11. April 2018
aus dem geheimen Kodex der Kobolde
18. Mai 2017
Geschichten aus dem Treppenhaus V
29. Oktober 2014
Der wandernde See - ein Märchen
Kaltes Feuer tropft golden durch sieben Siebe.
29. Oktober 2013
Erinnerungen
Aus gegebenen Anlass eine fast vergessene Erzählung aus dem Sammelbändchen: Geschichten aus dem Treppenhaus
Können Elfen traurig sein?
Hanna und Paula laufen treppauf treppab. Sie suchen ihre Hausschuhe und die zurecht gelegten Spielsachen zusammen. Im Haus sieht es heute recht merkwürdig aus. Die Regale sind leer, die Schranktüren stehen offen und Hanna stolpert eben über einen der vielen Kartons. Die Familie packt. Mama wird demnächst in einer anderen Stadt singen und nun müssen alle umziehen, Mama, Hanna, Paula und Oma. In all dem Durcheinander achtet kaum jemand auf Spinni. Die kleine Hauselfe sitzt auf der Treppe, baumelt mit den Füßen. Sie ist traurig. Die Kinder gehen weg.
Hanna hüpft mit Schäfchen im Arm auf dem Treppenabsatz herum: „Kommt der Papa bald?“
Während morgen die Möbel verladen werden, sind die Kinder beim Papa. Erst wenn die neue Wohnung fertig eingeräumt ist, bringt Papa die Zwillinge wieder zur Mama und Oma. Papa wohnt in einer anderen Stadt.
Mama sagt: „Bestimmt steht er wieder auf der Autobahn...“ - „Im Staub“ ergänzt Paula. Alle lachen. Dann wird eifrig weiter gepackt. Und da alle schrecklich beschäftigt sind, hört niemand, wie Spinni tief seufzt. Seit über einhundert Jahren gibt es dieses Haus und zum ersten Mal wohnen so nette Kinder hier. Viel zu kurz, wie die kleine Treppenhauselfe findet. Es wird ab morgen bestimmt sehr einsam werden.
Kein abendlicher Plausch mehr, mit Schäfchen und Teddy in der hinteren Ecke der Kinderbetten. Kein Kaffeetrinken in der Puppenstube. Kein Kramen mehr in Paulas vielen Schatzkästchen. Immer wenn Oma sich über Paulas Unordnung wunderte, schämte sie sich ein bisschen - aber Paulas kleine Sammlungen sind zu schön. Spinni seufzt tief. Es wird kein heimliches Malen mit Hannas Stiften und Farbtöpfen geben. Kein Naschen in der Küche beim Kekse backen und kein Spaß, wenn der bunte Ball die Treppe herunter springt. Spinni seufzt noch lauter, aber niemand hört sie.
Mama schickt die Kinder nach unten zum Schuhe anziehen, gleich werden sie abgeholt. Bis morgen früh, wenn der Möbelwagen kommt, muss alles fertig sein. Bis dahin ist noch viel zu tun. Die Zimmer ganz leer räumen, die Umzugskartons beschriften, die Blumentöpfe in das Auto von Mama laden, alles einmal ausfegen.
Mit mehren kleinen Teddys und einem Stoffhund unter dem Arm tappt Paula vorsichtig die Treppe herunter, selbst auf den Treppenabsätzen stehen Kartons, die Puppenwagen und Zimmerpflanzen. Johanna räumt noch ihr Malzeug zusammen, sie hat noch einmal das Kinderzimmer gezeichnet, damit sie nicht vergisst, wo alles gestanden hat. In der neuen Wohnung wird alles ganz anders aussehen: ”Ich komme gleich...”, ruft sie die Treppe hinunter.
Paula zieht schon ihre Schuhe an, was sehr schwierig ist, wenn man die Teddys nicht loslassen möchte. Da, jetzt hört sie ganz deutlich ein kleines Seufzen. Hinter einem der Kartons mit den Kinderbüchern luken die silbrigen Strubbelhaare von Spinni hervor. Paula schiebt den Kasten zur Seite und sieht die Hauselfe mit hängendem Köpfchen und schlaff herab baumelnden Schuhspitzen auf der Treppenstufe hocken. Ganz matt und grau sieht heute ihr Kleidchen aus.
„Traurig?“, fragt Paula. Ein noch tieferer Seufzer war die Antwort. Paula versteht. „Komm doch mit! Steig morgen einfach in den Möbelwagen“, flüstert Paula ihr zu.
„Das geht nicht, ich bin eine Hauselfe und kann mein Haus nicht verlassen.“
Schade! Jetzt ist Paula auch ganz traurig. Das ist ein schwerer Abschied. Bestimmt sehen sie sich nie wieder. Die sonst so fröhliche Spinni wippt nur traurig mit den Füßen.
„Ihr müsstet ein Stück vom Haus mitnehmen, dann könnte ich euch begleiten. Ratz, der Kellergeist hat es mir erzählt.“
„Wer ist Ratz?“ Hanna sitzt plötzlich auch neben den beiden auf der Treppe. „Den haben wir noch gar nie nich getroffen!“
„Ach, der wohnt schon lange nicht mehr hier. Bestimmt ist er weg gegangen, als damals die Handwerker die Heizungsrohre ausgewechselt haben.“ So nieder geschlagen haben die Kinder Spinni noch nie erlebt.
„Können wir nicht auch ein Rohr mitnehmen?” fragt Paula.
„Das geht doch nicht!“ Hanna schüttelt den Kopf und überlegt, was gehört zum Haus und ließe sich trotzdem einpacken.
„Oh, nein!“, schreit Mama plötzlich und dann poltert etwas laut die Treppe hinunter. Jetzt klirrt es auch noch. Oma kommt herbei gestürzt: „Was ist passiert?“
Mama ruft von oben: „Ich bin mit der Kiste an den lockeren Knopf vom Treppengeländer gestoßen und das blöde Ding ist in die offene Geschirrkiste gefallen, jetzt ist eine Tasse kaputt.“
Und dann schimpft sie in der oberen Etage noch ein bisschen vor sich hin. Oma winkt ab, bei einem Umzug geht immer etwas entzwei.
Die Kinder rennen die Stufen wieder nach oben. Natürlich wollen sie wissen welche Tasse entzwei ist. Hoffentlich nicht die mit den lila Schnecken, die mag Paula am liebsten.
„Schneidet euch nicht.“, mahnt die Oma von unten. Paula nimmt den geschnitzten Knauf aus der Kiste, einer von Mamas Kaffeebechern liegt in Scherben.
„Du blödes Ding!“, sagt Paula zu der Holzkugel.
„Du gutes Ding!“, sagt Spinni mit Betonung und sieht die Kinder an. Hanna nimmt Paula das abgefallene Teil des Treppengeländers schnell aus der Hand. Sie wühlt zwischen dem verpackten Geschirr und schon ist der Holzknauf ganz weit unten im Karton verschwunden. Noch bevor sich Paula darüber aufregen kann, dass Hanna ihr wieder einmal etwas aus der Hand gerissen hat, klingelt es.
„Der Papa kommt.“ Die Kinder stürmen die Treppe hinunter. Sie können nicht schnell genug die Haustür öffnen. „Na, meine Mäuse, seid ihr fertig?“ fragt der Papa.
Spinni, die Hauselfe, sitzt zufrieden lächelnd auf dem Karton, baumelt mit den Füßen und ihre Schuhspitzen sind lustig nach oben gebogen. Durch das Dachfenster scheint jetzt die Sonne herein und im Sonnenschein schimmert ihr Kleidchen Veilchenblau.
© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003
16. August 2013
Yin und Yang
11. Februar 2013
Wegwarte
Wegwarte
Es war einmal ein fröhliches und lebenslustiges Mädchen mit wunderbar hellblauen Augen, das verliebte sich beim Tanz in den Mai innig in den schönsten Burschen des Nachbardorfes. Doch dem stand der Sinn nach Abenteuer und fernen, geheimnisvollen Ländern und so hatte er sich dem Burgherren verdingt. Der wollte am nächsten Tag mit seinen Mannen zu einem Kreuzzug ins Morgenland aufbrechen. Der Jüngling küsste nach dem Tanz an jenem Abend zum ersten und letzten Mal die liebliche Maid und versprach ihr, zu ihr zurückzukehren. Sie solle nur hier auf ihn warten und als Pfand seiner Treue schenkte er ihr ein blaues Band.
Nun wartete das Mädchen geduldig ein volles Jahr und ein weiteres, aber der Geliebte kehrte nicht heim. Andere Burschen warben um sie, doch sie konnte den Ihren nicht vergessen und so erhörte sie keinen von ihnen. Die Jahre gingen dahin und die Verlassene wurde immer wunderlicher. Sie hielt sich von allem fern, ging bekümmert ihrer Wege und konnte nicht aufhören auf ihn zu warten. Denn wie das so ist, eine nicht erfüllte Liebe, ist eine unendliche Liebe.
Ihre Freundinnen um sie herum nahmen sich Männer und wurden Mütter, so auch ihre Schwestern. Doch der Alltag mit dem täglichen Tun und dem fröhliche Kinderlachen im Haus, wandelte nicht ihren Sinn. Nein, sie floh nach getaner Arbeit das gemächliche Leben unter dem Dach der Mutter. Tag für Tag saß sie des Abends am Wegesrand auf dem großen Feldstein und hielt Ausschau nach dem Liebsten. Sie verharrte im Abendschein - bis der Mond und die Sterne am Nachthimmel standen. Selbst im bitteren Winter wartete sie in Eis und Schnee eine Weile an dem Platz, an dem sie dereinst ihren Abschiedskuss und das Versprechen seiner Rückkehr erhalten hatte. Von Zeit zu Zeit drang Kunde über ferne Schlachten bis in ihr Dorf, doch nie eine Nachricht von ihm. Der Burgherr mit den Resten seines Gefolges war längst aus den fernen Ländern zurück gekehrt, doch auch von denen konnte ihr keiner sagen, was aus dem mutigen Burschen geworden war.
Als sie eines schönen Tages nach einem langen Arbeitstag, auf den Feldern wurde gerade das Korn geschnitten, wieder neben dem alten Feldstein hockte und traurig in die Ferne blickte, kam ein altes Weib mit einem Korb am Arm daher. Die Alte blieb bei ihr stehen. Sie hatte schon von der Jungfer gehört, die Tag für Tag an diesem Platz verweilte und nicht aufhören konnte zu warten. Das arme Mädchen mit dem gebrochenen Herzen dauerte sie. Und so setze sie sich zu ihr und sprach gütig auf sie ein und ihr gelang es mit ihren Worten die verschlossene Seele zu berühren. Seit jenen Tagen des Abschieds sprach die Maid erstmals über ihren tiefen Schmerz und dass sie den Gedanken an die leeren Jahre, die noch vor ihren lagen, nicht ertragen könne.
„Nun wenn du keinen anderen Mann willst, nicht Mutter werden magst und glaubst, das Leben in deinem Dorf nicht fürderhin leben zu können, dann komm mit mir.“, sagte die Alte, „Dein Liebster ging fort, so geh auch du fort. Dort hinter dem Berg ist ein großer Wald und an seinem Rande liegt meine Hütte. Du kannst sodann bei mir bleiben. Ich werde dich wie eine Tochter halten und du kannst von mir alles lernen, was ich weiß. Und die hier lassen wir zurück - mag sie deinen Platz einnehmen!“ Und damit nahm sie aus ihrem Korb eine unscheinbare Pflanze und grub deren Wurzel neben dem Stein in der Erde ein. „Schau, sie wird an deiner Stelle am Wege warten.“
Dann nahm sie das Mädchen bei der Hand und führte sie mit sich fort.
Und so geschah es, dass das Mädchen ihre Heimat verließ und fortan bei dem alten Weib im Walde lebte. Der grüne Wald und das beschauliche Dasein im Haus der Alten heilten ihr Gemüt und als bald vergaß sie ihren Kummer und das schmerzliche Sehnen. Die Jahre vergingen, sie ward älter und erlernte alles was eine Kräuterfrau nur wissen konnte und über die Jahre wurde sie eine weit hin bekannte und geschickte Heilerin. Die Gute Heile wurde sie von den Leuten genannt, denn niemand kannte ihren wahren Namen und als die Alte hochbetagt starb, nahm sie den Platz der Weisen Frau ein.
Das ganze Dorf hatte derweil nach ihr gesucht und als sie nicht wiederkehrte, wurde noch lange um sie getrauert. Niemand konnte sich erklären, wohin das Mädchen verschwunden war. Und weil ihre Schwester das Pfand, das die Maid einst von dem verschollenen Liebsten erhielt, zurückgelassen auf dem Stein fand und neben diesem jetzt die unscheinbare Pflanze mit den wunderbar blauen Blüten wuchs, entstand mit der Zeit die Mär, das Mädchen selbst hätte sich in ihrer großen Trauer in diese Blume verwandelt um nun für immer am Wege stehen. Und noch heute nennen die Menschen das Gewächs mit der sehnsuchtblaue Blüte Wegwarte.
Chicory - Nr 8 der Bachblüten-Devas |
29. März 2011
Märzenworten
6. Januar 2011
Zauberspruch
30. November 2010
Ich habe neulich...
Ich habe neulich Frau Holle gesehen, sie kam aus dem Wald ...
nein, nicht das Mützchen voll Schnee. Auch heuer gibt es noch keinen Schnee!
Und Mützchen konnte man die mächtige Haube der Hohen Frau auch nicht gerade nennen. Mit ihren ausladenen Röcken nahm sie fast den ganzen Gehweg ein. Ja, sie war schon eine prächtige Erscheinung. Ich staunte nicht schlecht, dass sie einfach so in ihrer Allgewaltigkeit durch unsere Dorfstraße lief.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und mit einem „Darf ich“, setzte ich mich zu ihr an den Tisch. Überflüssig zu sagen, dass mir das Herz bis zum Halse klopfte.
„Einen Cappuccino bitte“, rief die holde Frau mit gewaltiger Stimme zur Kuchentheke hinüber, wo die vor sich hin sortierende Verkäuferin leicht zusammenzuckte und alle anderen verstört aufblickten.
Den Cappuccino bekam ich dann vorgesetzt, weil die Bedienung SIE einfach nicht gesehen hat...
Stephanie Ursula Gogolin, Troisdorf 2006, überarb. 2010
10. Oktober 2010
Geschichten aus dem Treppenhaus I
26. Juni 2010
… mehr als nur ein Märchen
Die dreizehnte Fee
… Trauer erfüllte
heute an diesem wunderbaren Sommertag die Uralte, die Weise. Sie zog
ihre Hand durch das klare Wasser des steinernen Beckens und die
mystischen Bilder, die sie in die Zeiten sehen ließen, verschwanden.
Der König des
Landes missachtete die uralte Ordnung - wieder und wieder. Zwölf der
Schwestern gebot er zu sich, aus Anlass des Tauffestes seiner
neugeborenen Tochter. Prächtig gekleidete Diener schickte er aus,
junge Burschen, die sich ihrer Stellung am Hofe sicher, die
Einladungen an die Feen hochmütig überreichten. Die jungen Pagen
kannten keine Ehrfurcht mehr vor den Weisen Weiber, die überall im
Lande lebten und wirkten. Der König lud nur ihrer Zwölf in seine
Burg. An ihrem Haus, dem der Dreizehnten, ritten die Boten vorbei.
Einst kam die Mutter
der Königin selbst zu ihr und ihren Schwestern, um sie zum Fest zu
bitten. In der Nacht der Frauen versammelten sich alle. Und im Schein
des vollen Mondes empfahl die junge Mutter ihre neugeborene Tochter
dem Kreis der Dreizehn und den Ahninnen, bat um Schutz und Beistand
für die künftige Königin. Viel zu früh starb sie dann, die alte
Königin. Und viel zu früh vermählte sich deren Tochter. Jetzt ward
diese nach einer langen Wartezeit selbst Mutter und das Königspaar
wusste sich vor Glück nicht zu lassen, hieß es im ganzen Land.
Die dreizehnte Fee, die Alte, schritt wehmütig durch die
Räume ihres Palastes. Von außen ward dieser eine unscheinbare
Hütte, doch trat man durch die Türe, taten sich im Inneren weite
Säle auf, geheimnisvolle Gemächer und Türme, von deren Warte sie
Zukünftiges und Vergangenes sah. Hier störte nichts die Ordnung des
immer währenden Seins.
Nach endlosen Stunden saß sie
immer noch auf der Bank des Altans. Zum ersten Mal in ihrem langen
Leben war der Tag gekommen, an dem sie ihren sonst so segensreichen
Ahnungen fluchen wollte. Ihr Vermögen, das sie unerbittlich sehen
ließ, was anderen verborgen blieb, schien ihr heute eine grausame
Last. Sie sah und erkannte, wohin der Menschen Entscheidungen
führten. Es waren Entscheidungen, die nicht mehr vom alten Prinzip
getragen wurden. Keiner suchte mehr ihren Rat.
Sie
schloss ihre Augen, leerte ihren Geist, versank in den Weiten der
ewigen Welten. Doch ein bisher nicht bekannter Schmerz zog sie immer
wieder zurück, missgönnte ihr heute die Ruhe, welche sonst ihre
Kräfte wachsen ließ. Und so beschloss sie, sich auf den Weg zu
machen. Mit ihrer Anwesenheit wollte sie dem König zeigen, was er
bereit war aufs Spiel zu setzen. Und mit eigenen Augen würde sie
sich überzeugen, dass die Königin nicht mehr die Geschicke des
Landes lenkte. Nein, sie durfte sich nicht ausschließen lassen, zu
wichtig waren ihre Visionen für die Menschen. Die dreizehnte der
Feen begab sich auf den Weg zum königlichen Schloss.
Es
war ein leichtes für eine unscheinbare alte Frau die Königspfalz zu
betreten. Niemand nahm sie gewahr. Das wunderbare Gewand der Feen
hielt sie vor den Augen der geschäftigen und froh gestimmten
Menschen verborgen. Sie durchschritt die festlich geschmückten Räume
der Burg. Niemand beachtete sie in all der Rührigkeit. Sie
schlängelte sich an Mägden vorbei, die Platten und Schüsseln mit
üppigen Speisen aus der Küche trugen und diese den fein gewandeten
Diener zum Servieren übergaben. In den Gängen standen bewaffnete
Wachen aufgereiht und an jeder Tür fragte ein Lakai nach dem Begehr.
Das Leben in Vertrauen und Ungebundenheit, die Zeit der kundigen und
klugen Frauen ging zu Ende, nie hatte die dreizehnte Fee es
deutlicher gesehen, als in diesem Augenblick, da sie den Festsaal des
Palas betrat.
Zwölf Schwestern
umstanden die Wiege des Kindes, während die geladenen Gäste
schwatzten und tafelten. Und trotz der zur Schau getragenen,
überschäumenden Ausgelassenheit, lag auch ein dunkler Schatten auf
der anwesenden Festgesellschaft. All die feiernden Herrschaften
jubelten dem Königspaar zu und suchten doch zu verbergen, dass in
der Freude über das Kind, auch die Enttäuschung mitschwang, dass
kein Sohn das Licht der Welt erblickt hatte. Wohlgesetzte Reden
schmeichelten dem Herrscher und enthielten manch versteckten Tadel
für die Königin, welche dem Gatten nicht den erwarteten Erbprinzen
geschenkt hatte.
Der Zorn über die Ungehörigkeit und
die Unvernunft der erlauchten Gesellschaft stieg erneut in der Alten
auf. Und deutlich spürte sie, auch ihre Schwestern fühlten nur zu
gut den neuen, den unheilvollen Geist. Die meisten von ihnen trugen
einen dünnen Schleier vor ihrem Gesicht, so dass die Anwesenden ihre
Besorgnis nicht aus ihren Mienen lesen konnten.
Die
Königin, noch erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage,
hatte nur Augen für ihre langersehnte kleine Tochter. Selbst die
Weisen Frauen, die Feen des Landes, nahm sie kaum wahr. Doch nun
erschrak sie, als sie der Dreizehnten angesichtig wurde. Ängstlich
blickte sie hin, zu ihrem Gemahl, der zwischen Grafen und Herzögen
und deren Gattinnen an der Tafel saß.
Die Alte, die
Feenmutter, ließ den Mantel von den Schultern gleiten und stand in
ihrer Gewaltigkeit mitten im Saal. Erschrocken verstummten bei ihrem
Erscheinen die Gespräche und das Zuprosten. Sie sah sich lange und
bedachtsam um. Dann trat sie an die Wiege der kleinen Prinzessin. Mit
großen Augen lachte das Kind sie an und die Fee wurde schier
überwältigt von den Offenbarungen, welche vor ihr auftauchten.
Soll die kleine
Königstochter in all den Schrecken, den sie so überdeutlich vor
sich sah, hineinwachsen? Das Grauen der gewissen Zukunft erleben.
Wäre es nicht besser, sie wäre tot? Ihr Geburtsrecht würde sie
verlieren, sobald der Bruder geboren würde. Der Vater wird
verbieten, sie zu den Weisen Frauen zu schicken, statt dessen wird er
sie mit dem Fürsten des Nachbarreichs verheiraten, um den Frieden zu
sichern. Fern vom Haus ihrer Ahnin würde sie dort unglücklich eines
frühen Todes sterben. Der König wird den Priestern der neuen
Religion in allem freie Hand lassen. Sie werden die Zusammenkünfte
der Frauen in den Spinnstuben verbieten und das Tun der Hebammen
beargwöhnen.
Sie sah eine Zeit
des Todes und der Vernichtung.
Die weise Alte richtete
sich hoch auf und ihr Spruch ließ die Anwesenden vor Grauen
erstarren. Ihren unnachgiebigen Blick auf den König gerichtet,
verkündete sie, was sie sah und mahnte zur Einsicht. Dann verließ
sie den Saal.
Auch der Spruch der Zwölften, die nach ihr
an die Wiege trat, wird die künftigen Geschehnisse nicht aufhalten
oder die Morgen abändern, nur hinauszögern. Das war eine bittere
Gewissheit. Mag es diese Königstochter noch nicht treffen, so wird
sich der Spruch vielleicht an ihrem Kindeskind erfüllen. Einhundert
Jahre Schlaf sei ihnen vergönnt! Eine kleine Spanne Zeit. Nur ein
Zyklus, der sich wiederholt. Die Dauer in der sich Erinnerungen
allmählich zu Mären und Sagen wandeln - geläuterte Weisheiten,
welche die Großmütter den kleinen Töchtern erzählten, damit diese
daraus lernen.
Die dreizehnte Fee, die Uralte, wanderte
zwischen reifen Feldern und grünen Wiesen heimwärts in die
Einsamkeit des Waldes. Sie dachte an ihre Schwestern. Sollen sie
dieses Mal noch, wie zu allen Zeiten, die kleine Prinzessin mit ihren
Gaben segnen. Eines Tages wachsen Töchter heran , die von all dem
nichts mehr erfahren und hunderte Jahre werden noch ins Land gehen,
bis die Märchen dereinst der Schlüssel zu einer neuen Zeit der
Frauen werden.
Ab und zu hielt sie inne auf ihrem Weg und
wenn sie die Augen schloss, sah sie dunkle Kerker und Ketten. Sie sah
riesige Scheiterhaufen lodern und hörte die Schreie der verfolgten
und gemarterten Frauen.
Und die dreizehnte der Feen
wusste nicht, wie sie all das allein aufhalten könnte.
"Die dreizehnte Fee" © Märchenerzählung von Stephanie Ursula Gogolin, Juni 2010
22. Juni 2010
Ein Märchen
Was hatte sie geweckt? Donnergrollen - Vogelsang - ein Kuss? Nein! Nichts von alldem - es war einfach nur die Zeit.
Es gibt für alles eine Zeit, auch dafür zu erwachen.
Sie erhob sich, klopfte den Staub von ihrem verblichenen, einst rosenfarbenen Kleid und fuhr sich mit den Fingern durch das verfitzte Haar. Die Morgensonne schien zu den schmalen, hohen Rundbogenfenstern herein und tauchte die vermodernde Einrichtung des Turmzimmers in goldiges Licht.
Die verwunschene Prinzessin trat an eines der Fenster. Es war sehr früh. Das verschlafene Land, noch benetzt vom Morgentau, lag soweit das Auge reichte im üppigsten Sommer vor ihr. Aber ihre Augen reichten nicht mehr sehr weit.
Sie zog einen Dorn aus ihrem Fleisch, schritt achtlos über welkende Rosen hinweg und verließ das Gemach. Das rostige Schloss ließ sich schwer öffnen. Die massive Tür des Turmzimmers hatte die schlafende Königstochter in all den Jahren gut beschützt. Jetzt war sie entbehrlich, sollte das Tor zu ihrer Freiheit werden. Erwartungsvoll stieg Dornröschen die Wendeltreppe des Turms herab.
Die Stufen knarrten unter ihren leichten Schritten und die Schleppe des Kleides hinterließ im Staub eine helle Spur. Nun, da sie erwacht war, gab es auch keinen Widerstand mehr. Das schmiedeeiserne Gitter hinter der Tür des Turmes ließ sich leicht aufstoßen und die Dornenhecke öffnete ihr von selbst einen Durchgang. Einen Rosenzweig zur Seite biegend, trat die Prinzessin in den milden Morgen hinaus.
Die Vögel sangen und es summte und brummt um sie her. Doch weit und breit konnte sie keine Menschenseele entdecken. Zwischen Ginster und Brennnesseln stieß ihr Fuß gegen ein rostiges Schwert. Es mochte einem längst vergessenen Prinzen gehören oder auch nur einer davon gelaufenen Wache. Das einst prächtige, väterliche Schloss war zur Ruine zerfallen, überwuchert von Unkraut und wilden Rosen.
Dornröschen verharrte am Fuß des Bergfrieds und sah sich um.
Wo war er, der Retter? Wo blieb er, der Verheißene? Was wurde aus dem erträumten Glück? Ein sanfter Wind zauste ihr ergrautes Haar.
In den nächsten Jahren zog selten jemand auf der Straße an der Schlossruine vorbei. Noch seltener verweilte ein Wanderer in der kleinen Hütte, die sich an die starke Mauer des Turmes schmiegte.
Doch jedem, der auf dem Weg in die nächste Stadt, bei der alten Frau mit dem jungen Herzen rastete und sich ausruhte, dem erzählte sie die Geschichte vom schlafenden Dornröschen. Von einem versunkenen und verwunschen Königreich und von dem Prinzen, der das schlafende Dornröschen wachküsste. Ein Märchen voll des Zaubers der Liebe und der Sehnsucht nach ewiger Glücksseligkeit.
Aber eben nur ein Märchen...
Märchenvariation von Stephanie Ursula Gogolin, September 2005
1. Mai 2010
Waldlied
Thale im Harz im Sommer 2007)