Gott seinen einzigen Sohn für die Sünden der Welt am Kreuz geopfert hat und zuvor eine Heirat mit einer menschlichen Frau völlig indiskutabel war, sind auch keine Nachkommen überliefert. Es sei, es kam doch irgendwie zum Sakrileg, doch das wissen wir nicht genau.
 

So gilt zwar Gott immer als Vater, zum Groß(en)Vater hat er es nicht gebracht. Vielleicht ist das die Strafe dafür, dass er sich als Gott der Väter über Seine Mutter erhoben und sie ignoriert und verleugnete...



gekürzte Fassung, Lüneburg, 2007

1. August 2010

Satire die Vierte


Mein Briefkasten

Jeden Mittag ist es für mich ein besonderes Highlight erwartungsvoll die Treppe hinunter zu meinen Briefkasten zu gehen. Aber nicht nur die Aussicht auf frohe Kunde treibt mich an, es ist auch unbedingt notwendig den winzigen Postkasten regelmäßig zu leeren. Wirkliche Post bekomme ich ja höchst selten. Wer schreibt schon noch bei den günstigen Telefontarifen oder der fixen Möglichkeit eine Email zu versenden. Trotzdem ist das Behältnis, welches der Fernkommunikation dient, fast täglich brechend voll.


Die Briefkästen in unserem Haus stammen noch aus der Zeit, da sie in erster Linie nette kleine Briefumschläge, vielleicht auch eine dünne Tageszeitung beherbergen mussten. Umschläge in B4größe erfand man wohl erst später. Dementsprechend spärlich ist ihr Aufnahmevolumen. In unserem Haus gibt es trotz acht Mietparteien übrigens nicht eine Tageszeitungsabonnementin. Ich vermute mal, das hat auch etwas mit dem Format einer klassischen Tageszeitung zu tun, ich wüsste auch nicht wo in meiner Wohnung ich sie komplett aufschlagen könnte.

Trotzdem braucht der durchschnittliche Tageszeitungsnichtabonnent auf wichtige Informationen über Land und Leute, Gott und die Welt, Fug und Recht, nicht zu verzichten. Jede Gemeinde, jeder Landkreis, von größeren Städten ganz zu schweigen, besitzt mindestens ein Wochenblatt, das kostenlos und unaufgefordert ins Haus kommt.


Da gibt es beispielsweise den „Geschäftsanzeiger“ und den „Stadtboten“, die „Landpost“ und den Pfarrbrief, die „AnzeigenTafel“ und der „Ortskundige“, den „Ausblick“ und den „Einblick“!


Kiloweise Papier, schwarz-weiß und farbig und fünfundachtzig Prozent davon fliegt ungelesen in den Altpapiercontainer (laut Statistik des Bundesamtes für Baum- und Leserschutz). Aber erst einmal werden diese gewaltigen Papiermassen Woche für Woche und Tag für Tag auf die Briefkästen der nach Information und Unterhaltung lechzenden Bevölkerung verteilt.

Acht schmale Öffnungen untereinander, dekoriert mit der geballten Ladung an Neuigkeiten, zieren die Front neben unserer Haustür. Meist hängt die brachial hinein gestopfte Zeitungsrolle, welche aus ein wenig lokaler Information, dem Immobilienteil, gedruckten Werbebotschaften und zu dreiviertel aus eingelegten Prospekten besteht, hälftig außen aus dem schlanken Briefschlitz. Wenn der Wind ungünstig steht, ist das Papier bei Regenwetter auch schon mal nass und wird zu einem lustigen bunten Klumpen Pappmache.

Natürlich habe ich auch schon überlegt,
mir eines dieser neckischen Klebeschildchen zu besorgen: BITTE KEINE WERBUNG; vielleicht sogar das, mit der Abbildung eines drohenden fletschenden Säbelzahntigers. Aber das würde auch nicht die Beilagen in den Wochenblättern verhindern. Außerdem bekäme ich dann auch nicht mehr den Prospekt von „Kaufmich“. Nicht das mir die Angebote dort wirklich fehlen würden, ich gehe da eh nur hin, um ab und zu meine Dose „Cappuccino ungesüßt“ zu kaufen. Aber in dem Prospekt ist nicht nur jede Woche ein Rätsel auf der letzten Seite, nein, neuerdings auch eines von diesen Sudoku – Kästchen. Ich bin süchtig nach Sudoku.

Ab September sind die Werbebotschaften auch immer ganz besonders prächtig gestaltet um uns liebevoll aufs Weihnachtsfest einzustimmen. Es ist stets beeindruckend, die rot und golden, zuckersüßen Sinnlosigkeiten in all ihrer Vielfalt jedes Jahr aufs Neue angeboten zu bekommen, nur mit dem Unterschied, dass der Endverbrauchen mehr dafür bezahlt, als die Jahre zuvor. Die Botschaften besagen natürlich das Gegenteil. Und auch wenn der Kunde es gern glaubt, so ein kleiner bohrender Gedanke der Skepsis bleibt. All die Beteuerungen: „Nichts weiter als billig“, „Fast kein Preis“ und „Ungeheuer - niemals teuer“ oder suggestive Schmeicheleien wie „Sei klug im Nu und Greife zu“, kommen immer wieder recht massiv daher um die Kundschaft kollektiv zu becircen. Und auch mir fällt gelegentlich die Entscheidung schwer. Gehe ich lieber zur Einkaufsgruppe „Trallala“ oder zu „Hopsasa“ oder gar zum familienfreundlichen Supermarkt „happyfamily“, die Butter kostet überall das gleiche.

Von Zeit zu Zeit jedoch liegt auch ein echter Brief in dem flachen Fach. Also ich meine einen persönlichen, von einem anderen Menschen exklusiv für mich verfasst. Keine Rechnung oder so ein hochwichtiges Schreiben von Lotteriebetreibern oder eine Einladungen zur Eröffnung des neuen Friseurs um die Ecke oder gar zum Adventkonzert im Senioren – Treff. Nein, ein Umschlag mit handgeschriebener Adresse und richtiger Briefmarke und keinem seelenlosen Stempel in der Ecke.

Der besagte Brief kommt dann meist von meiner Freundin Inge, die ein bisschen JWD (janz weit draußen) wohnt. Sie hat aus Prinzip kein Telefon (man muss nicht ständig erreichbar sein) und aus religiösen Gründen keinen Computer (Teufelswerk). Ihre Korrespondenz mit der Außenwelt holt sie sich einmal die Woche bei der nächsten Postfiliale ab und selbstredend kommt auch kein noch so gut meinender Prospekteausträger bis zu ihr raus.

Heute war es wieder soweit, in meinem Briefkasten, eingeklemmt zwischen vielen bunten Seiten und dem freundlichen Angebot der Kreti - Pleti – Bank meine überflüssigen Millionen zu veruntreu…, äh zu verwalten, lag doch tatsächlich ein handadressierter Brief in meinem zierlichen Kommunikationsaufnahmebehälter.

Erfreut endlich wieder etwas von meiner lieben Freundin Inge zuhören, öffnete ich noch im Treppenhaus den Umschlag. Und was teilt sie mir mit? Ich möchte doch mal bitte im neuen Rinaldi – Prospekt nach sehen, ob es in der nächsten Woche die preiswerten Computer gibt – ach was! Sie wolle sich jetzt doch so einen Zauberkasten zulegen und dann kann sie auch endlich Emails verschicken und wir würden viel öfter von einander hören bzw. lesen.

Schade, dann werde ich wohl gar keinen persönlichen Brief mehr bekommen!


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, November 2007

21. Juli 2010

Satire die Dritte

Mittagspause

… behutsam trage ich meinen Teller in die Küche Den Tisch habe ich gleich nach dem Kochen vorsichtshalber mit einem weichen Frotteehandtuch ausgelegt und darauf stelle ich andächtig das Geschirr ab. Verflixt, die Gabel kommt ins Rutschen und …im letzten Moment kann ich den drohenden Zwischenfall, in Form eines durchdringenden Schepperns auf den Küchenfliesen, verhindern. Abwasch? Später! Den abgestürzten Grieß aufsaugen - später! Den penetranten Ohrwurm vor mich hin pfeifen – später! Auf weichen Socken verlasse ich die Küche.


Plötzlich erfüllt ein ohrenbetäubendes Dröhnen und Rattern in der Luft. Der Fußboden bebt und das Badfenster klirrt. Ich sprinte zum Balkon – nein, es sind keine Invasionstruppen und auch kein Abrissbagger am Nachbarhaus. Es ist nur der Rasenmähermann!


Der nette ältere Herr, der den so genannten Hausmeisterposten innehat, rückt den, eh schon kurzen Grashalmen, nachdrücklich zu Leibe. Stolz zieht er auf einem dieser niedlichen Kleintrecker, die die Rasenareale kurz halten, seine Runden um das Haus und fährt geschickt auf der großen Grünfläche vor unseren Balkons auf und ab. So was dauert natürlich. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, tatsächlich: Dreizehn Uhr Fünfundvierzig.


Jede die schon mal in einem Mietshaus wohnte, weiß was das heißt! MITTAGSRUHE! Mag es sonst Tag und Nacht munter zugehen in unserem Bienenstock, es gibt eine Ausnahme, die Mittagszeit.


Mit meinem Nachtisch in der Hand (Magermilchjoghurt) lehne mich auf die Balkonbrüstung und harre des Unterhaltungsprogramms, das jetzt gleich beginnen wird.


Die Ouvertüre: In den Häusern gegenüber werden empört nachdrücklich einige Terrassentüren und Fenster geschlossen!


Erster Akt: Die Balkontüren in unserem Haus öffnen sich! Von unten weht Zigarettenrauch nach oben.
„Dass ist doch jedes Mal dasselbe“, dringt jetzt eine scharfe Stimme zu mir herauf.

Ich nicke heftig, kann aber den Mund nicht öffnen, da ich gerade einen großen Löffel Magermilchjoghurt, … na ja was hätte ich auch sagen sollen.


Von links kommt die resolute Kampfansage: „Ich rufe jetzt sofort Frau Schrap – Nehle an, das ist mir ganz egal, ob Mittagszeit oder nicht!“


Von mehreren Seiten Zustimmung und Beifall. Die anderen haben sich inzwischen auch eingefunden.


Eine zaghafte Stimme kommt von nebenan: „Wir können ihr ja am Mittwoch Bescheid sagen.“


(Mittwoch hat die Hausvermieterin von 6.30 bis 11.00 Uhr Sprechzeiten. Sie gehört zu der „Morgenstund hat Gold im Mund“ – Fraktion. Jedenfalls traf mich bei meinem letzten Vorsprechen wegen der nicht funktionstüchtigen Steckdosen, ein vernichtender Blick und die spitze Bemerkung, dass sie jetzt nicht mehr viel Zeit hätte, da sie gleich anfangen müsste zu kochen. Es war bereits Viertel vor Elf, als ich an ihrer Tür schellte)


Die Resolute machte der Zaghaften jedoch klar, dass ein so eklatanter Verstoß gegen die heilige Mittagsruhe die Höchststrafe nach sich ziehen musste und tippte ohne hin zu gucken demonstrativ die Nummer ein. Offensichtlich kannte sie diese im Schlaf. 

 
Zweiter Akt: Unter den giftigen Blicken der versammelten Damen auf ihren Balkonen (außer der geheimnisvollen von links oben) tuckerte der ahnungslose Hausmeister weiter auf und ab, die kleinen Obstbäume dabei elegant umfahrend.

Da, er hält an. Nachdem er umständlich seinen Sitz verlassen hat, kramt er bedächtig das Handy aus der Tasche. Sich ein Ohr zuhaltend, (der Rasenmäher ist so laut) entfernt sich der geplagte Hausmeister von seinem ratternden Gerät und versucht nach einer Weile des Zuhörens seinen Standpunkt nachdrücklich gestikulierend dem Teilnehmer am anderen Ende der Verbindung klar zu machen - die Menge blickt triumphierend bis schadenfroh. Er murrt und knurrt ins Telefon, aber ganz offensichtlich übermittelt Frau Schrap – Nehle dem uneinsichtigen Angestellten den gesamten Unmut der Mieterschar und er knickt ein!


Dritter Akt: Sichtlich verstimmt und ohne uns eines Blickes zu würdigen, schlurft er zu seinem Treckerchen, klettert hinauf und lenkt es bedächtig, aber geschickt an die Seite, dann stellt er endlich die kleine Höllenmaschine ab.


Zufriedenes Gemurmel und allgemeiner Rückzug. Düster vor sich hin starrend lehnt unser aller Hausmeister an seinem Arbeitsgerät und raucht mürrische eine Zigarette.


Ich bringe mein Magermilchjoghurtbecherchen in die Küche und erfreut über Vogelgezwitscher und dem leisen Klingen des Windspiels auf meinem Balkon, setze ich mich an den Schreibtisch. Ach, diese angenehme Mittagsruhe. Ich nehme den Stift in die Hand und …


Finale: ... ein durchdringendes Dröhnen verkündet: Es ist fünfzehn Uhr. Die Mittagszeit ist um!
 

Aber irgendwie geht es doch auch ums Prinzip, oder?


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, Oktober 2007
 
 

16. Juli 2010

Satire die Zweite

Putzig

… haben Sie schon mal in einem Mietshaus mit sieben anderen Frauen zusammen gewohnt?


Also nicht etwa als Familie oder WG. Nein, jede ordentlich in ihrer Wohnung, mehr oder weniger kontaktfreudig und wie es so schön heißt: Alleinstehend.


Wenn frau in ein Haus einzuziehen gedenkt und beim Betreten des Hauses links an der Wand von der umfangreichen Hausordnung begrüßt wird, sollte sie die Wohnungsbesichtigung besser sein lassen. Aber auch hier war meine Blauäugigkeit nicht zu überbieten.

Jedenfalls reichte selbst der pingeligste Zug meiner Jungfrauennatur nicht aus, um mich für die kahle Fleckenlosigkeit des Treppenaufgangs oder der Gemeinschaftsräume in unserem Mietshaus zu begeistern. (Diverse verstaubte Türkränze, welche die unterschiedlichsten Anlässe repräsentierten, mal ausgenommen)


Frauen sind, wie wir alle wissen, hierzulande selbstverständlich sehr reinlich. An einer pedantischen Sternzeichendisposition allein oder an diversen Schulungen durch Ikea– und ähnlichen Katalogen kann es auch nicht liegen. Da Frauen eine wesentlich höhere Sauberkeitsschwelle als Männer haben und oft so überhaupt keine Schmutztoleranz besitzen, müssen sie noch anderen tief greifenden Prägungen in frühster Kindheit ausgesetzt worden sein. Oder besitzen sie gar ein Reinlichkeitsgen?


Wenn in einem Haushalt, neben Mutter und Vater nicht gerade drei Kinder oder mehr leben, ist der durchschnittliche deutsche Haushalt sauber, aufgeräumt und atmet mitunter hygienische Keimfreiheit. Die Haushalte mit drei Kindern und mehr, sind inzwischen ja eher selten geworden. Ob es wohl zu dem Problem bereits Untersuchungen gibt, demzufolge ein kausaler Zusammenhang zwischen Reinlichkeit und Kinderlosigkeit…, aber dieses heikles Thema schiebe ich lieber auf.

 

Als ehemalige amtierende Mutter und jetzige Großmutter on tour, kenne ich mich zwar aus im Putzuniversum, aber ich dachte auch, allein wohnen hat so seine Vorteile. Ich mache kaum Dreck, also hält sich das Beseitigen desselben in Grenzen und ich habe daher Zeit. Viel Zeit, zum Schreiben, zum Lesen, zum Internetsurfen und anderen lautlosen Tätigkeiten.

Natürlich habe ich meine Rechnung ohne die vielen fleißigen Hausfrauen gemacht, die auch in einer vierzig Quadratmeter großen Wohnung eine erfüllende Lebensaufgabe sehen und nebenbei einen gewissen kollektiven Druck auf jede andere Hausmitbewohnerin ausüben. War früher die Farbe Rot in meinem Kalender den wichtigen Terminen, wie Zahnarzt oder Friseur vorbehalten, signalisiert sie mir jetzt ausschließlich den Zeitraum, in dem ich mich der Hausordnung zu widmen habe. 


Da sind zwei große Fenster zu putzen, Treppengeländer und Ränder zu entstauben und nachzuwischen, die Stufen und Treppenabsätze gründlich zu reinigen und zu polieren. Mit reichlich Gerätschaften und Putzmitteln ausgestattet, halte ich mich dann mehrere Stunden im Treppenhaus auf. Gelegentlich nehme ich dafür extra einen Tag frei, wenn ich am Samstag etwas vorhabe. Denn am Sonntag wird der Hausaufgang natürlich nicht geputzt, aber die Aktivitäten in den übrigen Miniwohnungen sind trotzdem gewaltig, irgendein Küchengerät läuft immer.

An einem ganz gewöhnlichen Wochentag fängt zum Beispiel die ohnehin Nachtaktive über mir, in der Regel morgens ab sechs Uhr, zu putzen an. Sie kennt keine Gnade und kein Ausschlafen. Selbst am Sonntag nicht, da kann es aber schon mal sieben werden. Etwa 6.30 Uhr beginnt meine Nachbarin zur Rechten mit ihren ausgiebigen Reinigungsritualen. Ich vermute mal, als Großabnehmerin hat sie bei den Wasserwerken einen separaten Vertrag mit Sonderkonditionen. Während über meinen Balkon, dessen Tür ich listig früh geöffnet habe um die frische Morgenluft hereinzulassen, gegen Acht die ersten Rauchschwaden von Räucherstäbchen (Patschuli) vermischt mit Zigarettenduft hereinziehen, fallen unten die ersten Türen lautstark ins Schloss.


Hatte ich schon erwähnt, dass wir zwar ein blitzblankes, aber dafür lautes Haus sind?


Die nicht berufstätigen Damen gehen einkaufen, die berufstätigen verlassen das Haus eine halbe Stunde später. Jetzt wird die Geheimnisvolle von oben links aktiv. Man bekommt sie zwar quasi nicht zu sehen, aber ab und zu etwas zu hören. So das Übliche, ein bisschen Staubsaugen, gelegentliches Möbelrücken, leises Plätschern vom Blumengießen auf dem Balkon, dann wird die Waschmaschine angestellt.


Und so schlurfe ich täglich vor Tag und Tau unausgeschlafen ins Bad zum Zähnegeputzten, um mir dann, mit halbgeöffneten Augen und zitternden Händen, die erste Tasse Kaffee zuzubereiten. Während ich noch dabei vom Fenster aus die Müllabfuhr beobachte, donnert bereits der erste Besen gegen die Küchenwand, die ans Treppenhaus grenzt. Die nette Grauhaarige von gegenüber habe ich ohnehin schwer in Verdacht, die Treppe in der Woche, in der sie dran ist, mehrmals zu putzen.


Mein Besenschrank jedenfalls ist inzwischen besser sortiert, als mein Kleiderschrank und für biologisch abbaubare Reinigungsmittel bin ich mittlerweile Expertin. Doch bevor ich hier weiter schreibe, werde ich erst mal das neue antistatische Putztuch an Tastatur und Monitor ausprobieren… 



 aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, September 2007

8. Juli 2010

Vorsicht Satire


Frauenhaus

Wider besseres Wissen war ich doch in diese niedliche Wohnung eingezogen. Ach, dieses Fenster, dieser Ausblick in den Himmel, ich werde sitzen und schreiben. Mein Geist wird mit den Vögeln fliegen und Sonnenuntergänge werden mein Tribut an die Musen sein.


Und dann der kleine Balkon vor diesem Fenster. Ich fühlte mich wie an der Reling eines riesigen Schiffes, wenn ich am Geländer stand. Der Wind
spielt in meinem Haar und Möwen….äh Schwalben, durchpflügen das Blau. Was für nette Aussichten in dieser netten kleinen Wohnung.

Es gab allerdings auch ein paar Nachteile, die ich euphorisch, erst einmal verdrängte. Der Umzugstag war besser verlaufen, als ich befürchtet hatte. Beschwingt und froh kam ich nach mehrstündiger Fahrt an und in Hochstimmung übernahm ich mein neues Domizil. Natürlich hätte ich mich vor meiner Entscheidung zu dieser Streichholzschachtel mit Badewanne im Haus doch einmal genauer umsehen können, mal diese oder jene Nachbarin kennen lernen sollen. Oder darauf bestehen, dass die Vermieterin eine ordentliche Wohnungsübergabe macht. Vielleicht hätte ich eine Nacht in der Wohnung Probe schlafen sollen oder so. Aber so bin ich eben, vorher alles 200 % überlegen,
aber das Wesentliche übersehen.

Ein Haus voller Frauen, was sollte da schon schief gehen, dachte ich! 
Alle ordentlich, nett, rücksichtsvoll, vielleicht sogar zur gegenseitige Hilfe geneigt und, was wir Frauen besonders mögen, zur kommunikative Gemeinsamkeit bereit. Nach einem Tag wusste ich es besser! Ich hatte mich in grenzenlosem Enthusiasmus und Naivität anscheinend in einer Mischung aus einer Art Altenheim und Psychoklinik eingemietet. So nach und nach lernte ich die wahren Nachteile erst wirklich kennen.

Hellhörig ist für den Bau aus den Anfängen der Siebziger eine eher schmeichelhafte Bezeichnungen. Um die ausgesprochen gute Akustik könnte so manches Tonstudio oder gar ein Konzertsaal dieses Gemäuer beneiden. Der Architekt muss bei den alten Meistern gelernt haben, die noch wussten, wie man eine Kirche baut, in der das geflüsterte Wort von der Kanzel in allen Ecken des imposanten Gebäudes gut zu verstehen war. Unser Treppenhaus braucht jedenfalls diesbezüglich keinen Vergleich zu scheuen.


Die Wohnwaben in diesem Haus erfüllten wohl noch einen besonderen Zweck. Als sogenannte Altenwohnungen in den Jahren des Entstehens konzipiert, sind sie klein und abgeschlossen, jedoch offen für Austausch aller Art. Zumindest ist es kein Problem am Leben der Anderen intensiv teilzunehmen.


Sie haben keine Familie? Keine Lust mehr auf ein Singledasein oder Angst vor Einsamkeit?
Alles kein Problem! In unserem Haus sind alle ein große glückliche WG. Keine entgeht dem morgendlichen Aufstehen der von oben drüber oder unten drunter, dem Hausputz oder der großen Wäsche, dem Nachmittagskaffeebesuch oder der Zigarette auf dem Balkon.

Und so stand ich am Abend meines ersten Tages inmitten meiner Kartons und Möbelteile, als es an der Tür klingelte.
Ich kramte mich bis zur Wohnungstür durch und öffnete. Draußen stand eine nervöse Schlanke und stellte sich als meine Nachbarin vor. Unter dem Arm geklemmt hatte sie mehrere Bücher, in der Hand ein paar Zettel, die einen offiziellen Eindruck machten. Während ich noch versuchte meinen Kartonwolkenkratzer zu stabilisieren, den ich unvorsichtigerweise ins Wanken gebracht hatte, begann meine Besucherin mir ihre Krankengeschichte zu erzählen, während sie versuchte, sich in meine Wohnung zu drängen. Dabei untermauerte sie ihren Vortrag mit Hinweisen auf diverse Fachliteratur oder wies auf die Attesten ihrer Ärzte hin.

Während ich mit dem Po die Kartons festhielt und
den Staubsaugerschlauch von meinem Fuß zu schütteln versuchte, heuchelte ich abwechselnd Betroffenheit und Verständnis. Zumindest das letztere hätte ich lassen sollen. Drei Tage später hatten mich die anderen Mitbewohnerinnen, besonders die zwei älteren Damen von ganz unten über die Nachbarin aufgeklärt, welche seit Jahren alle im Haus mit ihren ganz persönlichen Ansichten über das Leben tyrannisierte und ständig mit ihren Forderungen nach Rücksicht und Schonung hausieren ging.

Doch trotz der unüberhörbaren Nähe, sind die Anderen alle ganz nett und ich gewöhnte mich langsam an sie. Es ist für wahr eine bunte Mischung.


Süß sind die beiden älteren Damen, die im Erdgeschoss wohnen. Die eine über Achtzig, die andere bereits Neunzig und noch gut beieinander, wie man so sagt. Sie sind immer für eine Auskunft gut oder für ein paar Tipps, wie frau hier in dieser Ansammlung von fleißigen Bienchen ihren Alltag übersteht. Wobei ich sie in Verdacht habe, dass sie beide etwas schwer hören, jedenfalls entnehme ich das den merkwürdigen Antworten, die ich mitunter auf meine Fragen bekomme.


Außerdem gibt es in diesem Haus ein grauer Schatten, der, in weibliche Konturen gehüllt ab und zu an mir vorbeihaucht, dafür aber sehr nachtaktiv ist. Leider wohnt sie über mir und renoviert einmal wöchentlich ihre Gemächer. Anders kann ich mir das nächtliche Rumoren, Schaben und Poltern nicht erklären.


Interessant ist ebenfalls die, die unter mir wohnt, mit Henna gefärbten Haar und reichlich Ketten um den Hals. Dann und wann treffe ich sie vormittags, wenn sie mit ihrer Basttasche vom Bioladen kommt. Außerdem ist sie Kettenraucherin mit intensiven Hustenanfällen. Sie hat oft und gern Besuch von gleichgesinnten Genießerinnen und so ist mir über Stunden der Aufenthalt auf meinem Balkon oder das Öffnen der dazu gehörigen Tür verwehrt.
Aber neuerdings wurde ja für die Gaststätten unseres Bundeslands das Rauchverbot ausgerufen. Also verbringe ich täglich drei bis vier Stunden in der kleinen Konditorei an der Ecke, dort bin auch so gut wie allein und es ist sehr ruhig. Zwar kann ich Sahnetorten jetzt nicht mehr sehen (hab ich mal geliebt) und vom Kaffeegenuss schlafe ich nachts nicht (aber was soll, die private Disco im Haus gegenüber verhindert das ohnehin dreimal in der Woche) und ich bin ständig pleite (dafür ist die Wohnung recht preiswert).

Eine der Mitbewohnerinnen habe ich allerdings noch nie zu Gesicht bekommen, scheinbar hat sie noch niemand gesehen, gelegentlich bewegt sich die Gardine hinter ihren Fenstern. Ach ja und dann gibt es noch jene, die streng über die Reinigung des Treppenhauses wacht.


Und so liegt auch heute wieder ein harter Tag liegt hinter mir. 

Nach dem zwanzigsten halbstündigen Wasserspiel meiner Nachbarin mit Waschzwang, habe ich dann doch einmal mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Einmal wagte ich nach Mitternacht an die Wand zu klopfen, da ich hoffte, sie daran zu erinnern, dass jetzt wieder jemand in der Nachbarwohnung wohnt. Das traue ich mich nicht mehr. Meine Bilder habe ich noch nicht aufgehängt und am Abend verzichte ich auf das Jagen von Mücken, seit sie mir sofort in den Morgenstunden ein Briefchen an die Wohnungstür klebte, mit dem Hinweis, dass sie von meiner „ständigen“ Klopferei Migräne bekommt, aber sonst wirklich nichts gegen mich persönlich hat.

Ich sitze nun leicht benommen an meinem Schreibtisch und schließe mein Tagewerk ab. Eine halbe Seite Text, den man durchgehen lassen kann und ein große Papiertüte voll mit geschreddertem konfusen Geschreibsel, das eigentlich ein Buch werden sollten. Es ist zwanzig Uhr! Ich sehne den Moment herbei, in dem jede Bewohnerin dieses Irrenhauses ihre Küche auf Vordermann gebracht hat, alle die Balkontür, die zum abendlichen Lüften geöffnet wurden, mit Nachdruck geschlossen werden und das, für mich undefinierbare, Möbelrücken ein Ende nimmt.


Ich hüpfe stattdessen zum Ausgleich auf einem Bein bis ins Bad, wo ich dreimal hintereinander die Toilettenspülung betätige. Dann klappere ich in der Küche ein wenig in meinem Geschirrfach herum und lass den Mixer zehn Minuten laufen, um meine Quote des häuslichen Emsigseins für die anderen hörbar etwas anzuheben. Nach fünfundzwanzigminütigem Duschen, untere Hausnormgrenze, sitze ich auf meiner Bettkante und ziehe mir noch eine besonders harte Stelle eines Actionfilm rein. Dessen Action
jedoch lächerlich ist, gegen die Betriebsamkeit in unserem Haus. Die Explosionen stelle ich jetzt immer noch ein wenig lauter, seit der Raucherhusten der esoterischen Rothaarigen unter mir schlimmer geworden ist. 

Wirklich einschlafen kann ich natürlich auch erst, wenn alle Damen im Haus des Nachts einmal pullern waren, gezogen und sich die Hände gewaschen haben. 


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung 

Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, August 2007

21. April 2010

Guten Appetit...


Ein Monolog

Das wirklich nervtötende am Vampirdasein ist der Drang zur Existenz und zwar ohne, dass je ein Ende abzusehen ist. Fast vierhundert Jahre lang zweiundzwanzig sein - Sie können sich nicht vorstellen, wie man sich da nach einer Falte oder einem grauen Haar sehnt.

Ich habe nicht nur alle Vampirbücher gelesen, die in all der Zeit geschrieben wurden, sondern auch jeden Film gesehen. Streifen, in denen von banal bis bluttriefend über das Dasein, denn Leben können wir es ja beim besten Willen nicht nennen, von Vampiren spekuliert wird. Und ich musste mir auch in all den endlosen Jahrhunderten die wahren Vampirgeschichten anhören, welche mir die anderen Vampiere, denen ich im Laufe der Zeit so begegnete, erzählten. Eine endlose Kette von peinlichen Übertreibungen, unglaubwürdigen Prahlereien und heulendem Selbstmitleidsgestammel. Wie gesagt, öde...

Am Anfang, nun ja, ich kann mich zwar fast nicht erinnern, fielen für mich natürlich erst einmal die wirklich kaum erträglichen Zwänge und Regeln weg, denen ein armes Mädchen von 1627 so ausgesetzt war. Der Rausch der Freiheit war unbeschreiblich. Schnell, stark, unbesiegbar, zwei, drei Jahre lang. Dann holte mich der Vampiralltag ein. Ich hatte einiges zu lernen. Wussten Sie, dass wir uns ein ruhiges Plätzchen suchen müssen, wo wir uns verstecken und vor uns hindämmern können? Sehen Sie, das ist fast nicht bekannt...

Wir verkriechen uns und hoffen ungestört zu bleiben. Doch, doch, das ist schon grundsätzlich allein möglich, aber in einer Kolonie lebt es sich sicherer. Also wenn wir leben würden. Na, was soll's!

Es ist heutzutage gar nicht so leicht verlassene Gebäude zu finden, in denen wir unsere Verdauungsschläfchen von etwa dreißig bis vierzig Jahre halten können. Die Sache mit dem Sarg ist also nicht so weit hergeholt. Ich kenne einige, die darauf schwören. Da hat man seine Ruhe und kann bis zum nächsten Appetit gemütlich die Zeit verdösen. Es ist nur sinnvoll sicher zu stellen, dass man dann die kuschelige Gruft auch wieder verlassen kann. Allerdings halten sich auch manche von Zeit zu Zeit aus purer Langeweile in der menschlichen Welt auf. Ich kenne sogar einen der arbeitet.

Haben Sie sich mal gefragt, warum die Vampirhysterie, die sich übrigens heute viel kultivierter ausdrückt als früher, immer mal heftig aufflammt und dann wieder abebbt? Der Grund ist ganz einfach, wir sind nicht immer präsent.

Es gibt Zeiten, da hört und sieht kein Mensch etwas von uns. Mal abgesehen davon, dass es Ecken auf der Welt gibt, wo selbst ein Vampir nicht sein möchte. Wir leben, also vegetieren, in kleinen Gruppen auf allen Kontinenten verstreut und sind somit versetzt, alle zehn bis fünfzehn Jahre für etwa drei Nächte aktiv. Das war's schon! Glauben Sie mir, wenn wir jeden Abend losziehen würden um uns zu „nähren“, hätten wir schon längst die gesamte Weltbevölkerung ausgelöscht und würden selbst elendiglich verhungern, was allerdings streng genommen gar nicht möglich ist, da wir ja leider unsterblich sind.

Ich habe sogar mal geheiratet und ein paar Jahre versucht ein menschliches Dasein zu führen. War gar nicht so schlecht. Aber was soll ich sagen, Menschen!

Gefiel es meinem Mann am Anfang, dass ich mich weder äußerlich und auch in meinem Wesen nicht veränderte, nahm er es, nachdem der Liebesrausch der ersten Jahren verflogen war, kaum noch zur Kenntnis. Ihm fiel nicht einmal auf, dass ich eigentlich keine Nahrung zu mir nahm, was für ihn schließlich eine enorme Ersparnis war. Aber meine ständige Schläfrigkeit und die daraus resultierende Vernachlässigen des Haushalts, führten zwischen uns von anfänglichen Reibereien zu einem immerwährenden Stress.

In unseren Ruhephasen sind wir Vampire nun mal nur mäßig nachtaktiv und am Tag sogar ausgesprochen phlegmatisch, das konnte ich halt nicht ändern. Irgendwann nahm er sich eine Geliebte. Ich war richtig froh, als die vierunddreißig Jahre meines Zyklus endlich um waren und ich mich auf meine Weise aus dieser Ehe befreien konnte. Nie habe ich weniger unter meinem Fluch gelitten, als nach der Erfahrung.

Die Geschichte mit dem Tierblut ist übrigens auch Nonsens. Schließlich sind Vampire verfluchte Wesen und der Ursprungsfluch bestand darin, dass wir Menschen aussaugen müssen. Eine Zwangshandlung und eine inhumane noch dazu, für die es keine Therapie gibt. Und Sie können davon ausgehen, dass in der Vergangenheit und bis heute, Alle alles, aber auch wirklich alles, versucht haben, um diesem ungerechten Schicksal zu entgehen. Aber, das ist ja der Sinn eines solchen Fluches, es gibt kein Entrinnen und keine Erlösung. Natürlich kann man uns auch endgültig vernichten, aber auch diese Regeln sind sehr eng gefasst. Erstens kann kein Vampir einen anderen erledigen, keiner weiß warum, aber es geht nicht. Und zweitens ist es ganz einfach uns zu eliminieren... aber glauben Sie nur nicht, ich würde es Ihnen jetzt und hier verraten...

Ach, ja! Zeitlos, endlos! Manchmal wüsche ich mir, ich könnte mich dem Träumen hingeben. Aber wir haben schon mit dem Erinnern Probleme. Im Gegensatz zu den Menschen vergessen wir die schönen Momente, die wir durchaus auch haben können, jedoch die unangenehmen, grausamen, albtraumartigen verstärken sich. Das ist nicht lustig, das können Sie mir glauben...

...was heißt hier, ich solle Sie nicht zu Tode quatschen! Ich wollte nur höflich sein. Ihnen erklären Warum und Wieso! Aber wenn Sie das nicht interessiert, können wir ja jetzt zum Du übergehen, darf ich bitten...

... ah, das war sehr gut! Vielleicht hätte ich ihm doch sagen sollen, wie simpel es ist, einem Vampir zu entgehen und ihn dabei zu vernichten, dann hätte mein ödes Dasein auch ein Ende gehabt. Denn wie gesagt, es ist ganz leicht. Selbst wenn er oder sie noch so verführerisch daher kommt, einfach nur „Nein!“ sagen...

Fingerübung aus dem gnadenlosen Zyklus Merkwürdige Geschichten 
Stephanie Gogolin, März 2010