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11. April 2018

aus dem geheimen Kodex der Kobolde


verschwende deine Gaben im richtigen Augenblick ! 

(3. erdige Weisheit des Koboldkodex)

18. Mai 2017

Geschichten aus dem Treppenhaus V

Schlittenfahren

Was für eine Aufregung! Zwei Tage vor Weihnachten hat es tatsächlich geschneit. Seit einer halben Stunde laufen die Kinder, Mama und Oma im Flur auf und ab und packen und suchen und Oma sagt immerzu: „Hoffentlich vergessen wir nichts!“ Sie wollen alle zum Rodeln fahren. Die dicksten Jacken und Mützen wurden hervorgeholt, Ersatzhandschuhe bereit gelegt, Extrasocken und für jeden einen bunten Schal, ach ja und die warme Stiefel natürlich.
Schäfchen und Ulli sitzen auf der Treppe und sehen zu. „Freust du dich auch so?“ flüstert Ulli.
Mama verschwindet im Keller und kommt mit dem großen Holzschlitten zurück. Jetzt ist Schäfchen genauso aufgeregt wie die Kinder. Schlittenfahren! Toll, gestern Abend hat die Oma noch bei der Gute - Nacht - Geschichte davon vorgelesen.
Schäfchen weiß nicht was Schnee ist, denn Schäfchen ist erst seit Ostern bei Johanna und da ist ja bekanntlich Frühling. Aber Schäfchen kann sich noch gut erinnern, dass Mama damals als sie es zum ersten Mal sah, sagte: „Ein Fell so weiß wie Schnee!“ Das würde heute ein tolles Erlebnis werden. Erwartungsvoll sitzt Schäfchen auf der Treppe und zum Glück hat es seinen eigenen kleinen bunten Schal dabei. Gleich geht es los. Ulli sitzt wie immer geduldig daneben.
Paula hängt an der Türklinke und fährt mit der großen Haustür hin und her, was sie nicht soll. Mama packt den Schlitten ins Auto und Oma füllt noch schnell ein paar Weihnachtsplätzchen in eine Tüte. Johanna hat zwei Paar Socken übereinander gezogen. Nun passen die Stiefel nicht mehr. Also muss sie sie wieder ausziehen. Eigentlich sollten die Ersatzsocken in die Tasche zu den Trinkflaschen und den Weihnachtsplätzchen. Mama wird ungeduldig und treibt Johanna an. Oma sammelt die herunter gefallenen Handschuhe auf und scheucht die Kinder zur Tür hinaus und schwupp sind alle draußen.
Schäfchen und Ulli bleiben verdattert im Dunkeln auf der Treppen sitzen. Was für ein Unglück, die Kinder haben sie vergessen! Kein Schnee, kein Schlitten fahren, keine Weihnachtsplätzchenkrümel im Auto. Schäfchen lässt die Ohren hängen und Ulli blickt traurig mit seinen Knopfaugen in den leeren stillen Flur.

Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus
© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003
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29. Oktober 2014

Der wandernde See - ein Märchen



Kaltes Feuer tropft golden durch sieben Siebe.
und rotes Wasser den Fels umschäumt.
Ein silberner Lufthauch bauscht grünhelle Schleier.
wo blau das Moos die Quelle umsäumt.

Inmitten der Zweigen hervor tritt die Muhme.
Das flirrende, blendende Sonnenlicht,
verbirgt ihrem Blick nicht die argen Schatten,
doch dunkles Drohen fürchtet sie nicht.

Sie dreht das Rad, es tanzt die Spindel.
Ein glänzendes Fädchen - gesponnenes Glück -
Der ewige Faden rinnt aus ihren Händen -
so springen vergangene Stunde zurück.

Sie sieht in des weisen Schicksals Kessel
den schändlichen Bann des gläsernen Sees.
Der verwunschen durch die Zeiten wandert,
sein Herr hält gefangen die Lilofee.

Der wandernde See in argloser Schönheit,
liegt gläserne im milden Abendrot.
Sein Glitzern trügt lang schon jedwedes Wesen
manch Wandrer fand hier einen magischen Tod.

Der Zauber des Nöck lockt Getier und Mensch
in seinen Bann, betreten sie nur den Ufersand.
Als entseelte Gefährten führt hinweg sie die schöne,
verlorene Fee mit eigener Hand.

Die Muhme gewillt, den Zauber zu lösen,
- zerbrechen soll der gläserne See -
schöpft aus der Quelle des kalten Feuers
beendet so der Gefangenen Weh.

Mit hellem Klingen und gewaltigem Beben
bricht auf immer des dunkelnen Zauberers Siegel -
statt gläserner Glätte weiches Wasser sich wiegt,
zerborsten auf immer der tückische Spiegel.

Der wandernde See, nun ein stilles Gewässer,
auf ewig vom Schmerz und Sehnen befreit.
Weißfarbener Sand umrahmt lieblich das Ufer.
In den Tiefen des Sees kein Wesen mehr weint.

Die Erlösten ziehn heim zu den trauernden Müttern.
Die Nacht senkt sich still über das Land.
Die Muhme verschließt die Quelle des Feuers.
Nimmt Rad und Spindel in die Hand.

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29. Oktober 2013

Erinnerungen

Aus gegebenen Anlass eine fast vergessene Erzählung aus dem Sammelbändchen: Geschichten aus dem Treppenhaus

Können Elfen traurig sein? 


Hanna und Paula laufen treppauf treppab. Sie suchen ihre Hausschuhe und die zurecht gelegten Spielsachen zusammen. Im Haus sieht es heute recht merkwürdig aus. Die Regale sind leer, die Schranktüren stehen offen und Hanna stolpert eben über einen der vielen Kartons. Die Familie packt. Mama wird demnächst in einer anderen Stadt singen und nun müssen alle umziehen, Mama, Hanna, Paula und Oma. In all dem Durcheinander achtet kaum jemand auf Spinni. Die kleine Hauselfe sitzt auf der Treppe, baumelt mit den Füßen. Sie ist traurig. Die Kinder gehen weg.
Hanna hüpft mit Schäfchen im Arm auf dem Treppenabsatz herum: „Kommt der Papa bald?“
Während morgen die Möbel verladen werden, sind die Kinder beim Papa. Erst wenn die neue Wohnung fertig eingeräumt ist, bringt Papa die Zwillinge wieder zur Mama und Oma. Papa wohnt in einer anderen Stadt.
Mama sagt: „Bestimmt steht er wieder auf der Autobahn...“ - „Im Staub“ ergänzt Paula. Alle lachen. Dann wird eifrig weiter gepackt. Und da alle schrecklich beschäftigt sind, hört niemand, wie Spinni tief seufzt. Seit über einhundert Jahren gibt es dieses Haus und zum ersten Mal wohnen so nette Kinder hier. Viel zu kurz, wie die kleine Treppenhauselfe findet. Es wird ab morgen bestimmt sehr einsam werden.
Kein abendlicher Plausch mehr, mit Schäfchen und Teddy in der hinteren Ecke der Kinderbetten. Kein Kaffeetrinken in der Puppenstube. Kein Kramen mehr in Paulas vielen Schatzkästchen. Immer wenn Oma sich über Paulas Unordnung wunderte, schämte sie sich ein bisschen - aber Paulas kleine Sammlungen sind zu schön. Spinni seufzt tief. Es wird kein heimliches Malen mit Hannas Stiften und Farbtöpfen geben. Kein Naschen in der Küche beim Kekse backen und kein Spaß, wenn der bunte Ball die Treppe herunter springt. Spinni seufzt noch lauter, aber niemand hört sie.
Mama schickt die Kinder nach unten zum Schuhe anziehen, gleich werden sie abgeholt. Bis morgen früh, wenn der Möbelwagen kommt, muss alles fertig sein. Bis dahin ist noch viel zu tun. Die Zimmer ganz leer räumen, die Umzugskartons beschriften, die Blumentöpfe in das Auto von Mama laden, alles einmal ausfegen.
Mit mehren kleinen Teddys und einem Stoffhund unter dem Arm tappt Paula vorsichtig die Treppe herunter, selbst auf den Treppenabsätzen stehen Kartons, die Puppenwagen und Zimmerpflanzen. Johanna räumt noch ihr Malzeug zusammen, sie hat noch einmal das Kinderzimmer gezeichnet, damit sie nicht vergisst, wo alles gestanden hat. In der neuen Wohnung wird alles ganz anders aussehen: ”Ich komme gleich...”, ruft sie die Treppe hinunter.
Paula zieht schon ihre Schuhe an, was sehr schwierig ist, wenn man die Teddys nicht loslassen möchte. Da, jetzt hört sie ganz deutlich ein kleines Seufzen. Hinter einem der Kartons mit den Kinderbüchern luken die silbrigen Strubbelhaare von Spinni hervor. Paula schiebt den Kasten zur Seite und sieht die Hauselfe mit hängendem Köpfchen und schlaff herab baumelnden Schuhspitzen auf der Treppenstufe hocken. Ganz matt und grau sieht heute ihr Kleidchen aus.
„Traurig?“, fragt Paula. Ein noch tieferer Seufzer war die Antwort. Paula versteht. „Komm doch mit! Steig morgen einfach in den Möbelwagen“, flüstert Paula ihr zu.
„Das geht nicht, ich bin eine Hauselfe und kann mein Haus nicht verlassen.“
Schade! Jetzt ist Paula auch ganz traurig. Das ist ein schwerer Abschied. Bestimmt sehen sie sich nie wieder. Die sonst so fröhliche Spinni wippt nur traurig mit den Füßen.
„Ihr müsstet ein Stück vom Haus mitnehmen, dann könnte ich euch begleiten. Ratz, der Kellergeist hat es mir erzählt.“
„Wer ist Ratz?“ Hanna sitzt plötzlich auch neben den beiden auf der Treppe. „Den haben wir noch gar nie nich getroffen!“
„Ach, der wohnt schon lange nicht mehr hier. Bestimmt ist er weg gegangen, als damals die Handwerker die Heizungsrohre ausgewechselt haben.“ So nieder geschlagen haben die Kinder Spinni noch nie erlebt.
„Können wir nicht auch ein Rohr mitnehmen?” fragt Paula.
„Das geht doch nicht!“ Hanna schüttelt den Kopf und überlegt, was gehört zum Haus und ließe sich trotzdem einpacken.
„Oh, nein!“, schreit Mama plötzlich und dann poltert etwas laut die Treppe hinunter. Jetzt klirrt es auch noch. Oma kommt herbei gestürzt: „Was ist passiert?“
Mama ruft von oben: „Ich bin mit der Kiste an den lockeren Knopf vom Treppengeländer gestoßen und das blöde Ding ist in die offene Geschirrkiste gefallen, jetzt ist eine Tasse kaputt.“
Und dann schimpft sie in der oberen Etage noch ein bisschen vor sich hin. Oma winkt ab, bei einem Umzug geht immer etwas entzwei.
Die Kinder rennen die Stufen wieder nach oben. Natürlich wollen sie wissen welche Tasse entzwei ist. Hoffentlich nicht die mit den lila Schnecken, die mag Paula am liebsten.
„Schneidet euch nicht.“, mahnt die Oma von unten. Paula nimmt den geschnitzten Knauf aus der Kiste, einer von Mamas Kaffeebechern liegt in Scherben.
„Du blödes Ding!“, sagt Paula zu der Holzkugel.
„Du gutes Ding!“, sagt Spinni mit Betonung und sieht die Kinder an. Hanna nimmt Paula das abgefallene Teil des Treppengeländers schnell aus der Hand. Sie wühlt zwischen dem verpackten Geschirr und schon ist der Holzknauf ganz weit unten im Karton verschwunden. Noch bevor sich Paula darüber aufregen kann, dass Hanna ihr wieder einmal etwas aus der Hand gerissen hat, klingelt es. 

„Der Papa kommt.“ Die Kinder stürmen die Treppe hinunter. Sie können nicht schnell genug die Haustür öffnen. „Na, meine Mäuse, seid ihr fertig?“ fragt der Papa.
Spinni, die Hauselfe, sitzt zufrieden lächelnd auf dem Karton, baumelt mit den Füßen und ihre Schuhspitzen sind lustig nach oben gebogen. Durch das Dachfenster scheint jetzt die Sonne herein und im Sonnenschein schimmert ihr Kleidchen Veilchenblau.



© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003

16. August 2013

Yin und Yang

Yin und Yang

„Komm zum Frühstück, Yang! Hörst du, ... Frühstück ist fertig.“

Mutter Yin gähnte, sie war etwas müde heute Morgen... es war eine lange, wilde Nacht gewesen.

Bis zum Sonnenaufgang hatten sie mit den Frauen auf der Waldlichtung hinter dem Dorf getanzt, den berauschende Trank aus dem blanken Kessel getrunken, die alten Lieder für die Dunkle Göttin der Frauen gesungen.

Die jungen und alten Mütter des Dorfes feierten einmal im Jahr das große Mondfest. In jenen Nächten wurden die uralten Geheimnisse des Glücks an die jungen Frauen weitergereicht. Träume offenbart, Schmerzen gewandelt, Leiden dem Feuer übergeben. Kein Mann war zu diesen Festen zugelassen, selbst nicht so ein kleiner wie Yang.

„Wo warst du in der Nacht, Mutter Yin?“

„Mit den Müttern in der Anderen, der Dunklen Welt - der Welt der Mondfrau, wie immer um diese Zeit des Jahres.“, sagte sie leise und geheimnisvoll.

„Des Nacht ist es finster und gruselig. Hast du keine Angst?“

„Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich des Nachts Angst hätte?“, lachte Yin. Sie strich ihrem Kind über Kopf: „...und mit all den anderen Müttern bin ich nie allein!“

„Ich finde die Sonne schöner, als die bleiche Mondmutter. Manchmal sieht man nur in kleines Stück von ihr, als hätte die Sonne ein Stück abgebissen.“ Yang hielt seiner Mutter sein Schälchen hin und Yin füllte es wieder auf.

„Ob wir sie sehen oder nicht, die Mondfrau ist immer da. Ohne den Mond gäbe es kein Leben auf der Erde! Doch nun geh hinaus, die anderen warten schon! Spiel mit ihnen in der Sonne. Das Licht ist gut für deine Kraft und deine Knochen.“

Der kleine Yang stopfte sich den letzten Bissen morgendlichen Breis in seinen immer hungrigen Mund, während er seiner Mutter zusah und ihrem leisen Singen lauschte. Er dachte über Yins Worte nach.

„Ich glaube, ich bin nur ein Kind der Sonne - aber du kennst sie alle, die Sonne, die Sterne, den Mond. Auch die finstere Nacht, meine liebe Mondmutter!“, lachte der kleine Yang. Sein Breischälchen zur Seite schiebend, stürmte er zur Tür hinaus.

Yin sah ihrem Sohn nachsichtig hinterher: „...das hast du richtig erkannt, mein Kind!“


... eine Medivision von Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg Januar 2012

11. Februar 2013

Wegwarte


Eine Märchenbearbeitung von Stephanie Ursula Gogolin

Wegwarte

Es war einmal ein fröhliches und lebenslustiges Mädchen mit wunderbar hellblauen Augen, das verliebte sich beim Tanz in den Mai innig in den schönsten Burschen des Nachbardorfes. Doch dem stand der Sinn nach Abenteuer und fernen, geheimnisvollen Ländern und so hatte er sich dem Burgherren verdingt. Der wollte am nächsten Tag mit seinen Mannen zu einem Kreuzzug ins Morgenland aufbrechen. Der Jüngling küsste nach dem Tanz an jenem Abend zum ersten und letzten Mal die liebliche Maid und versprach ihr, zu ihr zurückzukehren. Sie solle nur hier auf ihn warten und als Pfand seiner Treue schenkte er ihr ein blaues Band.
 

Nun wartete das Mädchen geduldig ein volles Jahr und ein weiteres, aber der Geliebte kehrte nicht heim. Andere Burschen warben um sie, doch sie konnte den Ihren nicht vergessen und so erhörte sie keinen von ihnen. Die Jahre gingen dahin und die Verlassene wurde immer wunderlicher. Sie hielt sich von allem fern, ging bekümmert ihrer Wege und konnte nicht aufhören auf ihn zu warten. Denn wie das so ist, eine nicht erfüllte Liebe, ist eine unendliche Liebe.

Ihre Freundinnen um sie herum nahmen sich Männer und wurden Mütter, so auch ihre Schwestern. Doch der Alltag mit dem täglichen Tun und dem fröhliche Kinderlachen im Haus, wandelte nicht ihren Sinn. Nein, sie floh nach getaner Arbeit das gemächliche Leben unter dem Dach der Mutter. Tag für Tag saß sie des Abends am Wegesrand auf dem großen Feldstein und hielt Ausschau nach dem Liebsten. Sie verharrte im Abendschein - bis der Mond und die Sterne am Nachthimmel standen. Selbst im bitteren Winter wartete sie in Eis und Schnee eine Weile an dem Platz, an dem sie dereinst ihren Abschiedskuss und das Versprechen seiner Rückkehr erhalten hatte. Von Zeit zu Zeit drang Kunde über ferne Schlachten bis in ihr Dorf, doch nie eine Nachricht von ihm. Der Burgherr mit den Resten seines Gefolges war längst aus den fernen Ländern zurück gekehrt, doch auch von denen konnte ihr keiner sagen, was aus dem mutigen Burschen geworden war.

Als sie eines schönen Tages nach einem langen Arbeitstag, auf den Feldern wurde gerade das Korn geschnitten, wieder neben dem alten Feldstein hockte und traurig in die Ferne blickte, kam ein altes Weib mit einem Korb am Arm daher. Die Alte blieb bei ihr stehen. Sie hatte schon von der Jungfer gehört, die Tag für Tag an diesem Platz verweilte und nicht aufhören konnte zu warten. Das arme Mädchen mit dem gebrochenen Herzen dauerte sie. Und so setze sie sich zu ihr und sprach gütig auf sie ein und ihr gelang es mit ihren Worten die verschlossene Seele zu berühren. Seit jenen Tagen des Abschieds sprach die Maid erstmals über ihren tiefen Schmerz und dass sie den Gedanken an die leeren Jahre, die noch vor ihren lagen, nicht ertragen könne.

„Nun wenn du keinen anderen Mann willst, nicht Mutter werden magst und glaubst, das Leben in deinem Dorf nicht fürderhin leben zu können, dann komm mit mir.“, sagte die Alte, „Dein Liebster ging fort, so geh auch du fort. Dort hinter dem Berg ist ein großer Wald und an seinem Rande liegt meine Hütte. Du kannst sodann bei mir bleiben. Ich werde dich wie eine Tochter halten und du kannst von mir alles lernen, was ich weiß. Und die hier lassen wir zurück - mag sie deinen Platz einnehmen!“ Und damit nahm sie aus ihrem Korb eine unscheinbare Pflanze und grub deren Wurzel neben dem Stein in der Erde ein. „Schau, sie wird an deiner Stelle am Wege warten.“


Dann nahm sie das Mädchen bei der Hand und führte sie mit sich fort.


Und so geschah es, dass das Mädchen ihre Heimat verließ und fortan bei dem alten Weib im Walde lebte. Der grüne Wald und das beschauliche Dasein im Haus der Alten heilten ihr Gemüt und als bald vergaß sie ihren Kummer und das schmerzliche Sehnen. Die Jahre vergingen, sie ward älter und erlernte alles was eine Kräuterfrau nur wissen konnte und über die Jahre wurde sie eine weit hin bekannte und geschickte Heilerin. Die Gute Heile wurde sie von den Leuten genannt, denn niemand kannte ihren wahren Namen und als die Alte hochbetagt starb, nahm sie den Platz der Weisen Frau ein.

Das ganze Dorf hatte derweil nach ihr gesucht und als sie nicht wiederkehrte, wurde noch lange um sie getrauert. Niemand konnte sich erklären, wohin das Mädchen verschwunden war. Und weil ihre Schwester das Pfand, das die Maid einst von dem verschollenen Liebsten erhielt, zurückgelassen auf dem Stein fand und neben diesem jetzt die unscheinbare Pflanze mit den wunderbar blauen Blüten wuchs, entstand mit der Zeit die Mär, das Mädchen selbst hätte sich in ihrer großen Trauer in diese Blume verwandelt um nun für immer am Wege stehen. Und noch heute nennen die Menschen das Gewächs mit der sehnsuchtblaue Blüte Wegwarte.


Chicory - Nr 8 der Bachblüten-Devas

29. März 2011

Märzenworten



Weichselbaum

Frühlingspfützen

Blütenschnee 
 
topasschillernd

Bänderflattern

Kranichtanz

Goldaugen

birkengrün

Quellengischt

Wiesengrund


6. Januar 2011

Zauberspruch

 ... da beim Waschweib von mir wieder ein paar Zauberworte zum Projekt von Seelenbalsam  eingesetz wurden, gebe ich hier einen Spruch ( aus meinem noch nicht fertigen Kinderbuch) zum Besten. Falls es jemand ausprobiert, gebt mir doch mal Bescheid, ob es funktioniert! Allerdings wie das mit der Rückverwandlung geht, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen...

 

Rezept aus dem Buch der Kobolde

Schöpf mit der Schale der Zaubernuss
An ruhiger Stelle mitten im Fluss
Aus der tiefversteckten Quelle
Von des wilden Meeres Welle
Drei Tropfen aus dem stillen See
Kristalle, fünf, vom letzten Schnee!
Misch alles gut bei Dämmerlicht
Nimm einen Schluck und dabei sprich:
Trotz Mittagssonne hell und klar -
Dies Wasser macht mich unsichtbar!

 

30. November 2010

Ich habe neulich...


Ich habe neulich Frau Holle gesehen, sie kam aus dem Wald ...
nein, nicht das Mützchen voll Schnee. Auch heuer gibt es noch keinen Schnee!
 
Und Mützchen konnte man die mächtige Haube der Hohen Frau auch nicht gerade nennen. Mit ihren ausladenen Röcken nahm sie fast den ganzen Gehweg ein. Ja, sie war schon eine prächtige Erscheinung. Ich staunte nicht schlecht, dass sie einfach so in ihrer Allgewaltigkeit durch unsere Dorfstraße lief. 
Neugierig wie ich nun mal bin, schlenderte ich so unauffällig wie möglich, hinter ihr her - kann es sein, dass sie auch heute von Zeit zu Zeit die Menschen besucht? In die Fenster schaut, verlorene Kinder anspricht, vergeblich den Dorfbrunnen sucht und auch sonst keinen täglichen Frauentreffpunkt mehr findet? 
Das kleine Cafe in der Bäckerei an der Ecke, schien ihr Ziel zu sein und so folgte ich ihr dahin. Der Raum war vormittäglich leer. Ein  Banker von nebenan, vertiefte sich in eine Zeitung und zwei ältere Damen rührten Süßstoff in ihre Tassen. Frau Holle suchte sich einen netten Fensterplatz und beobachtete die vorbei fahrenden Autos.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und mit einem „Darf ich“, setzte ich mich zu ihr an den Tisch. Überflüssig zu sagen, dass mir das Herz bis zum Halse klopfte.
„Einen Cappuccino bitte“, rief die holde Frau mit gewaltiger Stimme zur Kuchentheke hinüber, wo die vor sich hin sortierende Verkäuferin leicht zusammenzuckte und alle anderen verstört aufblickten.
Den Cappuccino bekam ich dann vorgesetzt, weil die Bedienung SIE einfach nicht gesehen hat...



Stephanie Ursula Gogolin, Troisdorf 2006, überarb. 2010

10. Oktober 2010

Geschichten aus dem Treppenhaus I


Schäfchen ist verschwunden

In der Erkerecke hinter den großen Zimmerpflanzen, raschelt und knistert es. Hanna kriecht auf allen Vieren um die Blumentöpfe herum. Sie spielt Schäfchen hat Geburtstag. Sie möchte ihrem Lieblingskuscheltier ein selbst verpacktes Päckchen und einen Knetekuchen mit Bauklötzchenkerze schenken. Sie schickt ihre Schwester Paula aus um Schäfchen zu holen. 

Aber Schäfchen ist nicht da. Sie sucht im Kinderzimmer, im Bad, im Treppenhaus. Beim Mittagessen hatte Schäfchen noch mit am Tisch gesessen! Und beim Vorlesen in der Mittagspause hielt es Hanna noch im Arm? Doch danach?

Paula sagt: „Schäfchen ist weg!“

Hanna jammert, ihr Schäfchen ist nicht mehr da. Alle müssen suchen. Die ganze Familie, Oma, Mama, Paula, Hanna - alle laufen treppauf und treppab - Schäfchen bleibt verschwunden - jeder guckt in jedes Zimmer und in jede Ecke - kein Schäfchen. 

Hanna fängt an zu weinen, na genau genommen brüllt sie, was das Zeug hält. Untröstlich weint sie dicke Tränen in den Teppich. Sie lässt sich nicht beruhigen.

Während Johanna unter dem Tisch schluchzt, beraten erschöpft bei Kaffee und Apfelsaft, Oma, Mama und Paula, wo sie noch suchen könnten. Alle haben alles abgesucht! - Den Einkaufskorb umgestülpt, unter jedes Kissen gesehen, in den Spielzeugkisten, auch auf dem Sesseln auf dem Balkon. Kein Schäfchen!

Das Telefon klingelt! Mama geht telefonieren. Hanna heult noch immer. Paula streichelt ihre Schwester.

Oma geht in den Keller an die Waschmaschine. Die Bezüge der Kinderbetten sind fertig gewaschen. Oma nimmt die Wäsche aus der Maschine und Schäfchen sagt: “Ich war noch gar nicht so schmutzig” und dabei guckt das nasse Schäfchen ganz vorwurfsvoll.
 












Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus

© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003

26. Juni 2010

… mehr als nur ein Märchen

Die dreizehnte Fee

… Trauer erfüllte heute an diesem wunderbaren Sommertag die Uralte, die Weise. Sie zog ihre Hand durch das klare Wasser des steinernen Beckens und die mystischen Bilder, die sie in die Zeiten sehen ließen, verschwanden.

Der König des Landes missachtete die uralte Ordnung - wieder und wieder. Zwölf der Schwestern gebot er zu sich, aus Anlass des Tauffestes seiner neugeborenen Tochter. Prächtig gekleidete Diener schickte er aus, junge Burschen, die sich ihrer Stellung am Hofe sicher, die Einladungen an die Feen hochmütig überreichten. Die jungen Pagen kannten keine Ehrfurcht mehr vor den Weisen Weiber, die überall im Lande lebten und wirkten. Der König lud nur ihrer Zwölf in seine Burg. An ihrem Haus, dem der Dreizehnten, ritten die Boten vorbei.

Einst kam die Mutter der Königin selbst zu ihr und ihren Schwestern, um sie zum Fest zu bitten. In der Nacht der Frauen versammelten sich alle. Und im Schein des vollen Mondes empfahl die junge Mutter ihre neugeborene Tochter dem Kreis der Dreizehn und den Ahninnen, bat um Schutz und Beistand für die künftige Königin. Viel zu früh starb sie dann, die alte Königin. Und viel zu früh vermählte sich deren Tochter. Jetzt ward diese nach einer langen Wartezeit selbst Mutter und das Königspaar wusste sich vor Glück nicht zu lassen, hieß es im ganzen Land.

Die dreizehnte Fee, die Alte, schritt wehmütig durch die Räume ihres Palastes. Von außen ward dieser eine unscheinbare Hütte, doch trat man durch die Türe, taten sich im Inneren weite Säle auf, geheimnisvolle Gemächer und Türme, von deren Warte sie Zukünftiges und Vergangenes sah. Hier störte nichts die Ordnung des immer währenden Seins.

Nach endlosen Stunden saß sie immer noch auf der Bank des Altans. Zum ersten Mal in ihrem langen Leben war der Tag gekommen, an dem sie ihren sonst so segensreichen Ahnungen fluchen wollte. Ihr Vermögen, das sie unerbittlich sehen ließ, was anderen verborgen blieb, schien ihr heute eine grausame Last. Sie sah und erkannte, wohin der Menschen Entscheidungen führten. Es waren Entscheidungen, die nicht mehr vom alten Prinzip getragen wurden. Keiner suchte mehr ihren Rat.

Sie schloss ihre Augen, leerte ihren Geist, versank in den Weiten der ewigen Welten. Doch ein bisher nicht bekannter Schmerz zog sie immer wieder zurück, missgönnte ihr heute die Ruhe, welche sonst ihre Kräfte wachsen ließ. Und so beschloss sie, sich auf den Weg zu machen. Mit ihrer Anwesenheit wollte sie dem König zeigen, was er bereit war aufs Spiel zu setzen. Und mit eigenen Augen würde sie sich überzeugen, dass die Königin nicht mehr die Geschicke des Landes lenkte. Nein, sie durfte sich nicht ausschließen lassen, zu wichtig waren ihre Visionen für die Menschen. Die dreizehnte der Feen begab sich auf den Weg zum königlichen Schloss.

Es war ein leichtes für eine unscheinbare alte Frau die Königspfalz zu betreten. Niemand nahm sie gewahr. Das wunderbare Gewand der Feen hielt sie vor den Augen der geschäftigen und froh gestimmten Menschen verborgen. Sie durchschritt die festlich geschmückten Räume der Burg. Niemand beachtete sie in all der Rührigkeit. Sie schlängelte sich an Mägden vorbei, die Platten und Schüsseln mit üppigen Speisen aus der Küche trugen und diese den fein gewandeten Diener zum Servieren übergaben. In den Gängen standen bewaffnete Wachen aufgereiht und an jeder Tür fragte ein Lakai nach dem Begehr. Das Leben in Vertrauen und Ungebundenheit, die Zeit der kundigen und klugen Frauen ging zu Ende, nie hatte die dreizehnte Fee es deutlicher gesehen, als in diesem Augenblick, da sie den Festsaal des Palas betrat.

Zwölf Schwestern umstanden die Wiege des Kindes, während die geladenen Gäste schwatzten und tafelten. Und trotz der zur Schau getragenen, überschäumenden Ausgelassenheit, lag auch ein dunkler Schatten auf der anwesenden Festgesellschaft. All die feiernden Herrschaften jubelten dem Königspaar zu und suchten doch zu verbergen, dass in der Freude über das Kind, auch die Enttäuschung mitschwang, dass kein Sohn das Licht der Welt erblickt hatte. Wohlgesetzte Reden schmeichelten dem Herrscher und enthielten manch versteckten Tadel für die Königin, welche dem Gatten nicht den erwarteten Erbprinzen geschenkt hatte.

Der Zorn über die Ungehörigkeit und die Unvernunft der erlauchten Gesellschaft stieg erneut in der Alten auf. Und deutlich spürte sie, auch ihre Schwestern fühlten nur zu gut den neuen, den unheilvollen Geist. Die meisten von ihnen trugen einen dünnen Schleier vor ihrem Gesicht, so dass die Anwesenden ihre Besorgnis nicht aus ihren Mienen lesen konnten.

Die Königin, noch erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage, hatte nur Augen für ihre langersehnte kleine Tochter. Selbst die Weisen Frauen, die Feen des Landes, nahm sie kaum wahr. Doch nun erschrak sie, als sie der Dreizehnten angesichtig wurde. Ängstlich blickte sie hin, zu ihrem Gemahl, der zwischen Grafen und Herzögen und deren Gattinnen an der Tafel saß.

Die Alte, die Feenmutter, ließ den Mantel von den Schultern gleiten und stand in ihrer Gewaltigkeit mitten im Saal. Erschrocken verstummten bei ihrem Erscheinen die Gespräche und das Zuprosten. Sie sah sich lange und bedachtsam um. Dann trat sie an die Wiege der kleinen Prinzessin. Mit großen Augen lachte das Kind sie an und die Fee wurde schier überwältigt von den Offenbarungen, welche vor ihr auftauchten.

Soll die kleine Königstochter in all den Schrecken, den sie so überdeutlich vor sich sah, hineinwachsen? Das Grauen der gewissen Zukunft erleben. Wäre es nicht besser, sie wäre tot? Ihr Geburtsrecht würde sie verlieren, sobald der Bruder geboren würde. Der Vater wird verbieten, sie zu den Weisen Frauen zu schicken, statt dessen wird er sie mit dem Fürsten des Nachbarreichs verheiraten, um den Frieden zu sichern. Fern vom Haus ihrer Ahnin würde sie dort unglücklich eines frühen Todes sterben. Der König wird den Priestern der neuen Religion in allem freie Hand lassen. Sie werden die Zusammenkünfte der Frauen in den Spinnstuben verbieten und das Tun der Hebammen beargwöhnen.

Sie sah eine Zeit des Todes und der Vernichtung.

Die weise Alte richtete sich hoch auf und ihr Spruch ließ die Anwesenden vor Grauen erstarren. Ihren unnachgiebigen Blick auf den König gerichtet, verkündete sie, was sie sah und mahnte zur Einsicht. Dann verließ sie den Saal.

Auch der Spruch der Zwölften, die nach ihr an die Wiege trat, wird die künftigen Geschehnisse nicht aufhalten oder die Morgen abändern, nur hinauszögern. Das war eine bittere Gewissheit. Mag es diese Königstochter noch nicht treffen, so wird sich der Spruch vielleicht an ihrem Kindeskind erfüllen. Einhundert Jahre Schlaf sei ihnen vergönnt! Eine kleine Spanne Zeit. Nur ein Zyklus, der sich wiederholt. Die Dauer in der sich Erinnerungen allmählich zu Mären und Sagen wandeln - geläuterte Weisheiten, welche die Großmütter den kleinen Töchtern erzählten, damit diese daraus lernen.

Die dreizehnte Fee, die Uralte, wanderte zwischen reifen Feldern und grünen Wiesen heimwärts in die Einsamkeit des Waldes. Sie dachte an ihre Schwestern. Sollen sie dieses Mal noch, wie zu allen Zeiten, die kleine Prinzessin mit ihren Gaben segnen. Eines Tages wachsen Töchter heran , die von all dem nichts mehr erfahren und hunderte Jahre werden noch ins Land gehen, bis die Märchen dereinst der Schlüssel zu einer neuen Zeit der Frauen werden.

Ab und zu hielt sie inne auf ihrem Weg und wenn sie die Augen schloss, sah sie dunkle Kerker und Ketten. Sie sah riesige Scheiterhaufen lodern und hörte die Schreie der verfolgten und gemarterten Frauen.

Und die dreizehnte der Feen wusste nicht, wie sie all das allein aufhalten könnte.


"Die dreizehnte Fee" © Märchenerzählung von Stephanie Ursula Gogolin, Juni 2010


22. Juni 2010

Ein Märchen

Die Sonne schien ihr ins Gesicht, als sie erwachte.
Was hatte sie geweckt? Donnergrollen - Vogelsang - ein Kuss? Nein! Nichts von alldem - es war einfach nur die Zeit.
Es gibt für alles eine Zeit, auch dafür zu erwachen.

Sie erhob sich, klopfte den Staub von ihrem verblichenen, einst rosenfarbenen Kleid und fuhr sich mit den Fingern durch das verfitzte Haar. Die Morgensonne schien zu den schmalen, hohen Rundbogenfenstern herein und tauchte die vermodernde Einrichtung des Turmzimmers in goldiges Licht.
Die verwunschene Prinzessin trat an eines der Fenster.
Es war sehr früh. Das verschlafene Land, noch benetzt vom Morgentau, lag soweit das Auge reichte im üppigsten Sommer vor ihr. Aber ihre Augen reichten nicht mehr sehr weit. 

Sie zog einen Dorn aus ihrem Fleisch, schritt achtlos über welkende Rosen hinweg und verließ das Gemach. Das rostige Schloss ließ sich schwer öffnen. Die massive Tür des Turmzimmers hatte die schlafende Königstochter in all den Jahren gut beschützt. Jetzt war sie entbehrlich, sollte das Tor zu ihrer Freiheit werden. Erwartungsvoll stieg Dornröschen die Wendeltreppe des Turms herab.
Die Stufen knarrten unter ihren leichten Schritten und die Schleppe des Kleides hinterließ im Staub eine helle Spur. Nun, da sie erwacht war, gab es auch keinen Widerstand mehr. Das schmiedeeiserne Gitter hinter der Tür des Turmes ließ sich leicht aufstoßen und die Dornenhecke öffnete ihr von selbst einen Durchgang. Einen Rosenzweig zur Seite biegend, trat die Prinzessin in den milden Morgen hinaus.

Die Vögel sangen und es summte und brummt um sie her. Doch weit und breit konnte sie keine Menschenseele entdecken. Zwischen Ginster und Brennnesseln stieß ihr Fuß gegen ein rostiges Schwert. Es mochte einem längst vergessenen Prinzen gehören oder auch nur einer davon gelaufenen Wache. Das einst prächtige, väterliche Schloss war zur Ruine zerfallen, überwuchert von Unkraut und wilden Rosen.

Dornröschen verharrte am Fuß des Bergfrieds und sah sich um. 

Wo war er, der Retter? Wo blieb er, der Verheißene? Was wurde aus dem erträumten Glück? Ein sanfter Wind zauste ihr ergrautes Haar.
In den nächsten Jahren zog selten jemand auf der Straße an der Schlossruine vorbei. Noch seltener verweilte ein Wanderer in der kleinen Hütte, die sich an die starke Mauer des Turmes schmiegte.

Doch jedem, der auf dem Weg in die nächste Stadt, bei der alten Frau mit dem jungen Herzen rastete und sich ausruhte, dem erzählte sie die Geschichte vom schlafenden Dornröschen. Von einem versunkenen und verwunschen Königreich und von dem Prinzen, der das schlafende Dornröschen wachküsste. Ein Märchen voll des Zaubers der Liebe und der Sehnsucht nach ewiger Glücksseligkeit.

Aber eben nur ein Märchen... 



Märchenvariation von Stephanie Ursula Gogolin, September 2005

1. Mai 2010

Waldlied


Waldlied

Komm mit!
Hinaus in den Wald
der schweigend und alt
grün und tief!

Die Waldmutter rief
das Feenkind.
Fort ist es schon
einen langen Tag
Die Wiese, der Hag
erscheint allen so leer

Sie sehnt sich gar sehr
nach dem Töchterlein
Nach dem Lied, das es singt
Dem Lachen, das wie
ein Glöckchen klingt
Sie flicht einen Kranz
für sein goldenes Haar
Fühlt ohne ihr Kind sich so allein
Wo mag es wohl sein?

Die Waldmutter ruft
Ihr Mäuschen geschwind
fangt an zu suchen
in den Verstecken
unter Fichten und Buchen
und dornigen Hecken
An der kühlen Quelle
an des Wildbachs Schnelle.
Und im Raunen und Rauschen
klingst durch den Tann
Vom Suchen und Weinen
sind meine Augen schon blind
Komm nach Hause
mein Kind!

Es schläft dort hinterm Stein
im goldenen Schein
des Abendrot

Sanft flüstert der Wind:
Es träumt selig, das Kind!
Das silberne Netz
der Webeline deckt seine zarten,
weißen Glieder
blauwollene Blumen
betten sein Haupt
Leicht rosig bestaubt
mit dem Zauberpuder
der nimmermüden
emsigen Zwerge.
Die finden es im tiefsten Berge
Zuviel davon
das ist wohl wahr -
und du schläfst ein
für hundert Jahr!

Der Tag ist längst zu Ende
mein Kind
Es dunkelt bereits
kühl umtanzt dich der Wind
Bald gießt der Mond
sein weißes Licht
auf Wege und Stege.

Die Ilse, die in der Quelle dort wohnt
Schöpft mit bleicher Hand
den einen kostbaren
silbernen Tropfen, der allein nur
den Zauber zu brechen vermag
Dazu das geheime Sprüchlein
sie sagt!

Der Wald seufzt tief
Es ist vollbracht
Das Kind erlöst
Nun kann kommen die Nacht!

Die Waldmutter wartete schon so lang!

Die tiefen Schatten werfen
ihr dunkles Tuch
über Busch und Hang
Dem erwachenden Kinde ist so bang.

Da tritt der Mond
hinter den Wolken hervor
Die Bäume neigen
zur Seite die Wipfel
Und in des Mondes
kühlhellem Schein
tanzt das Feenkind
zur Mutter heim.



© Stephanie Ursula Gogolin, Dezember 2008
(inspiriert von einen Gang durchs Bodetal bei 
Thale im Harz im Sommer 2007)