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10. Juli 2018

Seit gestern bin ich unsichtbar...

Seit gestern bin ich unsichtbar!

Bereits seit Tagen, so etwa ab meinem 66 Geburtstag, hege ich den Verdacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Eine Zeitlang muss ich wenigstens noch als Schemen wahrnehmbar gewesen sein, denn ich bekam ab und zu eine direkte Antworten und manchmal erfolgte auch ein Blick in meine Richtung. Das hat sich jetzt wohl endgültig geändert. Seit gestern komme ich mir vor, als trüge ich eine Tarnkappe.

Es fiel mir auf, als ich meine Wohnungstür geräuschvoll schloss und trotzdem von der Nachbarin, die das Treppenhausfenster putzte, nicht gesehen wurde. Und da war noch die Briefträgerin an der Haustür, die meine Post in den Kasten stopfte, obwohl ich unmittelbar daneben stand. Im Bus angerempelt zu werden, war ich ja schon gewohnt. Aber richtig schräg wurde es, als ein Pulk schwatzender Jugendliche den Bus enterte und sich einer auf den Sitzplatz werfen wollte, auf dem ich bereits saß. Da ich ohnehin an der nächsten Haltestelle aussteigen musste, stand ich auf und ging zur Tür. Er fiel auf den Sitz, ohne mich bemerkt zu haben.

Mein Arzttermin, zu dem ich mich begeben hatte, ging ruckzuck. Mein langjähriger Arzt begrüßte mich mit freundlichen Worte, ohne den Blick von meiner Krankenakte auf dem Monitor zu nehmen. Er nickte zustimmend zu meinen Ausführungen, während seine Finger weiter über die Tastatur huschte. Er stellte ein Rezept aus und gab es der Sprechstundenhilfe. Diese wiederum legte es am Empfang zusammen mit dem Zettelchen, auf dem der nächste Termin vermerkt war, vor mich hin, während sie weiter telefonierte. Bei ihrem „Auf Wiedersehen“ war mir nicht klar, ob der Gruss mir galt oder dem Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Verbindung.

Auf dem Heimweg durch den Stadtpark (ich hatte beschlossen zu laufen, um meine Gedanken zu ordnen), kam mir ein Trupp junger Männer entgegen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe immer ein leicht mulmiges Gefühl, wenn eine Gruppe Jungs, womöglich mit eindeutiger Nahostherkunft, in einer stillen Straße auf mich zukommt. Aber sie gingen ungerührt um mich herum. Klar, es war ein wenig eng, aber keiner von ihnen schien mich wahrzunehmen. Schwadronierend schlenderten sie weiter. Ein wenig verwirrt betrat ich die vor mir auftauchende kleine Bäckerei. Die Verkäuferin, die eben noch lächelnd mit dem Kunden vor mir scherzte, legte nun mit leerem Blick die Brötchentüte auf den Tresen und strich das abgezählte Geld ein. Dann schob mich die nächste Kundin weiter.

Heute morgen nun schien sich nichts geändert zu haben. Der Paketbote hielt mir, auf die Wand starrend, das Gerät zur Unterschrift hin und ging grußlos die Treppe hinab. Der Handwerker, der sich schon vor drei Tagen angekündigt hatte, betrat nach dem Türöffnen stracks mein Bad und begann zu werkeln. Meinen Scherz, „Ach, da sind sie ja schon!“, quittierte er mit einem vagen Lächeln. Wahrscheinlich konnte er sich nicht erklären woher die Stimme kam.

Für mich stand heute noch ein wichtiger Termin an. Diesmal fuhr ich mit dem Auto zu einer weit entfernt liegenden Behörde. Ich stand geduldig in der Warteschlange und als ich endlich an der Reihe war, mahnte die Frau hinter dem Schalter „Der Nächste bitte...“, ohne zu bemerken, dass ich direkt vor ihr stand. Ich trug mein Anliegen vor und die Sachbearbeiterin schloss daraus, dass da jemand sein musste. Sie rückte ihre Brille gerade und starrte angestrengt durch das Kundenfenster, jedoch ohne mich wirklich zu sehen. Ich erklärte die näheren Umstände meiner Beschwerde (zu hören war ich offensichtlich noch) und bekam ein Formular zu geschoben, das ich ausfüllen und einschicken sollte. „Der Nächste bitte!“

Als jedoch ein paar Minuten später, auf dem Parkplatz vor dem Behördenzentrum, jemand mit Schwung rückwärts ausparkte und mein kleines Auto touchierte, dachte ich nur noch, während ich dem davon brausenden Fahrer hinterher sah: "Verdammt! Jetzt ist auch noch mein Auto unsichtbar."

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23. Mai 2015

...die Süße der Patriarchose

und hier eine kleine glossige Variation zum Thema 'Patriachatskritik':
… um es mal possierlich zu formulieren, das heutige Patriarchat kommt mir (jenseits der sozialen Brennpunkte und den Subkulturen von Kriminalität, Prostitution und religiösen Fanatismus) vor, wie ein in allen Farben schillernder Süßigkeitenladen.
Uns ist inzwischen natürlich allen klar, dass trotz seines lockenden Duftes und seiner bestechenden Buntheit, die süchtig machende Süße und die benebelnde Wirkung des geballten Zucker schädlich für Zähne und den gesamten Organismus ist. Aber wir greifen trotzdem zu und wähnen uns im Paradies.
Selbstverständlich wird an all der Zuckrigkeit auch immer wieder Kritik geübt. Schon wird in den Medien hier und da zugegeben, dass der Schaden in Zukunft noch größer sein könnte, als wir heute bereit sind zu erkennen und manche fordern sogar den Laden ganz zu schließen. Aber das wollen und können sich die meisten nicht vorstellen - wie soll man leben ohne diese Fülle an Süßem oder Säuerlichen und gab es nicht schon immer Zucker? Können wir nicht froh sein, dass die Menschheit endlich ungehemmt Süßes schlemmen kann?
Doch die Stimmen der Zuckerkritiker mehren sich. Es ist ein Auf und Ab. Und es sehen nur wenige als sinnvoll an den Shop wirklich dicht machen! Denn was ist die Alternative? Etwas Obst und Gemüse?
Vielleicht reicht es ja schon hier und da etwas zu verändern. Man könnte sich dazu durchringen ein paar Produkte abzubauen, zum Beispiel diese harten Drops oder die riesigen Lollis... sind die nicht besonders schlimm?
Aber bis auf ein paar Zuckerkranke, die doch eher die Ausnahme sind, genießt unsere Gesellschaft ihr süßes Dasein und das Gros denkt: was wir für ein Glück doch haben, dass unser Leben ein einziges Zuckerschlecken ist...

27. November 2012

Schrecken in der City

- Für eine bestimmte Freundin -

Da hatte ich frohgemut das Haus verlassen, um jetzt festzustellen, dass sich der Einkaufsbummel in der großen Stadt scheinbar schwieriger gestaltete, als ich es mir dachte. Erstens brauchte ich nicht wirklich etwas und wollte nur mal gucken. Zweitens lag die Liste mit den Geschenkideen zu Hause und drittens kannte ich mich hier nicht aus. Ich stellte mich daher erst einmal mitten in die Fußgängerzone zwischen alle die flanierenden oder vorbeistürzenden Einkaufswilligen, um mich einzustimmen und zu orientieren. Schließlich wollte ich auch wieder zurück finden - daher musste ich mir die Stelle gut merken, an der die Treppe in den Untergrund führt zu den fast lautlosen Zügen, die mit mir nach hoffentlich fröhlichen zwei Stunden wieder zurückgleiten würden.

Danach betrat ich erwartungsvoll den weihnachtlich geschmückten Konsumtempel zu meiner Linken - Schuhe, in alle Farben und alle mit wahnsinnig hohe Absätze, so dass mir bei der Vorstellung darauf laufen zu müssen, gleich schwindlig wurde, da ich unter extremer Höhenangst leide. Eilig verließ ich das Geschäft.

In einem anderen Laden funkelte kostbarer Schmuck in fein dekorierten Schaufenstern und in der Edelboutique daneben trugen lasziv drein blickende Plastikmodels sündhaft teure Mäntel. Zwischen den Geschäften für das gehobene Klientel reihten sich eine bekannte Filiale der einschlägigen Ketten nach der anderen. Eigentlich war es wie zu Hause in der kleinen Stadt - die gleichen Läden, hier nur eine Nummer größer und teurer. 

Fast schon gelangweilt betrat ich eines der Kaufhäuser. Üppige Dekorationen und ein auf die Jahreszeit abgestimmtes Sortiment bot sich heiter dar. Die lieblich klingende Weihnachtsmusik stimmte die Kundschaft mild und kauffreudig. Eine zierliche junge Frau trat mir in den Weg: „Kann ich Ihnen weiter helfen?“ Ihre Stimme zischte ein wenig und ihre grünen Reptilienaugen glitzerten verführerisch. Wie gebannt starrte ich zurück: „Kalender...“ sagte ich „...ich suche Kalender!“

Ihr maskenartiges Lächeln spiegelte sich in einer der riesigen Christbaumkugeln, die überall herunter hingen und flink wie eine Eidechse huschte sie vor mir her. Mechanisch folgte ich ihr. Und als wäre sie mein persönliche Betreuung führte sie mich von Abteilung zu Abteilung - die bunten Tüten in meiner Hand mehrten sich. Wie in Trance stolperte ich hinter ihr her und je nach Beleuchtung schimmerte ihr Haut grünlich oder bekam einen leichten Silberton. Ich konnte ihr nicht entrinnen. Immer wenn ich ihr gerade sagen wollte, dass ich nun genug hätte, unterbreitete sie mir einen neuen tollen Vorschlag oder zog einen Gegenstand aus dem Regal, den ich mir schon immer gewünscht hatte. Zwischendurch hypnotisierte sie mich mit diesen bunten Glitzerdingen für den Adventsstrauß, die sie vor meinen Augen hin und her baumeln ließ. Endlos schleppte sie mich durch die Gänge und Auslagen.

Der Kaufrausch wurde je unterbrochen, als an der Kasse im obersten Stockwerk eine andere Kundin mit drei Plüschtieren im Arm meine Begleiterin ansprach. Rasch nutzte ich die Gelegenheit, ließ das teure Spielzeug fallen, dass ich gerade im Begriff war zu bezahlen und mit einem: „Danke ich habe jetzt alles!“ quetsche ich mich schnell in einen der Fahrstühle zwischen einen Pulk von Menschen. Zumindest hoffte ich, dass es Menschen waren. Da jedoch alle mit noch mehr bunten Tüten beladen waren als ich und völlig entrückt vor sich hin starrten, löste sich meine Paralyse langsam auf. 

Dafür machte sich jetzt eine leichte Panik breit - hatte mich nicht erst neulich meine Freundin, die immer auf dem neusten Stand ist, vor der bereits erfolgten Invasion pandimensionaler Reptilien gewarnt...? 

Erschrocken und erschöpft stieg ich in die U-Bahn, presste die Masse meiner völlig überflüssigen Einkäufe an mich und versuchte auf meinem Eckplatz durchzuatmen. „Fahrscheinkontrolle! Darf ich Ihren Fahrtausweis sehen?“ Ein biegsamer junger Mann, dessen Hände mit seltsam schuppiger Haut bedeckt war, hielt mir eine Plastikkarte vor die Nase.

Verzweifelt blickte ich in die senkrechten Schlitze der kalt schimmernden Augen und durchsuchte meine Taschen nach dem Fahrschein. Dabei hallte es in meinem Kopf wider: Wir können ihnen nicht entkommen... sie sind bereits überall...!



Fingerübung von Stephanie Ursula Gogolin

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23. Februar 2011

Das Treffen

Viele von ihnen saßen erschöpft auf ihren Stühlen, manche sahen sogar ein wenig herunter gekommen aus und andere wiederum zufrieden oder feist und wohlgenährt. Eine stattlich Menge hatte sich um die schlicht gedeckte Tafel versammelt. Scheinbar mehr noch als im Vorjahr.

Gibt es heute wieder nur Buchstabensuppe, mäkelte ein besonders dünnes, nichtssagendes Wort.


„Was hättest du denn gern? Silbenhackbraten?“, schmetterte die Köchin der Suppe, das Alphabet, die Nörglerin ab. Neben ihr saß, fett und aufgebläht, die Liebe und rülpste: „Ich kann gar nichts mehr zu mir nehmen, überall, wo ich vorbeikomme, werde ich vollgestopft, das meiste davon ist unbekömmlich...!“, und sie bekam einen Schluckauf.


„Wehr dich doch“, meinte die Emanzipation etwas schnippisch, „Ich werde ja kaum noch gebucht!“ Sie hatte ihren bekannt forschen Ton am Leib, aber seit sie nicht mehr in aller Munde war, klang sie manchmal etwas biestig.


„Dann sei doch froh, dass du deine Ruhe hast! Ich erlebe zur Zeit eine derart unerfreuliche Beliebtheit, dass ich manchmal nicht weiß, wo mir die Köpfe stehen.“ Klagte das sonst so ausgeglichene Matriarchat. „Alle zerren an mir herum, sprechen mir die Existenz ab oder erwarten von mir, dass ich die Zukunft rette. Als ob es da was zu retten gäbe, schließlich gibt es eine Zukunft auch ohne Worte. Nicht wahr!“


„Aber Hallo, Baby! Das ist so gewiss, wie es eine Vergangenheit gibt.“ Die Zukunft blickte herausfordernd in die Runde. Gerade wollten sich schon die Epoche und die Zeit in den ewigen Auslegungsstreit mischen, als das Licht gedämpft wurde und ihnen aus dem rosigen Dämmern die Sanftheit zuflüsterte: „Seid bitte nicht so negativ, wir möchten beginnen!“


Und es wurde still. Die Magie umschritt, Hand in Hand mit dem Ritual, feierlich die riesige runde Tafel und es legte sich wohltuende Ruhe über die aufgebrachten Gemüter und die Bedrückten schöpften neue Hoffnung. Die Feierlichkeit und die Gelassenheit nickten anerkennend. Dann erhob sich die Effizienz, ein sehr imposantes Wort, das sich zur Zeit großer Beliebtheit erfreut und setzte zu ihrer Eröffnungsrede an: „ ...ich bitte um eure Aufmerksamkeit! Wir wollen doch endlich zur Sache kommen!“, dabei nickte sie schelmisch zur Sache und der Aufmerksamkeit hinüber.


„Meine lieben anwesenden Worte! Die Struktur und die Effektivität haben das diesjährige Programm, das neben euren Schüsseln liegt, besonders sorgfältig ausgearbeitet und wir sind ihnen dafür überaus dankbar. Auch sie hatten es in letzter Zeit nicht leicht und kommen so oft zum Einsatz, dass sie oft nicht wissen, wie sie heißen. Entschuldigung, kleiner Scherz.“


Nach dem verhaltenen Lachen setzte die Effizienz ihre Rede feierlich fort: „Jedenfalls freue ich mich sehr, dass auch heute wieder, an unserem 193792. Kongress unseres Vereins WORTE DER FRAUEN, wieder die zahlreiche und wie ich feststellen musste, wachsende Beteiligung zeigt, dass unser Anliegen ernster denn je genommen wird.

Den Hauptvortrag unseres Treffens hat heute unser allseits geschätztes Paradigma übernommen. Neben ihr, ihr Redepartner, der Wechsel. Seit neustem treten die beiden, wie wir wissen, vermehrt in Gemeinschaft auf. Wir sind gespannt, was sie uns zu sagen haben.“

Die redegewandte Effizienz machte eine kleine Pause und nippte effektvoll an ihrem Glas Gänsewein.


„Wie ich sehe, können wir auch in unserer Runde einige Neuzugänge begrüßen. Sie werden sich später noch selbst vorstellen.

Das Patriarchat und die Revolution, die einen Gastvortrag halten wollten, lassen sich für heute entschuldigen. Sie sind derzeit im Definitionsausschuss ihres Vereins MASKULINE WORTWAHL zu sehr beschäftigt. Doch bevor sich die liebe Ungeduld wieder zu Zwischenrufen hinreißen lässt, sage ich erst einmal Guten Appetit! Die Suppe ist heute besonders köstlich und reichhaltig und nach dem Essen beginnen wir mit den Vorträgen und Gesprächsrunden. Den Abschluss bildet dann wieder, wie in jedem Jahr, das Rufen und das Künden. Ausgeführt in beliebter Weise von der Weisheit, dem Hellsehen und dem Geheimnis. Ich wünsche allen einen sagenhaften Tag mit nachhaltigen Erkenntnissen. Erheben wir das Glas auf die WORTE DER FRAUEN und unsere weitere intensive Zusammenarbeit. Zum Wohl!“

„Habt ihr schon angefangen?“ Im Eingangsbereich stand ein blasser kaum wahrnehmbarer Schatten. Alle anwesenden Worte blickten angestrengt in die Richtung aus der das dünne Stimmchen kam und viele fragten erstaunt: „Bist du es, …?“



Das Treffen siehe auch beim Waschweib...! 

6. Oktober 2010

ausprobiert


...natürlich musste ich da mit machen und was kam nach der blitzartigen Analyse heraus:


Ingeborg Bachmann
 


...das hätte ich nicht gedacht! Als Analysetext stellt ich mein untenstehendes KurzUndProsa zur Begutachtung:




Projekt Abschied


Den Tod sollte man nicht erklären, sondern akzeptieren. Und es gilt sich vorzubereiten. An einem milden Herbsttag, mit Rasenmähergeräuschen und ersten Gänseformationen, die keilförmig fern das trübe Grau über mir belebten, wurde mir meine Endlichkeit bewusst
und ich beschloss meine beginnende Karriere als Schriftsteller zu unterbrechen, um erste Vorbereitungen zu treffen. 


Als erstes suchte ich im Anzeigenteil nach einem Job. Ich musste Geld verdienen, um die immensen Kosten einer Beerdigung bereitzustellen. Um dem Tod ins Auge sehen zu können, musste ich mich erst einmal dem Leben zuwenden. Ich trug Papiere zusammen, überlegte, wer wohl bei meinem letzten Gang anwesend sein würde und was ich aufwenden müsste, um selbige zu beeindrucken. Ich studierte die Angebote der Bestatter und Steinmetze und verfasste eine Liste.

Es war schwierig eine opulente, aber kostengünstige Abschiedsfeier zusammenzustellen, da es nicht üblich ist, die Dienstleistungen von verschiedenen Instituten zu kombinieren. Keiner hatte ein, mir attraktiv scheinendes aber preiswertes Paket in seiner Auswahl. Ich stand kurz davor, das anstrengende Vorbereiten meines würdigen Ende auszusetzen. Vielleicht würde ich mich eines Tages in Luft auflösen. Oder die Traditionen und gesetzlichen Vorschriften in puncto Bestattung würden sich ändern und außer einem dezenten Kranz Gänseblümchen und einem lieblichen Lied aus Kinderkehlen am Wiesengrab, wäre jeder Pomp und eitle Aufwand verboten.


Vielleicht sollte ich es auch darauf ankommen lassen und mein, eines Tages unausweichliches, eigenes Ende einfach ignorieren. Denn wenn ein Mensch aus dem Leben scheidet, hat er den Vorteil sich keine Gedanken mehr machen zu müssen, wie es weitergeht. Für ihn beginnt endlich der natürliche Kreislauf, den es in unserem durchzivilisierten Leben schon lange nicht mehr gibt. Ich brauchte ein paar Tage, um auch dieses Tief zu überwinden und die Trauer um meinen eigenen Verlust abzuschließen.


Das Bewerbungsgespräch die Woche drauf verlief besser als ich dachte und auf die Frage: „...warum möchten Sie in unserem Unternehmen tätig sein?“, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Ich muss für meine Beerdigung Geld verdienen!“. Der Abteilungsleiter fasste das als Scherz auf und stellte mich trotzdem ein. Ich hatte eine leichte Arbeit. Es galt die Särge, die vom Fließband liefen, auf Vollständigkeit zu überprüfen und Sägespäne einzufüllen. Eine Kollegin, die nebenan arbeitete, schlug anschließend den Innenraum des Schreins mit weißer Kunstseide aus und tackerte sie unauffällig fest.


Manchmal frühstückten wir zusammen. Da sie sehr zurückhaltend war, lag die Last der Unterhaltung bei mir. „Hast du schon für deine Beerdigung vorgesorgt?“ - „Ich bin fünfundzwanzig!“ - „Naja, ich meine ja nur, wo wir doch hier arbeiten!“ 

Plötzlich war es mir peinlich über meine eigenen Beweggründe zu sprechen.

Sie war eine stille, aber nette Person und nach und nach kamen wir uns näher. Es gehörte auch zu meinen Aufgaben kurz vor Feierabend alles aufräumen und die Halle zu fegen. Immer wieder ertappte ich mich, dass ich sehnsuchtsvoll in den leeren Nebenraum starrte und wünschte sie wäre noch nicht nach Haus gegangen. Aber Komplikationen dieser Art konnte ich eigentlich nicht gebrauchen, schließlich hatte ich errechnet, dass ich etwa fünf Jahre ein sparsames Leben führen müsste, um dann beruhigt meinem Ende entgegen zu sehen. So verging die Zeit und das Projekt: Abschied gestaltete sich immer besser, ebenso das Verhältnis zu meiner Kollegin, die übrigens Anika hieß.


Seit jenem milden Herbsttag sind fast sechs Jahre vergangen. Inzwischen habe ich den Bereich Fertigung übernommen, meine stille, aber zauberhafte Kollegin geheiratet und im Mai erwarten wir unser erstes Kind. Und was das Beste ist, als Mitarbeiter der Firma bekomme ich später einmal einen kostenlosen Sarg und somit konnte ich diesen Punkt schon mal von meiner Liste streichen.


 

22. August 2010

Der alleinerziehende Gottvater

Eine Glosse von Stephanie Ursula Gogolin

Um die Menschheit aus ihrer Sündigkeit zu erretten, schickte Gottvater seinen einzigen Sohn, als Erlöser in die politisch aufgewühlte Welt der Antike. 

Die Römer machten sich gerade rund um das Mittelmeer breit, das hellenistische Niveau war immer noch die damalige Leitkultur, das Pharaonenreich ging endgültig seinem Niedergang entgegen und den Germanen und Kelten war man auch bereits auf die Füße getreten. Überall rangen Völker um ihre Autonomie und in diesen Macht- und Kulturkämpfen, die auf und neben der politischen Bühne tobten, verloren die Frauen der damaligen Zeit immer mehr ihre Freiheit, ihre Würde und ihre Heiligkeit.

Was oder wen sollte Jesus denn eigentlich retten? Was war seine Mission? Wie lautete sein Auftrag? - Ach ja: „ Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Ein harter Job und ein gefährliches Unterfangen, wie wir wissen. Arbeit für einen erwachsenen, wortgewandten Mann. Aber zuerst, so schnell ist nun Gottes Plan auch nicht umgesetzt, war der Messias, wie alle Männer, ein Kind.
Und wie wuchs der kleine Jesus auf? 

Richtig - in der Obhut einer menschlichen Mutter! Was hatte der Junge für ein Glück. Es gab auch einen Pflegevater, dem die Bibel einen guten Leumund bescheinigt. Wahrscheinlich hatte der kleine Erlöser sogar Geschwister. Er genoss jedenfalls die Geborgenheit und den Schutz einer damaligen Familie vom Lande. 

Den spärlichen Angaben zufolge wird der junge Jesus, wie wir es heute nennen würden, ein hochbegabtes Kind gewesen sein. Einer von dem Großes zu erwarten ist. Jedoch in einem Staat, der sich im kulturellen Umbruch befindet, mit einer Besatzungsmacht im Land und intriganten politischen Verhältnissen, ist es nicht einfach göttliche Visionen zu verwirklichen. Da wird auch der einfache Wunsch nach Freiheit oder erträglichen Lebensbedingungen schnell zur Lebensgefahr.

Nichtsdestotrotz hat der inzwischen vom alttestamentarischen zum christlichen Gott mutierte Übervater nachträglich den zweifelhaften ideologischen Verdienst eingeheimst, der Menschheit die Gelegenheit gegeben zu haben, von der Sünde, die sie angeblich seit der Sache mit Eva und dem Apfel mit sich herumgeschleppten, erlöst zu werden.
 

Die weltlichen Katastrophen, die Jesus zu seinen Lebzeiten durchstehen musste, wurden plötzlich zu Gottes weitsichtiger Zielsetzung. Sollte jedoch hinter der Opferrolle des Sohnes tatsächlich ein Plan des Vater gestanden haben,dann bin ich froh, nicht mit ihm verwandt zu sein.

Mit Ach und Krach kommt also die Mutter des Messias in den Evangelien vor, die Großmütter spielen schon keine Rolle mehr. Bei der Geburt des kleinen Jesus im Stall wurde auch noch auf fatale Weise die Mutter mit der Magd verwechslt und der Einfachheit halber die Bezeichnung gleich für alle Mütter beibehalten, mit der Auflage, sich ab jetzt gehorchend und hingebungsvoll als Dienerin am Sohne des Vaters, des Herrn, zu präsentieren.


Die Idee das Kind nur vorübergehend in weibliche Obhut gegeben, hat auch sofort Schule gemacht. Maria betreute also ihren Sohn bis Gottvater die Zeit für die Vollendung der Mission gekommen sah. Das kennen wir ja, die Verfügungsgewalt des Vaters bzw. der Vätergemeinschaft bedeutet durch die Zeiten hindurch immer wieder, dass sie ihre Kinder in Tod und Verderben schicken dürfen.


Oder gab es diesen hinterhältigen „Heils“Plan vielleicht gar nicht? 

Und es war alles ganz anders und Jesus war sozusagen doch der letzte Sohn der verlorenen matriarchalen Verhältnisse? Diverse TheologInnen erkennen schon lange die weiblichen Werte in den Lehren des Jesus und deuten die christliche Lehre gern mal als den Auftakt in ein neues Zeitalter. Die weniger optimistischen sehen darin den Niedergang der weiblichen Ära.

Nun ja, da Gott seinen einzigen Sohn für die Sünden der Welt am Kreuz geopfert hat und zuvor eine Heirat mit einer menschlichen Frau völlig indiskutabel war, sind auch keine Nachkommen überliefert. Es sei, es kam doch irgendwie zum Sakrileg, doch das wissen wir nicht genau.
 

So gilt zwar Gott immer als Vater, zum Groß(en)Vater hat er es nicht gebracht. Vielleicht ist das die Strafe dafür, dass er sich als Gott der Väter über Seine Mutter erhoben und sie ignoriert und verleugnete...



gekürzte Fassung, Lüneburg, 2007

1. August 2010

Satire die Vierte


Mein Briefkasten

Jeden Mittag ist es für mich ein besonderes Highlight erwartungsvoll die Treppe hinunter zu meinen Briefkasten zu gehen. Aber nicht nur die Aussicht auf frohe Kunde treibt mich an, es ist auch unbedingt notwendig den winzigen Postkasten regelmäßig zu leeren. Wirkliche Post bekomme ich ja höchst selten. Wer schreibt schon noch bei den günstigen Telefontarifen oder der fixen Möglichkeit eine Email zu versenden. Trotzdem ist das Behältnis, welches der Fernkommunikation dient, fast täglich brechend voll.


Die Briefkästen in unserem Haus stammen noch aus der Zeit, da sie in erster Linie nette kleine Briefumschläge, vielleicht auch eine dünne Tageszeitung beherbergen mussten. Umschläge in B4größe erfand man wohl erst später. Dementsprechend spärlich ist ihr Aufnahmevolumen. In unserem Haus gibt es trotz acht Mietparteien übrigens nicht eine Tageszeitungsabonnementin. Ich vermute mal, das hat auch etwas mit dem Format einer klassischen Tageszeitung zu tun, ich wüsste auch nicht wo in meiner Wohnung ich sie komplett aufschlagen könnte.

Trotzdem braucht der durchschnittliche Tageszeitungsnichtabonnent auf wichtige Informationen über Land und Leute, Gott und die Welt, Fug und Recht, nicht zu verzichten. Jede Gemeinde, jeder Landkreis, von größeren Städten ganz zu schweigen, besitzt mindestens ein Wochenblatt, das kostenlos und unaufgefordert ins Haus kommt.


Da gibt es beispielsweise den „Geschäftsanzeiger“ und den „Stadtboten“, die „Landpost“ und den Pfarrbrief, die „AnzeigenTafel“ und der „Ortskundige“, den „Ausblick“ und den „Einblick“!


Kiloweise Papier, schwarz-weiß und farbig und fünfundachtzig Prozent davon fliegt ungelesen in den Altpapiercontainer (laut Statistik des Bundesamtes für Baum- und Leserschutz). Aber erst einmal werden diese gewaltigen Papiermassen Woche für Woche und Tag für Tag auf die Briefkästen der nach Information und Unterhaltung lechzenden Bevölkerung verteilt.

Acht schmale Öffnungen untereinander, dekoriert mit der geballten Ladung an Neuigkeiten, zieren die Front neben unserer Haustür. Meist hängt die brachial hinein gestopfte Zeitungsrolle, welche aus ein wenig lokaler Information, dem Immobilienteil, gedruckten Werbebotschaften und zu dreiviertel aus eingelegten Prospekten besteht, hälftig außen aus dem schlanken Briefschlitz. Wenn der Wind ungünstig steht, ist das Papier bei Regenwetter auch schon mal nass und wird zu einem lustigen bunten Klumpen Pappmache.

Natürlich habe ich auch schon überlegt,
mir eines dieser neckischen Klebeschildchen zu besorgen: BITTE KEINE WERBUNG; vielleicht sogar das, mit der Abbildung eines drohenden fletschenden Säbelzahntigers. Aber das würde auch nicht die Beilagen in den Wochenblättern verhindern. Außerdem bekäme ich dann auch nicht mehr den Prospekt von „Kaufmich“. Nicht das mir die Angebote dort wirklich fehlen würden, ich gehe da eh nur hin, um ab und zu meine Dose „Cappuccino ungesüßt“ zu kaufen. Aber in dem Prospekt ist nicht nur jede Woche ein Rätsel auf der letzten Seite, nein, neuerdings auch eines von diesen Sudoku – Kästchen. Ich bin süchtig nach Sudoku.

Ab September sind die Werbebotschaften auch immer ganz besonders prächtig gestaltet um uns liebevoll aufs Weihnachtsfest einzustimmen. Es ist stets beeindruckend, die rot und golden, zuckersüßen Sinnlosigkeiten in all ihrer Vielfalt jedes Jahr aufs Neue angeboten zu bekommen, nur mit dem Unterschied, dass der Endverbrauchen mehr dafür bezahlt, als die Jahre zuvor. Die Botschaften besagen natürlich das Gegenteil. Und auch wenn der Kunde es gern glaubt, so ein kleiner bohrender Gedanke der Skepsis bleibt. All die Beteuerungen: „Nichts weiter als billig“, „Fast kein Preis“ und „Ungeheuer - niemals teuer“ oder suggestive Schmeicheleien wie „Sei klug im Nu und Greife zu“, kommen immer wieder recht massiv daher um die Kundschaft kollektiv zu becircen. Und auch mir fällt gelegentlich die Entscheidung schwer. Gehe ich lieber zur Einkaufsgruppe „Trallala“ oder zu „Hopsasa“ oder gar zum familienfreundlichen Supermarkt „happyfamily“, die Butter kostet überall das gleiche.

Von Zeit zu Zeit jedoch liegt auch ein echter Brief in dem flachen Fach. Also ich meine einen persönlichen, von einem anderen Menschen exklusiv für mich verfasst. Keine Rechnung oder so ein hochwichtiges Schreiben von Lotteriebetreibern oder eine Einladungen zur Eröffnung des neuen Friseurs um die Ecke oder gar zum Adventkonzert im Senioren – Treff. Nein, ein Umschlag mit handgeschriebener Adresse und richtiger Briefmarke und keinem seelenlosen Stempel in der Ecke.

Der besagte Brief kommt dann meist von meiner Freundin Inge, die ein bisschen JWD (janz weit draußen) wohnt. Sie hat aus Prinzip kein Telefon (man muss nicht ständig erreichbar sein) und aus religiösen Gründen keinen Computer (Teufelswerk). Ihre Korrespondenz mit der Außenwelt holt sie sich einmal die Woche bei der nächsten Postfiliale ab und selbstredend kommt auch kein noch so gut meinender Prospekteausträger bis zu ihr raus.

Heute war es wieder soweit, in meinem Briefkasten, eingeklemmt zwischen vielen bunten Seiten und dem freundlichen Angebot der Kreti - Pleti – Bank meine überflüssigen Millionen zu veruntreu…, äh zu verwalten, lag doch tatsächlich ein handadressierter Brief in meinem zierlichen Kommunikationsaufnahmebehälter.

Erfreut endlich wieder etwas von meiner lieben Freundin Inge zuhören, öffnete ich noch im Treppenhaus den Umschlag. Und was teilt sie mir mit? Ich möchte doch mal bitte im neuen Rinaldi – Prospekt nach sehen, ob es in der nächsten Woche die preiswerten Computer gibt – ach was! Sie wolle sich jetzt doch so einen Zauberkasten zulegen und dann kann sie auch endlich Emails verschicken und wir würden viel öfter von einander hören bzw. lesen.

Schade, dann werde ich wohl gar keinen persönlichen Brief mehr bekommen!


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, November 2007