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11. April 2018

aus dem geheimen Kodex der Kobolde


verschwende deine Gaben im richtigen Augenblick ! 

(3. erdige Weisheit des Koboldkodex)

2. Februar 2015

Zitat

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“
Astrid Lindgren

3. August 2014

Leseprobe aus "Jetlag"

Der Alte bewegte sich gemessen. Unter seinem Arm klemmte ein dünnes großformatiges Buch, in seinen Händen trug er ein silbernes Tablett, das er jetzt auf dem Tischchen im Erker abstellte.
"Setzen Sie sich doch! Ich habe Ihnen hier eine wichtige Quelle mitgebracht. Eines der Haushaltsbücher aus dem fraglichen Zeitraum. Da wollen wir doch mal sehen. Ach ja, bedienen Sie sich bitte."
Das war mehr als ich in diesem Gemäuer bisher gewohnt war. Ich nahm auf den mir bekannten Stühlen Platz, die noch genauso zierlich und makellos vor den Damastvorhängen standen, wie ich sie kannte. Die Bezüge schienen nur etwas abgewetzter. Auf einem der Stühle hatte ich erst vor ein paar Tagen, die eigentlich fast 200 Jahre zurück lagen, gesessen. Nur ganz kurz, als wir, Minna und ich, im Zuge der Vorbereitung des hohen Besuchs auch die Bibliothek gründlich entstauben sollten. Da Minna jedoch wusste, dass in all der zur Zeit herrschenden Aufregung niemand unsere Arbeit kontrollieren würde, wedelten wir nur oberflächlich mit den Federbüscheln herum.

Minna zog aus einem der Regale ein paar Bücher heraus und ließ sie, mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Boden fallen.
„Oh je, die schönen Bücher!“ Ihr Lachen strafte die Verzweiflung in ihrer Stimme Lügen. Dann hockte sie sich hin, blätterte in allen herum und sah sich die prächtigen Illustrationen an. „Ach sieh nur, der schöne Prinz“, seufzte sie. Ich setzte mich derweil mit einem antiken Band in die Erkernische. Handgeschrieben, mit feinen Blütenranken verziert und in helles Leder gebunden, schien es eine Art Tagebuch zu sein. Ich las und tat dabei, als bewundere ich nur die Handschrift. Es tat gut, sich zwischendurch einmal hinzusetzen. Außerdem fehlte mir als Dienstbotin hier im Tagesablauf die intellektuelle Herausforderung. Am Abend fiel ich zwar meist todmüde ins Bett, aber die immer gleiche Routine eines Zimmermädchens, ging mir auf den Zeiger. Wie sehnte ich mich manchmal nach der Reizüberflutung meiner Zeit. Ich hatte noch nicht gelernt, die verinnerlichte Hektik des 21. Jahrhundert abzulegen. Den lieben langen Tag auf den Beinen sein und ständig emsig die Hände rühren, wie Hanna, die Königin der Küche, immer zu sagen pflegte, war ich einfach nicht gewohnt. Der stets geregelte und beschauliche Ablauf der vergangenen Epochen verband sich mit ständiger, allerdings meist geruhsamer, Tätigkeit. Minna blickte missbilligend auf: "Du kannst dich doch nicht setzten, was wenn Karl hereinkommt?"
"Du sitzt doch auch!"
"Ich hebe nur die Bücher auf, die dir beim Putzen aus dem Regal gefallen sind!" Und dabei nickte sie huldvoll wie Prinzessin Agathe es zu tun pflegte.

Meine Gedankensprünge in die Vergangenheit wurde je unterbrochen. Der Kastellan Böttcher, wie er sich selbst vorstellte, nahm jetzt auf dem anderen Stühlchen, mir gegenüber, Platz. Bestimmt setzte er sich meinetwegen an diesen romantischen Verweilplatz. Ich blickte ihm forschend und wie ich hoffte, unauffällig ins Gesicht. Ich versuchte eine Ähnlichkeit zu erkennen, denn wenn er sprach, erinnerte er mich schon sehr an Karl.
"Leben Sie schon lange hier?" fragte ich unvermittelt. Er sah mich erstaunt über seinen Brillenrand an.
"Ich meine, Sie passen so gut hierher" Ich war schon wieder dabei mich um Kopf und Kragen zu reden.
Der alte Herr lächelte nachsichtig: "Meine Familie lebt schon mehr als zweihundert Jahre in der Gegend und irgend ein Vorfahr hat immer auf dem Schloss gedient."
Am liebsten hätte ich geheimnisvoll geantwortet: "Ich weiß!"Aber ich biss mir auf die Zunge und nahm einen Schluck von dem angenehm warmen Tee, dessen Geschmack mich an vorgestern erinnerte.

Der Kastellan begann in dem mitgebrachten Buch zu blättern. "So, da wollen wir mal sehen, ob wir fündig werden." Ich schielte auf die Seite ... 3 Fund Zuckerle für gnädig Herzogin 1 Taler ... stand da in steifen Buchstaben. Süßigkeiten für einen Taler, wow, Ihr Durchlaucht begnügte sich eben nicht nur mit den Törtchen und gefüllten Strudeln der Mamsell.
"Das Ausgabenbuch. Hier hat die gute Hanne alles gewissenhaft notiert", sagte mein Gegenüber, als würde er sie persönlich kennen, dabei war ich hier die einzig wirkliche Kennerin.
"Hanne war in jener Zeit die Köchin und Beschließerin des Jagdschlosses." Und beinahe hätte ich schon wieder fast gesagt: Ich weiß!
Er blätterte weiter: "Wenn wir uns die Einkäufe so ansehen, weilten die Herrschaften wohl von Ende März bis Anfang Oktober hier auf Schloss Rabengrund. Oh, sieh an, das ist mir ja noch nie aufgefallen, da gab es, kurz vor der Abreise, eine Beerdigung!"
Ich erschrak. Wer würde wohl aus der herzoglichen Familie das Zeitliche segnen, doch wohl nicht das Prinzesschen? Aber dann überfiel mich ein noch gruseliger Gedanke. Was sagte gerade der gewissenhafte Kastellan und Hobbyforscher? Im Haushaltsbuch der guten Hanne gab es einen Eintrag, der ihm bisher entgangen war? Oder ist er eben erst aufgetaucht, weil mit meiner Anwesenheit in dieser Epoche doch die Ereignisse verändert wurden?


(für eine Freundin)

Tags im Museum

Anne, die lange durch die Besucherleeren Räume des geschlossenen Museums geirrt war, stand nun erschöpft vor einem riesigen Gemälde. Ein pompöses Bild, in dessen Tiefe sie sich schier verlieren konnte, bedeckte fast die ganze Wand. Es schien ihr fast, als könnte sie in das üppige Grün des Gemäldes hineintreten. Die Staffagefiguren im Vordergrund waren klein und zierlich, fast winzig, eigentlich passten sie nicht wirklich zur restlichen Bildkomposition. Die prächtige Landschaft, eingehüllt in ein diffuses Licht, lud zum Träumen ein - weit, wundersam, voller Begrenzungen und doch wiederum unendlich. Sie barg wohl manch ein Geheimnis. Hinter dem Wasserfall lag eine riesige Grotte. Sie war nicht wirklich zu sehen, doch Anne wusste, dass sie da war und weit in den angedeuteten Berg reichte. Sie trat etwas näher. Die feinen Pinselstriche des unbekannten Malers ließen die Figürchen im Vordergrund seltsam lebendig erscheinen.
Das kleine Völkchen drängte sich geradewegs aus einer Felsspalte am rechten Bildrand hervor, mit Sack und Pack, auf der Suche nach Sonne und Luft. Überdrüssig seiner langen Verborgenheit in den schützenden Bergen. Ein Zwergentreck von einem Ort zum anderen, auf der Suche nach einer neuen Bleibe - einer Heimat, die mehr zu bieten hatte als Beschaulichkeit und Sicherheit. Und nun fühlte Anne auch ihre Gedanken - im Hoffen auf eine gemeinsame Wohnstätte für das nächste Äon, waren sie entschlossen die liebliche Landschaft zu verlassen. 
Auch wenn hier die Bäume in den Himmel wuchsen und krautige Gewächse exzellente Sonnendächer stellten. Die Weiten und Auen, angefüllt mit Wiesenblumen, deren Duft Insekten anzogen, mit denen sie einst eine, für beide vorteilhaften Kooperation ausgehandelt hatten. Der Wind, der immer noch spürbar und doch sanft durch die Gräser streifte, zeigte ihnen vor langer Zeit den Weg. Der Aufenthalt im ungeschützten lichten Wald konnte für sie jedoch nicht von Dauer sein. Naturgewalten, wie ein kräftiger Landregen, vor dessen mächtigen Tropfen sich das kleine Volk in Acht nehmen musste oder gar Eis und tiefer Schnee im Winter, durften nicht unvorbereitet über sie hereinbrechen. Die glitzernde Grotte hinter den fallenden Wassern wurde ihr Zuflucht und eines Tages der Ort ihres langen magischen Schlafes. 
Was hatte sie nun aufgeweckt? Die sinnende Fantasie eines freimütigen kindlichen Geistes? Die staunenden Augen, welche imstande waren Wunder zu erkennen?
Erwacht in einer veränderten Welt, bleibt ihnen nun die Entscheidung im Bann der Farben zu verharren oder die kühne Flucht aus vergangener Idylle anzutreten. Sie waren und sind es noch immer - ein uraltes und mutiges Völkchen. Nie fürchteten sie sich vor einem erneuten Beginn. 

Und so wandten sie sich dem jungen Mädchen zu, das wie in einem Traum und doch mit wachen Sinnen die fast unmerklichen Geschehnisse in dem Gemälde verfolgte. Die Kleidung der kleinen, bunten Gesellschaft verriet dem beklommen Kind, dass diese mehrere hundert Jahre im Schlaf ihrer Erneuerung verbracht hatten. Und ihre zugewandten kleinen Gesichter zeigten deutlich, dass sie sich von ihr Hilfe erhofften. 
Anne stand Auge in Auge mit einer der winzigen Figuren im Gewand einer Marketenderin und sie spürte deren erwartungsvolles Hoffen in ihren Gedanken. Langsam streckte sie ihren Arm aus und berührte mit den Fingerspitzen das Bild. Eine weiche, doch nicht nicht mehr zu durchbrechende Erstarrung erfasste sie und mit mildem Blick verfolgte sie das seltsame Geschehen. Ohne zu zögern stiegen, eins nach dem anderen, die eben noch in der Zweidimensionalität gefangen Leutchen auf ihre Hand. Sie diente ihnen als Brücke in ein neues Leben. Sich gegenseitig stützend, reichten sie ihre Bündel und Stöcke weiter und kletterten geschickt an dem hilfreichen Menschen herab bis auf den Marmorboden des stillen Museumssaal. Nach und nach leerte sich die vordere Ebene des Gemäldes und zurück blieb nur ein verlassener Holzkarren, halb versteckt unter dem Blatt eines Huflattichs. Es dauerte nur wenige Augenblicke und schon entfernten sich mit einem schnellen aber leisem Trappeln kleine Füße. 
Annes Erstarrung löste sich wieder und sie sah sich um. Jedes der Figürchen war sowohl aus dem Bild verschwunden, als auch aus dem großen Ausstellungsraum. Es gab es kein buntes Huschen mehr, kein Wispern oder Rascheln - verflogen das Ganze wie ein Tagtraum. 
Das Mädchen sah auf ihre Uhr - es waren nur wenige Minuten vergangen und so wandte sie sich ab, um weiter nach dem Ausgang zu suchen. Die Müdigkeit war verschwunden. Mit leichten Beinchen und frohen Herzens eilte sie von Saal zu Saal, angetrieben von dem Gedanken, dass sie die einzige war, die das wundersame Geheimnis kannte: das Kleine Volk ist in die Welt der Menschen zurückgekehrt...


 Stephanie Ursula Gogolin - kleine Fingerübung von 2011
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29. Oktober 2013

Erinnerungen

Aus gegebenen Anlass eine fast vergessene Erzählung aus dem Sammelbändchen: Geschichten aus dem Treppenhaus

Können Elfen traurig sein? 


Hanna und Paula laufen treppauf treppab. Sie suchen ihre Hausschuhe und die zurecht gelegten Spielsachen zusammen. Im Haus sieht es heute recht merkwürdig aus. Die Regale sind leer, die Schranktüren stehen offen und Hanna stolpert eben über einen der vielen Kartons. Die Familie packt. Mama wird demnächst in einer anderen Stadt singen und nun müssen alle umziehen, Mama, Hanna, Paula und Oma. In all dem Durcheinander achtet kaum jemand auf Spinni. Die kleine Hauselfe sitzt auf der Treppe, baumelt mit den Füßen. Sie ist traurig. Die Kinder gehen weg.
Hanna hüpft mit Schäfchen im Arm auf dem Treppenabsatz herum: „Kommt der Papa bald?“
Während morgen die Möbel verladen werden, sind die Kinder beim Papa. Erst wenn die neue Wohnung fertig eingeräumt ist, bringt Papa die Zwillinge wieder zur Mama und Oma. Papa wohnt in einer anderen Stadt.
Mama sagt: „Bestimmt steht er wieder auf der Autobahn...“ - „Im Staub“ ergänzt Paula. Alle lachen. Dann wird eifrig weiter gepackt. Und da alle schrecklich beschäftigt sind, hört niemand, wie Spinni tief seufzt. Seit über einhundert Jahren gibt es dieses Haus und zum ersten Mal wohnen so nette Kinder hier. Viel zu kurz, wie die kleine Treppenhauselfe findet. Es wird ab morgen bestimmt sehr einsam werden.
Kein abendlicher Plausch mehr, mit Schäfchen und Teddy in der hinteren Ecke der Kinderbetten. Kein Kaffeetrinken in der Puppenstube. Kein Kramen mehr in Paulas vielen Schatzkästchen. Immer wenn Oma sich über Paulas Unordnung wunderte, schämte sie sich ein bisschen - aber Paulas kleine Sammlungen sind zu schön. Spinni seufzt tief. Es wird kein heimliches Malen mit Hannas Stiften und Farbtöpfen geben. Kein Naschen in der Küche beim Kekse backen und kein Spaß, wenn der bunte Ball die Treppe herunter springt. Spinni seufzt noch lauter, aber niemand hört sie.
Mama schickt die Kinder nach unten zum Schuhe anziehen, gleich werden sie abgeholt. Bis morgen früh, wenn der Möbelwagen kommt, muss alles fertig sein. Bis dahin ist noch viel zu tun. Die Zimmer ganz leer räumen, die Umzugskartons beschriften, die Blumentöpfe in das Auto von Mama laden, alles einmal ausfegen.
Mit mehren kleinen Teddys und einem Stoffhund unter dem Arm tappt Paula vorsichtig die Treppe herunter, selbst auf den Treppenabsätzen stehen Kartons, die Puppenwagen und Zimmerpflanzen. Johanna räumt noch ihr Malzeug zusammen, sie hat noch einmal das Kinderzimmer gezeichnet, damit sie nicht vergisst, wo alles gestanden hat. In der neuen Wohnung wird alles ganz anders aussehen: ”Ich komme gleich...”, ruft sie die Treppe hinunter.
Paula zieht schon ihre Schuhe an, was sehr schwierig ist, wenn man die Teddys nicht loslassen möchte. Da, jetzt hört sie ganz deutlich ein kleines Seufzen. Hinter einem der Kartons mit den Kinderbüchern luken die silbrigen Strubbelhaare von Spinni hervor. Paula schiebt den Kasten zur Seite und sieht die Hauselfe mit hängendem Köpfchen und schlaff herab baumelnden Schuhspitzen auf der Treppenstufe hocken. Ganz matt und grau sieht heute ihr Kleidchen aus.
„Traurig?“, fragt Paula. Ein noch tieferer Seufzer war die Antwort. Paula versteht. „Komm doch mit! Steig morgen einfach in den Möbelwagen“, flüstert Paula ihr zu.
„Das geht nicht, ich bin eine Hauselfe und kann mein Haus nicht verlassen.“
Schade! Jetzt ist Paula auch ganz traurig. Das ist ein schwerer Abschied. Bestimmt sehen sie sich nie wieder. Die sonst so fröhliche Spinni wippt nur traurig mit den Füßen.
„Ihr müsstet ein Stück vom Haus mitnehmen, dann könnte ich euch begleiten. Ratz, der Kellergeist hat es mir erzählt.“
„Wer ist Ratz?“ Hanna sitzt plötzlich auch neben den beiden auf der Treppe. „Den haben wir noch gar nie nich getroffen!“
„Ach, der wohnt schon lange nicht mehr hier. Bestimmt ist er weg gegangen, als damals die Handwerker die Heizungsrohre ausgewechselt haben.“ So nieder geschlagen haben die Kinder Spinni noch nie erlebt.
„Können wir nicht auch ein Rohr mitnehmen?” fragt Paula.
„Das geht doch nicht!“ Hanna schüttelt den Kopf und überlegt, was gehört zum Haus und ließe sich trotzdem einpacken.
„Oh, nein!“, schreit Mama plötzlich und dann poltert etwas laut die Treppe hinunter. Jetzt klirrt es auch noch. Oma kommt herbei gestürzt: „Was ist passiert?“
Mama ruft von oben: „Ich bin mit der Kiste an den lockeren Knopf vom Treppengeländer gestoßen und das blöde Ding ist in die offene Geschirrkiste gefallen, jetzt ist eine Tasse kaputt.“
Und dann schimpft sie in der oberen Etage noch ein bisschen vor sich hin. Oma winkt ab, bei einem Umzug geht immer etwas entzwei.
Die Kinder rennen die Stufen wieder nach oben. Natürlich wollen sie wissen welche Tasse entzwei ist. Hoffentlich nicht die mit den lila Schnecken, die mag Paula am liebsten.
„Schneidet euch nicht.“, mahnt die Oma von unten. Paula nimmt den geschnitzten Knauf aus der Kiste, einer von Mamas Kaffeebechern liegt in Scherben.
„Du blödes Ding!“, sagt Paula zu der Holzkugel.
„Du gutes Ding!“, sagt Spinni mit Betonung und sieht die Kinder an. Hanna nimmt Paula das abgefallene Teil des Treppengeländers schnell aus der Hand. Sie wühlt zwischen dem verpackten Geschirr und schon ist der Holzknauf ganz weit unten im Karton verschwunden. Noch bevor sich Paula darüber aufregen kann, dass Hanna ihr wieder einmal etwas aus der Hand gerissen hat, klingelt es. 

„Der Papa kommt.“ Die Kinder stürmen die Treppe hinunter. Sie können nicht schnell genug die Haustür öffnen. „Na, meine Mäuse, seid ihr fertig?“ fragt der Papa.
Spinni, die Hauselfe, sitzt zufrieden lächelnd auf dem Karton, baumelt mit den Füßen und ihre Schuhspitzen sind lustig nach oben gebogen. Durch das Dachfenster scheint jetzt die Sonne herein und im Sonnenschein schimmert ihr Kleidchen Veilchenblau.



© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003

27. November 2012

Schrecken in der City

- Für eine bestimmte Freundin -

Da hatte ich frohgemut das Haus verlassen, um jetzt festzustellen, dass sich der Einkaufsbummel in der großen Stadt scheinbar schwieriger gestaltete, als ich es mir dachte. Erstens brauchte ich nicht wirklich etwas und wollte nur mal gucken. Zweitens lag die Liste mit den Geschenkideen zu Hause und drittens kannte ich mich hier nicht aus. Ich stellte mich daher erst einmal mitten in die Fußgängerzone zwischen alle die flanierenden oder vorbeistürzenden Einkaufswilligen, um mich einzustimmen und zu orientieren. Schließlich wollte ich auch wieder zurück finden - daher musste ich mir die Stelle gut merken, an der die Treppe in den Untergrund führt zu den fast lautlosen Zügen, die mit mir nach hoffentlich fröhlichen zwei Stunden wieder zurückgleiten würden.

Danach betrat ich erwartungsvoll den weihnachtlich geschmückten Konsumtempel zu meiner Linken - Schuhe, in alle Farben und alle mit wahnsinnig hohe Absätze, so dass mir bei der Vorstellung darauf laufen zu müssen, gleich schwindlig wurde, da ich unter extremer Höhenangst leide. Eilig verließ ich das Geschäft.

In einem anderen Laden funkelte kostbarer Schmuck in fein dekorierten Schaufenstern und in der Edelboutique daneben trugen lasziv drein blickende Plastikmodels sündhaft teure Mäntel. Zwischen den Geschäften für das gehobene Klientel reihten sich eine bekannte Filiale der einschlägigen Ketten nach der anderen. Eigentlich war es wie zu Hause in der kleinen Stadt - die gleichen Läden, hier nur eine Nummer größer und teurer. 

Fast schon gelangweilt betrat ich eines der Kaufhäuser. Üppige Dekorationen und ein auf die Jahreszeit abgestimmtes Sortiment bot sich heiter dar. Die lieblich klingende Weihnachtsmusik stimmte die Kundschaft mild und kauffreudig. Eine zierliche junge Frau trat mir in den Weg: „Kann ich Ihnen weiter helfen?“ Ihre Stimme zischte ein wenig und ihre grünen Reptilienaugen glitzerten verführerisch. Wie gebannt starrte ich zurück: „Kalender...“ sagte ich „...ich suche Kalender!“

Ihr maskenartiges Lächeln spiegelte sich in einer der riesigen Christbaumkugeln, die überall herunter hingen und flink wie eine Eidechse huschte sie vor mir her. Mechanisch folgte ich ihr. Und als wäre sie mein persönliche Betreuung führte sie mich von Abteilung zu Abteilung - die bunten Tüten in meiner Hand mehrten sich. Wie in Trance stolperte ich hinter ihr her und je nach Beleuchtung schimmerte ihr Haut grünlich oder bekam einen leichten Silberton. Ich konnte ihr nicht entrinnen. Immer wenn ich ihr gerade sagen wollte, dass ich nun genug hätte, unterbreitete sie mir einen neuen tollen Vorschlag oder zog einen Gegenstand aus dem Regal, den ich mir schon immer gewünscht hatte. Zwischendurch hypnotisierte sie mich mit diesen bunten Glitzerdingen für den Adventsstrauß, die sie vor meinen Augen hin und her baumeln ließ. Endlos schleppte sie mich durch die Gänge und Auslagen.

Der Kaufrausch wurde je unterbrochen, als an der Kasse im obersten Stockwerk eine andere Kundin mit drei Plüschtieren im Arm meine Begleiterin ansprach. Rasch nutzte ich die Gelegenheit, ließ das teure Spielzeug fallen, dass ich gerade im Begriff war zu bezahlen und mit einem: „Danke ich habe jetzt alles!“ quetsche ich mich schnell in einen der Fahrstühle zwischen einen Pulk von Menschen. Zumindest hoffte ich, dass es Menschen waren. Da jedoch alle mit noch mehr bunten Tüten beladen waren als ich und völlig entrückt vor sich hin starrten, löste sich meine Paralyse langsam auf. 

Dafür machte sich jetzt eine leichte Panik breit - hatte mich nicht erst neulich meine Freundin, die immer auf dem neusten Stand ist, vor der bereits erfolgten Invasion pandimensionaler Reptilien gewarnt...? 

Erschrocken und erschöpft stieg ich in die U-Bahn, presste die Masse meiner völlig überflüssigen Einkäufe an mich und versuchte auf meinem Eckplatz durchzuatmen. „Fahrscheinkontrolle! Darf ich Ihren Fahrtausweis sehen?“ Ein biegsamer junger Mann, dessen Hände mit seltsam schuppiger Haut bedeckt war, hielt mir eine Plastikkarte vor die Nase.

Verzweifelt blickte ich in die senkrechten Schlitze der kalt schimmernden Augen und durchsuchte meine Taschen nach dem Fahrschein. Dabei hallte es in meinem Kopf wider: Wir können ihnen nicht entkommen... sie sind bereits überall...!



Fingerübung von Stephanie Ursula Gogolin

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5. Dezember 2011

Wer weiß schon, wie es wirklich war...


„Nikolausi!“
„Jaaa... Mutter!“
„Jetzt geh doch schon...!“
„...mach ich ja gleich, ich möchte nur noch ein bisschen hier sitzen...“
„Du immer mit deinem Beten, fromm,fromm, fromm und die armen Leute wissen nicht wo sie das Brot her nehmen sollen ... die beiden Mädchen werden heute als Mägde verkauft und was das bedeutet wissen wir doch beide.“
„Ach Mutter, was soll schon sein, sie werden Mägde, da geht es ihnen bestimmt besser als vorher ... Aua, warum schlägst du mich?“
„Weil du wieder dummes Zeug redest, vielleicht sollte ich dich zum Markt schleppen und als Pferdeknecht verkaufen.“
„Mutter, ich bin der Bischof! Und dir geht es doch gut seit ich im Amt bin...“
„Ja, ja, hier sind die Beutelchen mit dem Geld, ich habe es seit Johanni gesammelt und zurück gelegt...“
„Du warst doch nicht etwa an meiner Kollekte?“
„Ach was und jetzt geh endlich, ich muss mich um die Schweine kümmern...“
„Warum gehst du denn nicht selbst?“
„Gib du mal das Geld im Namen der Gemeinde ab, das macht einem guten Eindruck und ist gut für die Gemeinschaft, außerdem du bist doch so gern mildtätig!“
„Ja, dann gib schon her, aber ich gebe es nicht an der Tür ab, ich werde es durchs Fenster werfen...“
„Niklausi!“
„Sag nicht immer Nikolausi. Ich bin Bischof von Myra und heiße Nikolaus!“

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28. Februar 2011

Wünsch Dir was...


Ich kam gerade aus dem Bad und da stand sie vor mir, eine wunderschöne Frau in einem weißen Kleid und glitzerndem Haar und lächelte mich zuvorkommend an:
„Guten Abend, ich bin deine Wunschfrau!“

„Oh, eine gute Fee!“


„Ach, nein! Bitte, diese Bezeichnung höre ich nicht so gern. Spätestens seit Shrek II ist dieser Titel ohnehin endgültig in Verruf geraten. Und was ist schon gut! Du wünschst dir beispielsweise Geld, hast dann davon reichlich, wirst überfallen, niedergeschlagen und liegst mehrere Wochen im Krankenhaus. Was soll daran gut sein?“


Ich sah sie irritiert an: „Aber so kann man das doch auch nicht sehen. Wenn ich mir Reichtum wünsche, dann möchte ich doch nicht, dass mir dieser wieder weggenommen wird.“


Sie blickte nachsichtig auf mein leeres Sparschweinchen: „Ich meine ja auch nur, mit jedem erfüllten Wunsch kommen eine oder mehrere neue Verpflichtungen auf dich zu. Mit deinem erwünschten Geld möchtest du, um bei diesem Beispiel zu bleiben, endlich das tun, was du schon immer wolltest und dann hast du keine Zeit mehr dafür, weil du dein Geld verwalten musst.“


„He, was soll das denn, ich denke gute, Pardon, Feen, äh Wunschfrauen erfüllen drei Wünsche und fertig. Jeder muss dann sehen, wie er damit klar kommt.“


„SIE, meine Liebe, SIE muss damit klarkommen! Im Prinzip ist das richtig was du sagst. Bis vor kurzem wurde es auch genau so gehandhabt. Aber seit immer mehr Frauen sich an das Wünschen wagen und ständig Reklamationen einlaufen, haben wir beschlossen, ab sofort vorher Kundengespräche zu führen. Schließlich legen wir den erfüllten Wünschen keine Beipackzettel mit Risiken- und Nebenwirkungsbeschreibungen bei. Oh, Göttin, wo sollten wir da auch anfangen.“


Ich winkte ab: „Ja, ja, ich weiß! Spätestens, wenn frau „Bestellung beim Universum“ gelesen hat, weiß sie, dass sie exakt formulieren sollte, keine negativen Beschreibungen anwenden und den gewünschten Zustand möglichst genau visualisieren...“


Sie sah mich begeistert an. „Richtig, du hast es verstanden, also warum hast du mich gerufen?“


Meine Verwunderung wurde immer größer. „... aber, das habe ich doch gar nicht!“


„Hast du doch, weißt du nicht mehr?“ Sie wies pathetisch auf mein Waschbecken: „Eisenkrautseife, Hände waschen, fließendes Wasser..., na?“


„Aber ich habe doch eben nur gedacht: eigentlich müsste ich mir jetzt etwas wünschen...!“


„...eben und da du dich nicht entschließen konntest, bin ich sofort herbei geeilt und führe jetzt mit dir dieses Kundengespräch. Also, hast du einen Wunsch? Es dürfen auch drei sein!“


„Äh, nein, eigentlich nicht! Das ist mir jetzt aber peinlich, tut mir leid, da habe ich dich wohl umsonst gerufen. Heute habe ich so gar keinen Wunsch, ich hoffe du bist mir nicht böse. Also wirklich, deine kostbare Zeit, äh..., ich meine ganz umsonst, ein Kundengespräch...“


Aber die Wunschfrau lächelte mich verständnisvoll an und sagte geschäftsmäßig: „Oh, das macht gar nichts, das habe ich doch gern getan. Also dann, wir sehen uns wieder und ich wünsche dir für die nächsten Male schöne Wünsche!“


Und sirrr, weg war sie.





Anmerkung: Meine Freundin, die Kräuterfrau schenkte mir Eisenkrautseife. Wenn frau sich damit die Hände wäscht, darf sie sich etwas wünschen! Und unter uns gesagt, die Wünsche gehen blöderweise auch noch in Erfüllung!

Stephanie Ursula Gogolin, Bonn August 2004 

23. Februar 2011

Das Treffen

Viele von ihnen saßen erschöpft auf ihren Stühlen, manche sahen sogar ein wenig herunter gekommen aus und andere wiederum zufrieden oder feist und wohlgenährt. Eine stattlich Menge hatte sich um die schlicht gedeckte Tafel versammelt. Scheinbar mehr noch als im Vorjahr.

Gibt es heute wieder nur Buchstabensuppe, mäkelte ein besonders dünnes, nichtssagendes Wort.


„Was hättest du denn gern? Silbenhackbraten?“, schmetterte die Köchin der Suppe, das Alphabet, die Nörglerin ab. Neben ihr saß, fett und aufgebläht, die Liebe und rülpste: „Ich kann gar nichts mehr zu mir nehmen, überall, wo ich vorbeikomme, werde ich vollgestopft, das meiste davon ist unbekömmlich...!“, und sie bekam einen Schluckauf.


„Wehr dich doch“, meinte die Emanzipation etwas schnippisch, „Ich werde ja kaum noch gebucht!“ Sie hatte ihren bekannt forschen Ton am Leib, aber seit sie nicht mehr in aller Munde war, klang sie manchmal etwas biestig.


„Dann sei doch froh, dass du deine Ruhe hast! Ich erlebe zur Zeit eine derart unerfreuliche Beliebtheit, dass ich manchmal nicht weiß, wo mir die Köpfe stehen.“ Klagte das sonst so ausgeglichene Matriarchat. „Alle zerren an mir herum, sprechen mir die Existenz ab oder erwarten von mir, dass ich die Zukunft rette. Als ob es da was zu retten gäbe, schließlich gibt es eine Zukunft auch ohne Worte. Nicht wahr!“


„Aber Hallo, Baby! Das ist so gewiss, wie es eine Vergangenheit gibt.“ Die Zukunft blickte herausfordernd in die Runde. Gerade wollten sich schon die Epoche und die Zeit in den ewigen Auslegungsstreit mischen, als das Licht gedämpft wurde und ihnen aus dem rosigen Dämmern die Sanftheit zuflüsterte: „Seid bitte nicht so negativ, wir möchten beginnen!“


Und es wurde still. Die Magie umschritt, Hand in Hand mit dem Ritual, feierlich die riesige runde Tafel und es legte sich wohltuende Ruhe über die aufgebrachten Gemüter und die Bedrückten schöpften neue Hoffnung. Die Feierlichkeit und die Gelassenheit nickten anerkennend. Dann erhob sich die Effizienz, ein sehr imposantes Wort, das sich zur Zeit großer Beliebtheit erfreut und setzte zu ihrer Eröffnungsrede an: „ ...ich bitte um eure Aufmerksamkeit! Wir wollen doch endlich zur Sache kommen!“, dabei nickte sie schelmisch zur Sache und der Aufmerksamkeit hinüber.


„Meine lieben anwesenden Worte! Die Struktur und die Effektivität haben das diesjährige Programm, das neben euren Schüsseln liegt, besonders sorgfältig ausgearbeitet und wir sind ihnen dafür überaus dankbar. Auch sie hatten es in letzter Zeit nicht leicht und kommen so oft zum Einsatz, dass sie oft nicht wissen, wie sie heißen. Entschuldigung, kleiner Scherz.“


Nach dem verhaltenen Lachen setzte die Effizienz ihre Rede feierlich fort: „Jedenfalls freue ich mich sehr, dass auch heute wieder, an unserem 193792. Kongress unseres Vereins WORTE DER FRAUEN, wieder die zahlreiche und wie ich feststellen musste, wachsende Beteiligung zeigt, dass unser Anliegen ernster denn je genommen wird.

Den Hauptvortrag unseres Treffens hat heute unser allseits geschätztes Paradigma übernommen. Neben ihr, ihr Redepartner, der Wechsel. Seit neustem treten die beiden, wie wir wissen, vermehrt in Gemeinschaft auf. Wir sind gespannt, was sie uns zu sagen haben.“

Die redegewandte Effizienz machte eine kleine Pause und nippte effektvoll an ihrem Glas Gänsewein.


„Wie ich sehe, können wir auch in unserer Runde einige Neuzugänge begrüßen. Sie werden sich später noch selbst vorstellen.

Das Patriarchat und die Revolution, die einen Gastvortrag halten wollten, lassen sich für heute entschuldigen. Sie sind derzeit im Definitionsausschuss ihres Vereins MASKULINE WORTWAHL zu sehr beschäftigt. Doch bevor sich die liebe Ungeduld wieder zu Zwischenrufen hinreißen lässt, sage ich erst einmal Guten Appetit! Die Suppe ist heute besonders köstlich und reichhaltig und nach dem Essen beginnen wir mit den Vorträgen und Gesprächsrunden. Den Abschluss bildet dann wieder, wie in jedem Jahr, das Rufen und das Künden. Ausgeführt in beliebter Weise von der Weisheit, dem Hellsehen und dem Geheimnis. Ich wünsche allen einen sagenhaften Tag mit nachhaltigen Erkenntnissen. Erheben wir das Glas auf die WORTE DER FRAUEN und unsere weitere intensive Zusammenarbeit. Zum Wohl!“

„Habt ihr schon angefangen?“ Im Eingangsbereich stand ein blasser kaum wahrnehmbarer Schatten. Alle anwesenden Worte blickten angestrengt in die Richtung aus der das dünne Stimmchen kam und viele fragten erstaunt: „Bist du es, …?“



Das Treffen siehe auch beim Waschweib...! 

30. November 2010

Ich habe neulich...


Ich habe neulich Frau Holle gesehen, sie kam aus dem Wald ...
nein, nicht das Mützchen voll Schnee. Auch heuer gibt es noch keinen Schnee!
 
Und Mützchen konnte man die mächtige Haube der Hohen Frau auch nicht gerade nennen. Mit ihren ausladenen Röcken nahm sie fast den ganzen Gehweg ein. Ja, sie war schon eine prächtige Erscheinung. Ich staunte nicht schlecht, dass sie einfach so in ihrer Allgewaltigkeit durch unsere Dorfstraße lief. 
Neugierig wie ich nun mal bin, schlenderte ich so unauffällig wie möglich, hinter ihr her - kann es sein, dass sie auch heute von Zeit zu Zeit die Menschen besucht? In die Fenster schaut, verlorene Kinder anspricht, vergeblich den Dorfbrunnen sucht und auch sonst keinen täglichen Frauentreffpunkt mehr findet? 
Das kleine Cafe in der Bäckerei an der Ecke, schien ihr Ziel zu sein und so folgte ich ihr dahin. Der Raum war vormittäglich leer. Ein  Banker von nebenan, vertiefte sich in eine Zeitung und zwei ältere Damen rührten Süßstoff in ihre Tassen. Frau Holle suchte sich einen netten Fensterplatz und beobachtete die vorbei fahrenden Autos.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und mit einem „Darf ich“, setzte ich mich zu ihr an den Tisch. Überflüssig zu sagen, dass mir das Herz bis zum Halse klopfte.
„Einen Cappuccino bitte“, rief die holde Frau mit gewaltiger Stimme zur Kuchentheke hinüber, wo die vor sich hin sortierende Verkäuferin leicht zusammenzuckte und alle anderen verstört aufblickten.
Den Cappuccino bekam ich dann vorgesetzt, weil die Bedienung SIE einfach nicht gesehen hat...



Stephanie Ursula Gogolin, Troisdorf 2006, überarb. 2010

10. Oktober 2010

Geschichten aus dem Treppenhaus I


Schäfchen ist verschwunden

In der Erkerecke hinter den großen Zimmerpflanzen, raschelt und knistert es. Hanna kriecht auf allen Vieren um die Blumentöpfe herum. Sie spielt Schäfchen hat Geburtstag. Sie möchte ihrem Lieblingskuscheltier ein selbst verpacktes Päckchen und einen Knetekuchen mit Bauklötzchenkerze schenken. Sie schickt ihre Schwester Paula aus um Schäfchen zu holen. 

Aber Schäfchen ist nicht da. Sie sucht im Kinderzimmer, im Bad, im Treppenhaus. Beim Mittagessen hatte Schäfchen noch mit am Tisch gesessen! Und beim Vorlesen in der Mittagspause hielt es Hanna noch im Arm? Doch danach?

Paula sagt: „Schäfchen ist weg!“

Hanna jammert, ihr Schäfchen ist nicht mehr da. Alle müssen suchen. Die ganze Familie, Oma, Mama, Paula, Hanna - alle laufen treppauf und treppab - Schäfchen bleibt verschwunden - jeder guckt in jedes Zimmer und in jede Ecke - kein Schäfchen. 

Hanna fängt an zu weinen, na genau genommen brüllt sie, was das Zeug hält. Untröstlich weint sie dicke Tränen in den Teppich. Sie lässt sich nicht beruhigen.

Während Johanna unter dem Tisch schluchzt, beraten erschöpft bei Kaffee und Apfelsaft, Oma, Mama und Paula, wo sie noch suchen könnten. Alle haben alles abgesucht! - Den Einkaufskorb umgestülpt, unter jedes Kissen gesehen, in den Spielzeugkisten, auch auf dem Sesseln auf dem Balkon. Kein Schäfchen!

Das Telefon klingelt! Mama geht telefonieren. Hanna heult noch immer. Paula streichelt ihre Schwester.

Oma geht in den Keller an die Waschmaschine. Die Bezüge der Kinderbetten sind fertig gewaschen. Oma nimmt die Wäsche aus der Maschine und Schäfchen sagt: “Ich war noch gar nicht so schmutzig” und dabei guckt das nasse Schäfchen ganz vorwurfsvoll.
 












Kindergeschichte aus der Reihe: Geschichten aus dem Treppenhaus

© Stephanie Ursula Gogolin, Bonn 2003

6. Oktober 2010

ausprobiert


...natürlich musste ich da mit machen und was kam nach der blitzartigen Analyse heraus:


Ingeborg Bachmann
 


...das hätte ich nicht gedacht! Als Analysetext stellt ich mein untenstehendes KurzUndProsa zur Begutachtung:




Projekt Abschied


Den Tod sollte man nicht erklären, sondern akzeptieren. Und es gilt sich vorzubereiten. An einem milden Herbsttag, mit Rasenmähergeräuschen und ersten Gänseformationen, die keilförmig fern das trübe Grau über mir belebten, wurde mir meine Endlichkeit bewusst
und ich beschloss meine beginnende Karriere als Schriftsteller zu unterbrechen, um erste Vorbereitungen zu treffen. 


Als erstes suchte ich im Anzeigenteil nach einem Job. Ich musste Geld verdienen, um die immensen Kosten einer Beerdigung bereitzustellen. Um dem Tod ins Auge sehen zu können, musste ich mich erst einmal dem Leben zuwenden. Ich trug Papiere zusammen, überlegte, wer wohl bei meinem letzten Gang anwesend sein würde und was ich aufwenden müsste, um selbige zu beeindrucken. Ich studierte die Angebote der Bestatter und Steinmetze und verfasste eine Liste.

Es war schwierig eine opulente, aber kostengünstige Abschiedsfeier zusammenzustellen, da es nicht üblich ist, die Dienstleistungen von verschiedenen Instituten zu kombinieren. Keiner hatte ein, mir attraktiv scheinendes aber preiswertes Paket in seiner Auswahl. Ich stand kurz davor, das anstrengende Vorbereiten meines würdigen Ende auszusetzen. Vielleicht würde ich mich eines Tages in Luft auflösen. Oder die Traditionen und gesetzlichen Vorschriften in puncto Bestattung würden sich ändern und außer einem dezenten Kranz Gänseblümchen und einem lieblichen Lied aus Kinderkehlen am Wiesengrab, wäre jeder Pomp und eitle Aufwand verboten.


Vielleicht sollte ich es auch darauf ankommen lassen und mein, eines Tages unausweichliches, eigenes Ende einfach ignorieren. Denn wenn ein Mensch aus dem Leben scheidet, hat er den Vorteil sich keine Gedanken mehr machen zu müssen, wie es weitergeht. Für ihn beginnt endlich der natürliche Kreislauf, den es in unserem durchzivilisierten Leben schon lange nicht mehr gibt. Ich brauchte ein paar Tage, um auch dieses Tief zu überwinden und die Trauer um meinen eigenen Verlust abzuschließen.


Das Bewerbungsgespräch die Woche drauf verlief besser als ich dachte und auf die Frage: „...warum möchten Sie in unserem Unternehmen tätig sein?“, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Ich muss für meine Beerdigung Geld verdienen!“. Der Abteilungsleiter fasste das als Scherz auf und stellte mich trotzdem ein. Ich hatte eine leichte Arbeit. Es galt die Särge, die vom Fließband liefen, auf Vollständigkeit zu überprüfen und Sägespäne einzufüllen. Eine Kollegin, die nebenan arbeitete, schlug anschließend den Innenraum des Schreins mit weißer Kunstseide aus und tackerte sie unauffällig fest.


Manchmal frühstückten wir zusammen. Da sie sehr zurückhaltend war, lag die Last der Unterhaltung bei mir. „Hast du schon für deine Beerdigung vorgesorgt?“ - „Ich bin fünfundzwanzig!“ - „Naja, ich meine ja nur, wo wir doch hier arbeiten!“ 

Plötzlich war es mir peinlich über meine eigenen Beweggründe zu sprechen.

Sie war eine stille, aber nette Person und nach und nach kamen wir uns näher. Es gehörte auch zu meinen Aufgaben kurz vor Feierabend alles aufräumen und die Halle zu fegen. Immer wieder ertappte ich mich, dass ich sehnsuchtsvoll in den leeren Nebenraum starrte und wünschte sie wäre noch nicht nach Haus gegangen. Aber Komplikationen dieser Art konnte ich eigentlich nicht gebrauchen, schließlich hatte ich errechnet, dass ich etwa fünf Jahre ein sparsames Leben führen müsste, um dann beruhigt meinem Ende entgegen zu sehen. So verging die Zeit und das Projekt: Abschied gestaltete sich immer besser, ebenso das Verhältnis zu meiner Kollegin, die übrigens Anika hieß.


Seit jenem milden Herbsttag sind fast sechs Jahre vergangen. Inzwischen habe ich den Bereich Fertigung übernommen, meine stille, aber zauberhafte Kollegin geheiratet und im Mai erwarten wir unser erstes Kind. Und was das Beste ist, als Mitarbeiter der Firma bekomme ich später einmal einen kostenlosen Sarg und somit konnte ich diesen Punkt schon mal von meiner Liste streichen.


 

10. August 2010

Ich war ein kleines Mädchen


Ich war ein kleines Mädchen, geboren zwischen warmen Händen und weichen Fellen, denn draußen war es bitter kalt.

Ich war ein kleines Mädchen und die Frauen, die meine Mutter umringten, sangen und lachten zu meinen ersten Atemzügen. Ich wurde aufgehoben und in die rauen Hände einer Frau gelegt, die über mein Gesicht leckte und in mein Ohr flüsterte: Danke kleine Ahnin, dass du zu uns kamst…

Während all die hilfreichen Hände die junge Frau, die meine Mutter war, umsorgten, bettete mich meine Großmutter zwischen ihre üppigen Brüste und ich sog tief den mütterlichen Geruch ein. Eine der jungen Frauen, die am Eingang hockten, schlug ein wenig die Häute zur Seite. Ein heller Streifen fiel auf mich und so erblickte ich das Licht der Welt!


Noch wusste ich nicht, dass mein Name „Kleine Sonne“, nicht nur meinen Geburtszeitpunkt bezeichnete, sondern mir auch einen besonderen Platz in der Sippe bescheren würde. Geboren in der Nacht und in den Tag hinein, da das große Licht wieder aufs Neue aus der Dunkelheit zurückkehrte und die Mütter das Leben feierten….


Ich wuchs heran – zwischen den Schwestern und Brüdern meiner Sippe, mit dem wilden Wasser, den geduldigen Steinen und den Bäumen, die mich liebten.


An diesem Wohnplatz lebte die Sippe schon sehr lange. Auch meine Mutter hatte ihre ganze Lebenszeit hier verbracht. Sie kannte jede Pflanze und jedes Tier, das mit uns das Lager teilte. Sie nährte mich und meine Schwestern spielten mit mir. Meine Großmutter jedoch wachte über uns alle.


Ich wurde größer. Schon früh kannte ich die Lieder unserer Sippe. Ich hörte sie, während ich einschlief und sang sie, wenn ich morgens erwachte und mit den Geschwistern zum Waldrand lief. Ich flocht aus Binsen die Körbchen, die wir zum Sammeln brauchten und für die Schwestern Bänder mit Blumen und Steinen.


Außer meinen geschickten Fingern, besaß ich auch besonders klare Augen. Fand ich doch meist die schönsten Steine für unseren Kreis, den wir unter dem Felsüberhang auslegten. Dort versammelten wir Kinder uns am Abend um dem Sagen der Großmutter zu lauschen. Meine Tage als kleine Frau gingen dahin in Geborgenheit und Spielen und Lachen. Die Mütter, die Muhmen, zeigten mir das Brennen von Ton und das Bearbeiten von Häuten. Die Mütter der Mütter lehrten uns das Erkennen der grünen Schwestern, welche wir als Nahrung annehmen konnten und welche uns Heilung brachten. Und unser Mutterbruder lehrte mich zu fischen und einen Speer zu werfen.


Bald hatte ich auch genug Kraft die Steine zu ritzen. Für Heller Mond, einen meiner Brüder, der schneller lief als alle in der Sippe, schlug ich aus einem der gefundenen Steine sein Totem, einen Hasen. Und für Weiße Eule fertige ich einen Eulenstein. Es war leicht am Strand die Formen zu finden. Sie
sprangen mir fast von selbst in die Hand. Mit wenigen Schlägen oder längerem Riefen verwandelte ich sie in in Amulette für die Meinen. Sie nannten mich die Schnitzerin der Steine. Die Ahninnen begleiteten meine Suche und mein Tun... 


eine Medivision
© von Stephanie Ursula Gogolin


ein Fund aus der Sammlung meiner Freundin Nelly
 

1. August 2010

Satire die Vierte


Mein Briefkasten

Jeden Mittag ist es für mich ein besonderes Highlight erwartungsvoll die Treppe hinunter zu meinen Briefkasten zu gehen. Aber nicht nur die Aussicht auf frohe Kunde treibt mich an, es ist auch unbedingt notwendig den winzigen Postkasten regelmäßig zu leeren. Wirkliche Post bekomme ich ja höchst selten. Wer schreibt schon noch bei den günstigen Telefontarifen oder der fixen Möglichkeit eine Email zu versenden. Trotzdem ist das Behältnis, welches der Fernkommunikation dient, fast täglich brechend voll.


Die Briefkästen in unserem Haus stammen noch aus der Zeit, da sie in erster Linie nette kleine Briefumschläge, vielleicht auch eine dünne Tageszeitung beherbergen mussten. Umschläge in B4größe erfand man wohl erst später. Dementsprechend spärlich ist ihr Aufnahmevolumen. In unserem Haus gibt es trotz acht Mietparteien übrigens nicht eine Tageszeitungsabonnementin. Ich vermute mal, das hat auch etwas mit dem Format einer klassischen Tageszeitung zu tun, ich wüsste auch nicht wo in meiner Wohnung ich sie komplett aufschlagen könnte.

Trotzdem braucht der durchschnittliche Tageszeitungsnichtabonnent auf wichtige Informationen über Land und Leute, Gott und die Welt, Fug und Recht, nicht zu verzichten. Jede Gemeinde, jeder Landkreis, von größeren Städten ganz zu schweigen, besitzt mindestens ein Wochenblatt, das kostenlos und unaufgefordert ins Haus kommt.


Da gibt es beispielsweise den „Geschäftsanzeiger“ und den „Stadtboten“, die „Landpost“ und den Pfarrbrief, die „AnzeigenTafel“ und der „Ortskundige“, den „Ausblick“ und den „Einblick“!


Kiloweise Papier, schwarz-weiß und farbig und fünfundachtzig Prozent davon fliegt ungelesen in den Altpapiercontainer (laut Statistik des Bundesamtes für Baum- und Leserschutz). Aber erst einmal werden diese gewaltigen Papiermassen Woche für Woche und Tag für Tag auf die Briefkästen der nach Information und Unterhaltung lechzenden Bevölkerung verteilt.

Acht schmale Öffnungen untereinander, dekoriert mit der geballten Ladung an Neuigkeiten, zieren die Front neben unserer Haustür. Meist hängt die brachial hinein gestopfte Zeitungsrolle, welche aus ein wenig lokaler Information, dem Immobilienteil, gedruckten Werbebotschaften und zu dreiviertel aus eingelegten Prospekten besteht, hälftig außen aus dem schlanken Briefschlitz. Wenn der Wind ungünstig steht, ist das Papier bei Regenwetter auch schon mal nass und wird zu einem lustigen bunten Klumpen Pappmache.

Natürlich habe ich auch schon überlegt,
mir eines dieser neckischen Klebeschildchen zu besorgen: BITTE KEINE WERBUNG; vielleicht sogar das, mit der Abbildung eines drohenden fletschenden Säbelzahntigers. Aber das würde auch nicht die Beilagen in den Wochenblättern verhindern. Außerdem bekäme ich dann auch nicht mehr den Prospekt von „Kaufmich“. Nicht das mir die Angebote dort wirklich fehlen würden, ich gehe da eh nur hin, um ab und zu meine Dose „Cappuccino ungesüßt“ zu kaufen. Aber in dem Prospekt ist nicht nur jede Woche ein Rätsel auf der letzten Seite, nein, neuerdings auch eines von diesen Sudoku – Kästchen. Ich bin süchtig nach Sudoku.

Ab September sind die Werbebotschaften auch immer ganz besonders prächtig gestaltet um uns liebevoll aufs Weihnachtsfest einzustimmen. Es ist stets beeindruckend, die rot und golden, zuckersüßen Sinnlosigkeiten in all ihrer Vielfalt jedes Jahr aufs Neue angeboten zu bekommen, nur mit dem Unterschied, dass der Endverbrauchen mehr dafür bezahlt, als die Jahre zuvor. Die Botschaften besagen natürlich das Gegenteil. Und auch wenn der Kunde es gern glaubt, so ein kleiner bohrender Gedanke der Skepsis bleibt. All die Beteuerungen: „Nichts weiter als billig“, „Fast kein Preis“ und „Ungeheuer - niemals teuer“ oder suggestive Schmeicheleien wie „Sei klug im Nu und Greife zu“, kommen immer wieder recht massiv daher um die Kundschaft kollektiv zu becircen. Und auch mir fällt gelegentlich die Entscheidung schwer. Gehe ich lieber zur Einkaufsgruppe „Trallala“ oder zu „Hopsasa“ oder gar zum familienfreundlichen Supermarkt „happyfamily“, die Butter kostet überall das gleiche.

Von Zeit zu Zeit jedoch liegt auch ein echter Brief in dem flachen Fach. Also ich meine einen persönlichen, von einem anderen Menschen exklusiv für mich verfasst. Keine Rechnung oder so ein hochwichtiges Schreiben von Lotteriebetreibern oder eine Einladungen zur Eröffnung des neuen Friseurs um die Ecke oder gar zum Adventkonzert im Senioren – Treff. Nein, ein Umschlag mit handgeschriebener Adresse und richtiger Briefmarke und keinem seelenlosen Stempel in der Ecke.

Der besagte Brief kommt dann meist von meiner Freundin Inge, die ein bisschen JWD (janz weit draußen) wohnt. Sie hat aus Prinzip kein Telefon (man muss nicht ständig erreichbar sein) und aus religiösen Gründen keinen Computer (Teufelswerk). Ihre Korrespondenz mit der Außenwelt holt sie sich einmal die Woche bei der nächsten Postfiliale ab und selbstredend kommt auch kein noch so gut meinender Prospekteausträger bis zu ihr raus.

Heute war es wieder soweit, in meinem Briefkasten, eingeklemmt zwischen vielen bunten Seiten und dem freundlichen Angebot der Kreti - Pleti – Bank meine überflüssigen Millionen zu veruntreu…, äh zu verwalten, lag doch tatsächlich ein handadressierter Brief in meinem zierlichen Kommunikationsaufnahmebehälter.

Erfreut endlich wieder etwas von meiner lieben Freundin Inge zuhören, öffnete ich noch im Treppenhaus den Umschlag. Und was teilt sie mir mit? Ich möchte doch mal bitte im neuen Rinaldi – Prospekt nach sehen, ob es in der nächsten Woche die preiswerten Computer gibt – ach was! Sie wolle sich jetzt doch so einen Zauberkasten zulegen und dann kann sie auch endlich Emails verschicken und wir würden viel öfter von einander hören bzw. lesen.

Schade, dann werde ich wohl gar keinen persönlichen Brief mehr bekommen!


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, November 2007

21. Juli 2010

Satire die Dritte

Mittagspause

… behutsam trage ich meinen Teller in die Küche Den Tisch habe ich gleich nach dem Kochen vorsichtshalber mit einem weichen Frotteehandtuch ausgelegt und darauf stelle ich andächtig das Geschirr ab. Verflixt, die Gabel kommt ins Rutschen und …im letzten Moment kann ich den drohenden Zwischenfall, in Form eines durchdringenden Schepperns auf den Küchenfliesen, verhindern. Abwasch? Später! Den abgestürzten Grieß aufsaugen - später! Den penetranten Ohrwurm vor mich hin pfeifen – später! Auf weichen Socken verlasse ich die Küche.


Plötzlich erfüllt ein ohrenbetäubendes Dröhnen und Rattern in der Luft. Der Fußboden bebt und das Badfenster klirrt. Ich sprinte zum Balkon – nein, es sind keine Invasionstruppen und auch kein Abrissbagger am Nachbarhaus. Es ist nur der Rasenmähermann!


Der nette ältere Herr, der den so genannten Hausmeisterposten innehat, rückt den, eh schon kurzen Grashalmen, nachdrücklich zu Leibe. Stolz zieht er auf einem dieser niedlichen Kleintrecker, die die Rasenareale kurz halten, seine Runden um das Haus und fährt geschickt auf der großen Grünfläche vor unseren Balkons auf und ab. So was dauert natürlich. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, tatsächlich: Dreizehn Uhr Fünfundvierzig.


Jede die schon mal in einem Mietshaus wohnte, weiß was das heißt! MITTAGSRUHE! Mag es sonst Tag und Nacht munter zugehen in unserem Bienenstock, es gibt eine Ausnahme, die Mittagszeit.


Mit meinem Nachtisch in der Hand (Magermilchjoghurt) lehne mich auf die Balkonbrüstung und harre des Unterhaltungsprogramms, das jetzt gleich beginnen wird.


Die Ouvertüre: In den Häusern gegenüber werden empört nachdrücklich einige Terrassentüren und Fenster geschlossen!


Erster Akt: Die Balkontüren in unserem Haus öffnen sich! Von unten weht Zigarettenrauch nach oben.
„Dass ist doch jedes Mal dasselbe“, dringt jetzt eine scharfe Stimme zu mir herauf.

Ich nicke heftig, kann aber den Mund nicht öffnen, da ich gerade einen großen Löffel Magermilchjoghurt, … na ja was hätte ich auch sagen sollen.


Von links kommt die resolute Kampfansage: „Ich rufe jetzt sofort Frau Schrap – Nehle an, das ist mir ganz egal, ob Mittagszeit oder nicht!“


Von mehreren Seiten Zustimmung und Beifall. Die anderen haben sich inzwischen auch eingefunden.


Eine zaghafte Stimme kommt von nebenan: „Wir können ihr ja am Mittwoch Bescheid sagen.“


(Mittwoch hat die Hausvermieterin von 6.30 bis 11.00 Uhr Sprechzeiten. Sie gehört zu der „Morgenstund hat Gold im Mund“ – Fraktion. Jedenfalls traf mich bei meinem letzten Vorsprechen wegen der nicht funktionstüchtigen Steckdosen, ein vernichtender Blick und die spitze Bemerkung, dass sie jetzt nicht mehr viel Zeit hätte, da sie gleich anfangen müsste zu kochen. Es war bereits Viertel vor Elf, als ich an ihrer Tür schellte)


Die Resolute machte der Zaghaften jedoch klar, dass ein so eklatanter Verstoß gegen die heilige Mittagsruhe die Höchststrafe nach sich ziehen musste und tippte ohne hin zu gucken demonstrativ die Nummer ein. Offensichtlich kannte sie diese im Schlaf. 

 
Zweiter Akt: Unter den giftigen Blicken der versammelten Damen auf ihren Balkonen (außer der geheimnisvollen von links oben) tuckerte der ahnungslose Hausmeister weiter auf und ab, die kleinen Obstbäume dabei elegant umfahrend.

Da, er hält an. Nachdem er umständlich seinen Sitz verlassen hat, kramt er bedächtig das Handy aus der Tasche. Sich ein Ohr zuhaltend, (der Rasenmäher ist so laut) entfernt sich der geplagte Hausmeister von seinem ratternden Gerät und versucht nach einer Weile des Zuhörens seinen Standpunkt nachdrücklich gestikulierend dem Teilnehmer am anderen Ende der Verbindung klar zu machen - die Menge blickt triumphierend bis schadenfroh. Er murrt und knurrt ins Telefon, aber ganz offensichtlich übermittelt Frau Schrap – Nehle dem uneinsichtigen Angestellten den gesamten Unmut der Mieterschar und er knickt ein!


Dritter Akt: Sichtlich verstimmt und ohne uns eines Blickes zu würdigen, schlurft er zu seinem Treckerchen, klettert hinauf und lenkt es bedächtig, aber geschickt an die Seite, dann stellt er endlich die kleine Höllenmaschine ab.


Zufriedenes Gemurmel und allgemeiner Rückzug. Düster vor sich hin starrend lehnt unser aller Hausmeister an seinem Arbeitsgerät und raucht mürrische eine Zigarette.


Ich bringe mein Magermilchjoghurtbecherchen in die Küche und erfreut über Vogelgezwitscher und dem leisen Klingen des Windspiels auf meinem Balkon, setze ich mich an den Schreibtisch. Ach, diese angenehme Mittagsruhe. Ich nehme den Stift in die Hand und …


Finale: ... ein durchdringendes Dröhnen verkündet: Es ist fünfzehn Uhr. Die Mittagszeit ist um!
 

Aber irgendwie geht es doch auch ums Prinzip, oder?


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, Oktober 2007
 
 

16. Juli 2010

Satire die Zweite

Putzig

… haben Sie schon mal in einem Mietshaus mit sieben anderen Frauen zusammen gewohnt?


Also nicht etwa als Familie oder WG. Nein, jede ordentlich in ihrer Wohnung, mehr oder weniger kontaktfreudig und wie es so schön heißt: Alleinstehend.


Wenn frau in ein Haus einzuziehen gedenkt und beim Betreten des Hauses links an der Wand von der umfangreichen Hausordnung begrüßt wird, sollte sie die Wohnungsbesichtigung besser sein lassen. Aber auch hier war meine Blauäugigkeit nicht zu überbieten.

Jedenfalls reichte selbst der pingeligste Zug meiner Jungfrauennatur nicht aus, um mich für die kahle Fleckenlosigkeit des Treppenaufgangs oder der Gemeinschaftsräume in unserem Mietshaus zu begeistern. (Diverse verstaubte Türkränze, welche die unterschiedlichsten Anlässe repräsentierten, mal ausgenommen)


Frauen sind, wie wir alle wissen, hierzulande selbstverständlich sehr reinlich. An einer pedantischen Sternzeichendisposition allein oder an diversen Schulungen durch Ikea– und ähnlichen Katalogen kann es auch nicht liegen. Da Frauen eine wesentlich höhere Sauberkeitsschwelle als Männer haben und oft so überhaupt keine Schmutztoleranz besitzen, müssen sie noch anderen tief greifenden Prägungen in frühster Kindheit ausgesetzt worden sein. Oder besitzen sie gar ein Reinlichkeitsgen?


Wenn in einem Haushalt, neben Mutter und Vater nicht gerade drei Kinder oder mehr leben, ist der durchschnittliche deutsche Haushalt sauber, aufgeräumt und atmet mitunter hygienische Keimfreiheit. Die Haushalte mit drei Kindern und mehr, sind inzwischen ja eher selten geworden. Ob es wohl zu dem Problem bereits Untersuchungen gibt, demzufolge ein kausaler Zusammenhang zwischen Reinlichkeit und Kinderlosigkeit…, aber dieses heikles Thema schiebe ich lieber auf.

 

Als ehemalige amtierende Mutter und jetzige Großmutter on tour, kenne ich mich zwar aus im Putzuniversum, aber ich dachte auch, allein wohnen hat so seine Vorteile. Ich mache kaum Dreck, also hält sich das Beseitigen desselben in Grenzen und ich habe daher Zeit. Viel Zeit, zum Schreiben, zum Lesen, zum Internetsurfen und anderen lautlosen Tätigkeiten.

Natürlich habe ich meine Rechnung ohne die vielen fleißigen Hausfrauen gemacht, die auch in einer vierzig Quadratmeter großen Wohnung eine erfüllende Lebensaufgabe sehen und nebenbei einen gewissen kollektiven Druck auf jede andere Hausmitbewohnerin ausüben. War früher die Farbe Rot in meinem Kalender den wichtigen Terminen, wie Zahnarzt oder Friseur vorbehalten, signalisiert sie mir jetzt ausschließlich den Zeitraum, in dem ich mich der Hausordnung zu widmen habe. 


Da sind zwei große Fenster zu putzen, Treppengeländer und Ränder zu entstauben und nachzuwischen, die Stufen und Treppenabsätze gründlich zu reinigen und zu polieren. Mit reichlich Gerätschaften und Putzmitteln ausgestattet, halte ich mich dann mehrere Stunden im Treppenhaus auf. Gelegentlich nehme ich dafür extra einen Tag frei, wenn ich am Samstag etwas vorhabe. Denn am Sonntag wird der Hausaufgang natürlich nicht geputzt, aber die Aktivitäten in den übrigen Miniwohnungen sind trotzdem gewaltig, irgendein Küchengerät läuft immer.

An einem ganz gewöhnlichen Wochentag fängt zum Beispiel die ohnehin Nachtaktive über mir, in der Regel morgens ab sechs Uhr, zu putzen an. Sie kennt keine Gnade und kein Ausschlafen. Selbst am Sonntag nicht, da kann es aber schon mal sieben werden. Etwa 6.30 Uhr beginnt meine Nachbarin zur Rechten mit ihren ausgiebigen Reinigungsritualen. Ich vermute mal, als Großabnehmerin hat sie bei den Wasserwerken einen separaten Vertrag mit Sonderkonditionen. Während über meinen Balkon, dessen Tür ich listig früh geöffnet habe um die frische Morgenluft hereinzulassen, gegen Acht die ersten Rauchschwaden von Räucherstäbchen (Patschuli) vermischt mit Zigarettenduft hereinziehen, fallen unten die ersten Türen lautstark ins Schloss.


Hatte ich schon erwähnt, dass wir zwar ein blitzblankes, aber dafür lautes Haus sind?


Die nicht berufstätigen Damen gehen einkaufen, die berufstätigen verlassen das Haus eine halbe Stunde später. Jetzt wird die Geheimnisvolle von oben links aktiv. Man bekommt sie zwar quasi nicht zu sehen, aber ab und zu etwas zu hören. So das Übliche, ein bisschen Staubsaugen, gelegentliches Möbelrücken, leises Plätschern vom Blumengießen auf dem Balkon, dann wird die Waschmaschine angestellt.


Und so schlurfe ich täglich vor Tag und Tau unausgeschlafen ins Bad zum Zähnegeputzten, um mir dann, mit halbgeöffneten Augen und zitternden Händen, die erste Tasse Kaffee zuzubereiten. Während ich noch dabei vom Fenster aus die Müllabfuhr beobachte, donnert bereits der erste Besen gegen die Küchenwand, die ans Treppenhaus grenzt. Die nette Grauhaarige von gegenüber habe ich ohnehin schwer in Verdacht, die Treppe in der Woche, in der sie dran ist, mehrmals zu putzen.


Mein Besenschrank jedenfalls ist inzwischen besser sortiert, als mein Kleiderschrank und für biologisch abbaubare Reinigungsmittel bin ich mittlerweile Expertin. Doch bevor ich hier weiter schreibe, werde ich erst mal das neue antistatische Putztuch an Tastatur und Monitor ausprobieren… 



 aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, September 2007