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10. Juli 2018

Seit gestern bin ich unsichtbar...

Seit gestern bin ich unsichtbar!

Bereits seit Tagen, so etwa ab meinem 66 Geburtstag, hege ich den Verdacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Eine Zeitlang muss ich wenigstens noch als Schemen wahrnehmbar gewesen sein, denn ich bekam ab und zu eine direkte Antworten und manchmal erfolgte auch ein Blick in meine Richtung. Das hat sich jetzt wohl endgültig geändert. Seit gestern komme ich mir vor, als trüge ich eine Tarnkappe.

Es fiel mir auf, als ich meine Wohnungstür geräuschvoll schloss und trotzdem von der Nachbarin, die das Treppenhausfenster putzte, nicht gesehen wurde. Und da war noch die Briefträgerin an der Haustür, die meine Post in den Kasten stopfte, obwohl ich unmittelbar daneben stand. Im Bus angerempelt zu werden, war ich ja schon gewohnt. Aber richtig schräg wurde es, als ein Pulk schwatzender Jugendliche den Bus enterte und sich einer auf den Sitzplatz werfen wollte, auf dem ich bereits saß. Da ich ohnehin an der nächsten Haltestelle aussteigen musste, stand ich auf und ging zur Tür. Er fiel auf den Sitz, ohne mich bemerkt zu haben.

Mein Arzttermin, zu dem ich mich begeben hatte, ging ruckzuck. Mein langjähriger Arzt begrüßte mich mit freundlichen Worte, ohne den Blick von meiner Krankenakte auf dem Monitor zu nehmen. Er nickte zustimmend zu meinen Ausführungen, während seine Finger weiter über die Tastatur huschte. Er stellte ein Rezept aus und gab es der Sprechstundenhilfe. Diese wiederum legte es am Empfang zusammen mit dem Zettelchen, auf dem der nächste Termin vermerkt war, vor mich hin, während sie weiter telefonierte. Bei ihrem „Auf Wiedersehen“ war mir nicht klar, ob der Gruss mir galt oder dem Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Verbindung.

Auf dem Heimweg durch den Stadtpark (ich hatte beschlossen zu laufen, um meine Gedanken zu ordnen), kam mir ein Trupp junger Männer entgegen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe immer ein leicht mulmiges Gefühl, wenn eine Gruppe Jungs, womöglich mit eindeutiger Nahostherkunft, in einer stillen Straße auf mich zukommt. Aber sie gingen ungerührt um mich herum. Klar, es war ein wenig eng, aber keiner von ihnen schien mich wahrzunehmen. Schwadronierend schlenderten sie weiter. Ein wenig verwirrt betrat ich die vor mir auftauchende kleine Bäckerei. Die Verkäuferin, die eben noch lächelnd mit dem Kunden vor mir scherzte, legte nun mit leerem Blick die Brötchentüte auf den Tresen und strich das abgezählte Geld ein. Dann schob mich die nächste Kundin weiter.

Heute morgen nun schien sich nichts geändert zu haben. Der Paketbote hielt mir, auf die Wand starrend, das Gerät zur Unterschrift hin und ging grußlos die Treppe hinab. Der Handwerker, der sich schon vor drei Tagen angekündigt hatte, betrat nach dem Türöffnen stracks mein Bad und begann zu werkeln. Meinen Scherz, „Ach, da sind sie ja schon!“, quittierte er mit einem vagen Lächeln. Wahrscheinlich konnte er sich nicht erklären woher die Stimme kam.

Für mich stand heute noch ein wichtiger Termin an. Diesmal fuhr ich mit dem Auto zu einer weit entfernt liegenden Behörde. Ich stand geduldig in der Warteschlange und als ich endlich an der Reihe war, mahnte die Frau hinter dem Schalter „Der Nächste bitte...“, ohne zu bemerken, dass ich direkt vor ihr stand. Ich trug mein Anliegen vor und die Sachbearbeiterin schloss daraus, dass da jemand sein musste. Sie rückte ihre Brille gerade und starrte angestrengt durch das Kundenfenster, jedoch ohne mich wirklich zu sehen. Ich erklärte die näheren Umstände meiner Beschwerde (zu hören war ich offensichtlich noch) und bekam ein Formular zu geschoben, das ich ausfüllen und einschicken sollte. „Der Nächste bitte!“

Als jedoch ein paar Minuten später, auf dem Parkplatz vor dem Behördenzentrum, jemand mit Schwung rückwärts ausparkte und mein kleines Auto touchierte, dachte ich nur noch, während ich dem davon brausenden Fahrer hinterher sah: "Verdammt! Jetzt ist auch noch mein Auto unsichtbar."

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29. Oktober 2014

Der wandernde See - ein Märchen



Kaltes Feuer tropft golden durch sieben Siebe.
und rotes Wasser den Fels umschäumt.
Ein silberner Lufthauch bauscht grünhelle Schleier.
wo blau das Moos die Quelle umsäumt.

Inmitten der Zweigen hervor tritt die Muhme.
Das flirrende, blendende Sonnenlicht,
verbirgt ihrem Blick nicht die argen Schatten,
doch dunkles Drohen fürchtet sie nicht.

Sie dreht das Rad, es tanzt die Spindel.
Ein glänzendes Fädchen - gesponnenes Glück -
Der ewige Faden rinnt aus ihren Händen -
so springen vergangene Stunde zurück.

Sie sieht in des weisen Schicksals Kessel
den schändlichen Bann des gläsernen Sees.
Der verwunschen durch die Zeiten wandert,
sein Herr hält gefangen die Lilofee.

Der wandernde See in argloser Schönheit,
liegt gläserne im milden Abendrot.
Sein Glitzern trügt lang schon jedwedes Wesen
manch Wandrer fand hier einen magischen Tod.

Der Zauber des Nöck lockt Getier und Mensch
in seinen Bann, betreten sie nur den Ufersand.
Als entseelte Gefährten führt hinweg sie die schöne,
verlorene Fee mit eigener Hand.

Die Muhme gewillt, den Zauber zu lösen,
- zerbrechen soll der gläserne See -
schöpft aus der Quelle des kalten Feuers
beendet so der Gefangenen Weh.

Mit hellem Klingen und gewaltigem Beben
bricht auf immer des dunkelnen Zauberers Siegel -
statt gläserner Glätte weiches Wasser sich wiegt,
zerborsten auf immer der tückische Spiegel.

Der wandernde See, nun ein stilles Gewässer,
auf ewig vom Schmerz und Sehnen befreit.
Weißfarbener Sand umrahmt lieblich das Ufer.
In den Tiefen des Sees kein Wesen mehr weint.

Die Erlösten ziehn heim zu den trauernden Müttern.
Die Nacht senkt sich still über das Land.
Die Muhme verschließt die Quelle des Feuers.
Nimmt Rad und Spindel in die Hand.

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11. Februar 2013

Wegwarte


Eine Märchenbearbeitung von Stephanie Ursula Gogolin

Wegwarte

Es war einmal ein fröhliches und lebenslustiges Mädchen mit wunderbar hellblauen Augen, das verliebte sich beim Tanz in den Mai innig in den schönsten Burschen des Nachbardorfes. Doch dem stand der Sinn nach Abenteuer und fernen, geheimnisvollen Ländern und so hatte er sich dem Burgherren verdingt. Der wollte am nächsten Tag mit seinen Mannen zu einem Kreuzzug ins Morgenland aufbrechen. Der Jüngling küsste nach dem Tanz an jenem Abend zum ersten und letzten Mal die liebliche Maid und versprach ihr, zu ihr zurückzukehren. Sie solle nur hier auf ihn warten und als Pfand seiner Treue schenkte er ihr ein blaues Band.
 

Nun wartete das Mädchen geduldig ein volles Jahr und ein weiteres, aber der Geliebte kehrte nicht heim. Andere Burschen warben um sie, doch sie konnte den Ihren nicht vergessen und so erhörte sie keinen von ihnen. Die Jahre gingen dahin und die Verlassene wurde immer wunderlicher. Sie hielt sich von allem fern, ging bekümmert ihrer Wege und konnte nicht aufhören auf ihn zu warten. Denn wie das so ist, eine nicht erfüllte Liebe, ist eine unendliche Liebe.

Ihre Freundinnen um sie herum nahmen sich Männer und wurden Mütter, so auch ihre Schwestern. Doch der Alltag mit dem täglichen Tun und dem fröhliche Kinderlachen im Haus, wandelte nicht ihren Sinn. Nein, sie floh nach getaner Arbeit das gemächliche Leben unter dem Dach der Mutter. Tag für Tag saß sie des Abends am Wegesrand auf dem großen Feldstein und hielt Ausschau nach dem Liebsten. Sie verharrte im Abendschein - bis der Mond und die Sterne am Nachthimmel standen. Selbst im bitteren Winter wartete sie in Eis und Schnee eine Weile an dem Platz, an dem sie dereinst ihren Abschiedskuss und das Versprechen seiner Rückkehr erhalten hatte. Von Zeit zu Zeit drang Kunde über ferne Schlachten bis in ihr Dorf, doch nie eine Nachricht von ihm. Der Burgherr mit den Resten seines Gefolges war längst aus den fernen Ländern zurück gekehrt, doch auch von denen konnte ihr keiner sagen, was aus dem mutigen Burschen geworden war.

Als sie eines schönen Tages nach einem langen Arbeitstag, auf den Feldern wurde gerade das Korn geschnitten, wieder neben dem alten Feldstein hockte und traurig in die Ferne blickte, kam ein altes Weib mit einem Korb am Arm daher. Die Alte blieb bei ihr stehen. Sie hatte schon von der Jungfer gehört, die Tag für Tag an diesem Platz verweilte und nicht aufhören konnte zu warten. Das arme Mädchen mit dem gebrochenen Herzen dauerte sie. Und so setze sie sich zu ihr und sprach gütig auf sie ein und ihr gelang es mit ihren Worten die verschlossene Seele zu berühren. Seit jenen Tagen des Abschieds sprach die Maid erstmals über ihren tiefen Schmerz und dass sie den Gedanken an die leeren Jahre, die noch vor ihren lagen, nicht ertragen könne.

„Nun wenn du keinen anderen Mann willst, nicht Mutter werden magst und glaubst, das Leben in deinem Dorf nicht fürderhin leben zu können, dann komm mit mir.“, sagte die Alte, „Dein Liebster ging fort, so geh auch du fort. Dort hinter dem Berg ist ein großer Wald und an seinem Rande liegt meine Hütte. Du kannst sodann bei mir bleiben. Ich werde dich wie eine Tochter halten und du kannst von mir alles lernen, was ich weiß. Und die hier lassen wir zurück - mag sie deinen Platz einnehmen!“ Und damit nahm sie aus ihrem Korb eine unscheinbare Pflanze und grub deren Wurzel neben dem Stein in der Erde ein. „Schau, sie wird an deiner Stelle am Wege warten.“


Dann nahm sie das Mädchen bei der Hand und führte sie mit sich fort.


Und so geschah es, dass das Mädchen ihre Heimat verließ und fortan bei dem alten Weib im Walde lebte. Der grüne Wald und das beschauliche Dasein im Haus der Alten heilten ihr Gemüt und als bald vergaß sie ihren Kummer und das schmerzliche Sehnen. Die Jahre vergingen, sie ward älter und erlernte alles was eine Kräuterfrau nur wissen konnte und über die Jahre wurde sie eine weit hin bekannte und geschickte Heilerin. Die Gute Heile wurde sie von den Leuten genannt, denn niemand kannte ihren wahren Namen und als die Alte hochbetagt starb, nahm sie den Platz der Weisen Frau ein.

Das ganze Dorf hatte derweil nach ihr gesucht und als sie nicht wiederkehrte, wurde noch lange um sie getrauert. Niemand konnte sich erklären, wohin das Mädchen verschwunden war. Und weil ihre Schwester das Pfand, das die Maid einst von dem verschollenen Liebsten erhielt, zurückgelassen auf dem Stein fand und neben diesem jetzt die unscheinbare Pflanze mit den wunderbar blauen Blüten wuchs, entstand mit der Zeit die Mär, das Mädchen selbst hätte sich in ihrer großen Trauer in diese Blume verwandelt um nun für immer am Wege stehen. Und noch heute nennen die Menschen das Gewächs mit der sehnsuchtblaue Blüte Wegwarte.


Chicory - Nr 8 der Bachblüten-Devas

28. Januar 2012

Evolution


Ich bin eine Überlebende!
Das Ergebnis der gelebten Leben
vieler Mütter, vieler Töchter!
Sie arbeiteten hart und sie träumten und lachten.
Sie sahen Jahreszeiten kommen und gehen.
Sie überlebten Katastrophen.
Sie liefen durch Regen und Schnee,
überstanden Krankheit und Leiden.
Sie sahen sonnige Tage und finstere Nächte.
Sie haben gesät und geerntet
und sprangen über das Feuer.
Sie haben nach dem Liebsten geseufzt
und sich mit ihm im Stroh gewälzt.
Sie trugen ihr Kind aus und brachten es zur Welt.
Sie behüteten das Leben
und begleiteten das Sterben.
 Sie erduldeten Verletzungen
oder wehrten sich entschlossen.

Sie bucken das Brot und webten die Kleidung.
Sie wachten am Bett ihres Kindes
und fütterten die alte Mutter.
Sie tanzten und scherzten,
sie weinten und trauerten.
Sie bewahrten Erinnerungen und teilen ihr Wissen.
Sie starben jung 

oder wurden uralt!
Ich bin die Tochter einer Tochter,
welche Mutter wurde!

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30. November 2010

Ich habe neulich...


Ich habe neulich Frau Holle gesehen, sie kam aus dem Wald ...
nein, nicht das Mützchen voll Schnee. Auch heuer gibt es noch keinen Schnee!
 
Und Mützchen konnte man die mächtige Haube der Hohen Frau auch nicht gerade nennen. Mit ihren ausladenen Röcken nahm sie fast den ganzen Gehweg ein. Ja, sie war schon eine prächtige Erscheinung. Ich staunte nicht schlecht, dass sie einfach so in ihrer Allgewaltigkeit durch unsere Dorfstraße lief. 
Neugierig wie ich nun mal bin, schlenderte ich so unauffällig wie möglich, hinter ihr her - kann es sein, dass sie auch heute von Zeit zu Zeit die Menschen besucht? In die Fenster schaut, verlorene Kinder anspricht, vergeblich den Dorfbrunnen sucht und auch sonst keinen täglichen Frauentreffpunkt mehr findet? 
Das kleine Cafe in der Bäckerei an der Ecke, schien ihr Ziel zu sein und so folgte ich ihr dahin. Der Raum war vormittäglich leer. Ein  Banker von nebenan, vertiefte sich in eine Zeitung und zwei ältere Damen rührten Süßstoff in ihre Tassen. Frau Holle suchte sich einen netten Fensterplatz und beobachtete die vorbei fahrenden Autos.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und mit einem „Darf ich“, setzte ich mich zu ihr an den Tisch. Überflüssig zu sagen, dass mir das Herz bis zum Halse klopfte.
„Einen Cappuccino bitte“, rief die holde Frau mit gewaltiger Stimme zur Kuchentheke hinüber, wo die vor sich hin sortierende Verkäuferin leicht zusammenzuckte und alle anderen verstört aufblickten.
Den Cappuccino bekam ich dann vorgesetzt, weil die Bedienung SIE einfach nicht gesehen hat...



Stephanie Ursula Gogolin, Troisdorf 2006, überarb. 2010

22. August 2010

Der alleinerziehende Gottvater

Eine Glosse von Stephanie Ursula Gogolin

Um die Menschheit aus ihrer Sündigkeit zu erretten, schickte Gottvater seinen einzigen Sohn, als Erlöser in die politisch aufgewühlte Welt der Antike. 

Die Römer machten sich gerade rund um das Mittelmeer breit, das hellenistische Niveau war immer noch die damalige Leitkultur, das Pharaonenreich ging endgültig seinem Niedergang entgegen und den Germanen und Kelten war man auch bereits auf die Füße getreten. Überall rangen Völker um ihre Autonomie und in diesen Macht- und Kulturkämpfen, die auf und neben der politischen Bühne tobten, verloren die Frauen der damaligen Zeit immer mehr ihre Freiheit, ihre Würde und ihre Heiligkeit.

Was oder wen sollte Jesus denn eigentlich retten? Was war seine Mission? Wie lautete sein Auftrag? - Ach ja: „ Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ Ein harter Job und ein gefährliches Unterfangen, wie wir wissen. Arbeit für einen erwachsenen, wortgewandten Mann. Aber zuerst, so schnell ist nun Gottes Plan auch nicht umgesetzt, war der Messias, wie alle Männer, ein Kind.
Und wie wuchs der kleine Jesus auf? 

Richtig - in der Obhut einer menschlichen Mutter! Was hatte der Junge für ein Glück. Es gab auch einen Pflegevater, dem die Bibel einen guten Leumund bescheinigt. Wahrscheinlich hatte der kleine Erlöser sogar Geschwister. Er genoss jedenfalls die Geborgenheit und den Schutz einer damaligen Familie vom Lande. 

Den spärlichen Angaben zufolge wird der junge Jesus, wie wir es heute nennen würden, ein hochbegabtes Kind gewesen sein. Einer von dem Großes zu erwarten ist. Jedoch in einem Staat, der sich im kulturellen Umbruch befindet, mit einer Besatzungsmacht im Land und intriganten politischen Verhältnissen, ist es nicht einfach göttliche Visionen zu verwirklichen. Da wird auch der einfache Wunsch nach Freiheit oder erträglichen Lebensbedingungen schnell zur Lebensgefahr.

Nichtsdestotrotz hat der inzwischen vom alttestamentarischen zum christlichen Gott mutierte Übervater nachträglich den zweifelhaften ideologischen Verdienst eingeheimst, der Menschheit die Gelegenheit gegeben zu haben, von der Sünde, die sie angeblich seit der Sache mit Eva und dem Apfel mit sich herumgeschleppten, erlöst zu werden.
 

Die weltlichen Katastrophen, die Jesus zu seinen Lebzeiten durchstehen musste, wurden plötzlich zu Gottes weitsichtiger Zielsetzung. Sollte jedoch hinter der Opferrolle des Sohnes tatsächlich ein Plan des Vater gestanden haben,dann bin ich froh, nicht mit ihm verwandt zu sein.

Mit Ach und Krach kommt also die Mutter des Messias in den Evangelien vor, die Großmütter spielen schon keine Rolle mehr. Bei der Geburt des kleinen Jesus im Stall wurde auch noch auf fatale Weise die Mutter mit der Magd verwechslt und der Einfachheit halber die Bezeichnung gleich für alle Mütter beibehalten, mit der Auflage, sich ab jetzt gehorchend und hingebungsvoll als Dienerin am Sohne des Vaters, des Herrn, zu präsentieren.


Die Idee das Kind nur vorübergehend in weibliche Obhut gegeben, hat auch sofort Schule gemacht. Maria betreute also ihren Sohn bis Gottvater die Zeit für die Vollendung der Mission gekommen sah. Das kennen wir ja, die Verfügungsgewalt des Vaters bzw. der Vätergemeinschaft bedeutet durch die Zeiten hindurch immer wieder, dass sie ihre Kinder in Tod und Verderben schicken dürfen.


Oder gab es diesen hinterhältigen „Heils“Plan vielleicht gar nicht? 

Und es war alles ganz anders und Jesus war sozusagen doch der letzte Sohn der verlorenen matriarchalen Verhältnisse? Diverse TheologInnen erkennen schon lange die weiblichen Werte in den Lehren des Jesus und deuten die christliche Lehre gern mal als den Auftakt in ein neues Zeitalter. Die weniger optimistischen sehen darin den Niedergang der weiblichen Ära.

Nun ja, da Gott seinen einzigen Sohn für die Sünden der Welt am Kreuz geopfert hat und zuvor eine Heirat mit einer menschlichen Frau völlig indiskutabel war, sind auch keine Nachkommen überliefert. Es sei, es kam doch irgendwie zum Sakrileg, doch das wissen wir nicht genau.
 

So gilt zwar Gott immer als Vater, zum Groß(en)Vater hat er es nicht gebracht. Vielleicht ist das die Strafe dafür, dass er sich als Gott der Väter über Seine Mutter erhoben und sie ignoriert und verleugnete...



gekürzte Fassung, Lüneburg, 2007

26. Juni 2010

… mehr als nur ein Märchen

Die dreizehnte Fee

… Trauer erfüllte heute an diesem wunderbaren Sommertag die Uralte, die Weise. Sie zog ihre Hand durch das klare Wasser des steinernen Beckens und die mystischen Bilder, die sie in die Zeiten sehen ließen, verschwanden.

Der König des Landes missachtete die uralte Ordnung - wieder und wieder. Zwölf der Schwestern gebot er zu sich, aus Anlass des Tauffestes seiner neugeborenen Tochter. Prächtig gekleidete Diener schickte er aus, junge Burschen, die sich ihrer Stellung am Hofe sicher, die Einladungen an die Feen hochmütig überreichten. Die jungen Pagen kannten keine Ehrfurcht mehr vor den Weisen Weiber, die überall im Lande lebten und wirkten. Der König lud nur ihrer Zwölf in seine Burg. An ihrem Haus, dem der Dreizehnten, ritten die Boten vorbei.

Einst kam die Mutter der Königin selbst zu ihr und ihren Schwestern, um sie zum Fest zu bitten. In der Nacht der Frauen versammelten sich alle. Und im Schein des vollen Mondes empfahl die junge Mutter ihre neugeborene Tochter dem Kreis der Dreizehn und den Ahninnen, bat um Schutz und Beistand für die künftige Königin. Viel zu früh starb sie dann, die alte Königin. Und viel zu früh vermählte sich deren Tochter. Jetzt ward diese nach einer langen Wartezeit selbst Mutter und das Königspaar wusste sich vor Glück nicht zu lassen, hieß es im ganzen Land.

Die dreizehnte Fee, die Alte, schritt wehmütig durch die Räume ihres Palastes. Von außen ward dieser eine unscheinbare Hütte, doch trat man durch die Türe, taten sich im Inneren weite Säle auf, geheimnisvolle Gemächer und Türme, von deren Warte sie Zukünftiges und Vergangenes sah. Hier störte nichts die Ordnung des immer währenden Seins.

Nach endlosen Stunden saß sie immer noch auf der Bank des Altans. Zum ersten Mal in ihrem langen Leben war der Tag gekommen, an dem sie ihren sonst so segensreichen Ahnungen fluchen wollte. Ihr Vermögen, das sie unerbittlich sehen ließ, was anderen verborgen blieb, schien ihr heute eine grausame Last. Sie sah und erkannte, wohin der Menschen Entscheidungen führten. Es waren Entscheidungen, die nicht mehr vom alten Prinzip getragen wurden. Keiner suchte mehr ihren Rat.

Sie schloss ihre Augen, leerte ihren Geist, versank in den Weiten der ewigen Welten. Doch ein bisher nicht bekannter Schmerz zog sie immer wieder zurück, missgönnte ihr heute die Ruhe, welche sonst ihre Kräfte wachsen ließ. Und so beschloss sie, sich auf den Weg zu machen. Mit ihrer Anwesenheit wollte sie dem König zeigen, was er bereit war aufs Spiel zu setzen. Und mit eigenen Augen würde sie sich überzeugen, dass die Königin nicht mehr die Geschicke des Landes lenkte. Nein, sie durfte sich nicht ausschließen lassen, zu wichtig waren ihre Visionen für die Menschen. Die dreizehnte der Feen begab sich auf den Weg zum königlichen Schloss.

Es war ein leichtes für eine unscheinbare alte Frau die Königspfalz zu betreten. Niemand nahm sie gewahr. Das wunderbare Gewand der Feen hielt sie vor den Augen der geschäftigen und froh gestimmten Menschen verborgen. Sie durchschritt die festlich geschmückten Räume der Burg. Niemand beachtete sie in all der Rührigkeit. Sie schlängelte sich an Mägden vorbei, die Platten und Schüsseln mit üppigen Speisen aus der Küche trugen und diese den fein gewandeten Diener zum Servieren übergaben. In den Gängen standen bewaffnete Wachen aufgereiht und an jeder Tür fragte ein Lakai nach dem Begehr. Das Leben in Vertrauen und Ungebundenheit, die Zeit der kundigen und klugen Frauen ging zu Ende, nie hatte die dreizehnte Fee es deutlicher gesehen, als in diesem Augenblick, da sie den Festsaal des Palas betrat.

Zwölf Schwestern umstanden die Wiege des Kindes, während die geladenen Gäste schwatzten und tafelten. Und trotz der zur Schau getragenen, überschäumenden Ausgelassenheit, lag auch ein dunkler Schatten auf der anwesenden Festgesellschaft. All die feiernden Herrschaften jubelten dem Königspaar zu und suchten doch zu verbergen, dass in der Freude über das Kind, auch die Enttäuschung mitschwang, dass kein Sohn das Licht der Welt erblickt hatte. Wohlgesetzte Reden schmeichelten dem Herrscher und enthielten manch versteckten Tadel für die Königin, welche dem Gatten nicht den erwarteten Erbprinzen geschenkt hatte.

Der Zorn über die Ungehörigkeit und die Unvernunft der erlauchten Gesellschaft stieg erneut in der Alten auf. Und deutlich spürte sie, auch ihre Schwestern fühlten nur zu gut den neuen, den unheilvollen Geist. Die meisten von ihnen trugen einen dünnen Schleier vor ihrem Gesicht, so dass die Anwesenden ihre Besorgnis nicht aus ihren Mienen lesen konnten.

Die Königin, noch erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage, hatte nur Augen für ihre langersehnte kleine Tochter. Selbst die Weisen Frauen, die Feen des Landes, nahm sie kaum wahr. Doch nun erschrak sie, als sie der Dreizehnten angesichtig wurde. Ängstlich blickte sie hin, zu ihrem Gemahl, der zwischen Grafen und Herzögen und deren Gattinnen an der Tafel saß.

Die Alte, die Feenmutter, ließ den Mantel von den Schultern gleiten und stand in ihrer Gewaltigkeit mitten im Saal. Erschrocken verstummten bei ihrem Erscheinen die Gespräche und das Zuprosten. Sie sah sich lange und bedachtsam um. Dann trat sie an die Wiege der kleinen Prinzessin. Mit großen Augen lachte das Kind sie an und die Fee wurde schier überwältigt von den Offenbarungen, welche vor ihr auftauchten.

Soll die kleine Königstochter in all den Schrecken, den sie so überdeutlich vor sich sah, hineinwachsen? Das Grauen der gewissen Zukunft erleben. Wäre es nicht besser, sie wäre tot? Ihr Geburtsrecht würde sie verlieren, sobald der Bruder geboren würde. Der Vater wird verbieten, sie zu den Weisen Frauen zu schicken, statt dessen wird er sie mit dem Fürsten des Nachbarreichs verheiraten, um den Frieden zu sichern. Fern vom Haus ihrer Ahnin würde sie dort unglücklich eines frühen Todes sterben. Der König wird den Priestern der neuen Religion in allem freie Hand lassen. Sie werden die Zusammenkünfte der Frauen in den Spinnstuben verbieten und das Tun der Hebammen beargwöhnen.

Sie sah eine Zeit des Todes und der Vernichtung.

Die weise Alte richtete sich hoch auf und ihr Spruch ließ die Anwesenden vor Grauen erstarren. Ihren unnachgiebigen Blick auf den König gerichtet, verkündete sie, was sie sah und mahnte zur Einsicht. Dann verließ sie den Saal.

Auch der Spruch der Zwölften, die nach ihr an die Wiege trat, wird die künftigen Geschehnisse nicht aufhalten oder die Morgen abändern, nur hinauszögern. Das war eine bittere Gewissheit. Mag es diese Königstochter noch nicht treffen, so wird sich der Spruch vielleicht an ihrem Kindeskind erfüllen. Einhundert Jahre Schlaf sei ihnen vergönnt! Eine kleine Spanne Zeit. Nur ein Zyklus, der sich wiederholt. Die Dauer in der sich Erinnerungen allmählich zu Mären und Sagen wandeln - geläuterte Weisheiten, welche die Großmütter den kleinen Töchtern erzählten, damit diese daraus lernen.

Die dreizehnte Fee, die Uralte, wanderte zwischen reifen Feldern und grünen Wiesen heimwärts in die Einsamkeit des Waldes. Sie dachte an ihre Schwestern. Sollen sie dieses Mal noch, wie zu allen Zeiten, die kleine Prinzessin mit ihren Gaben segnen. Eines Tages wachsen Töchter heran , die von all dem nichts mehr erfahren und hunderte Jahre werden noch ins Land gehen, bis die Märchen dereinst der Schlüssel zu einer neuen Zeit der Frauen werden.

Ab und zu hielt sie inne auf ihrem Weg und wenn sie die Augen schloss, sah sie dunkle Kerker und Ketten. Sie sah riesige Scheiterhaufen lodern und hörte die Schreie der verfolgten und gemarterten Frauen.

Und die dreizehnte der Feen wusste nicht, wie sie all das allein aufhalten könnte.


"Die dreizehnte Fee" © Märchenerzählung von Stephanie Ursula Gogolin, Juni 2010


22. Juni 2010

Ein Märchen

Die Sonne schien ihr ins Gesicht, als sie erwachte.
Was hatte sie geweckt? Donnergrollen - Vogelsang - ein Kuss? Nein! Nichts von alldem - es war einfach nur die Zeit.
Es gibt für alles eine Zeit, auch dafür zu erwachen.

Sie erhob sich, klopfte den Staub von ihrem verblichenen, einst rosenfarbenen Kleid und fuhr sich mit den Fingern durch das verfitzte Haar. Die Morgensonne schien zu den schmalen, hohen Rundbogenfenstern herein und tauchte die vermodernde Einrichtung des Turmzimmers in goldiges Licht.
Die verwunschene Prinzessin trat an eines der Fenster.
Es war sehr früh. Das verschlafene Land, noch benetzt vom Morgentau, lag soweit das Auge reichte im üppigsten Sommer vor ihr. Aber ihre Augen reichten nicht mehr sehr weit. 

Sie zog einen Dorn aus ihrem Fleisch, schritt achtlos über welkende Rosen hinweg und verließ das Gemach. Das rostige Schloss ließ sich schwer öffnen. Die massive Tür des Turmzimmers hatte die schlafende Königstochter in all den Jahren gut beschützt. Jetzt war sie entbehrlich, sollte das Tor zu ihrer Freiheit werden. Erwartungsvoll stieg Dornröschen die Wendeltreppe des Turms herab.
Die Stufen knarrten unter ihren leichten Schritten und die Schleppe des Kleides hinterließ im Staub eine helle Spur. Nun, da sie erwacht war, gab es auch keinen Widerstand mehr. Das schmiedeeiserne Gitter hinter der Tür des Turmes ließ sich leicht aufstoßen und die Dornenhecke öffnete ihr von selbst einen Durchgang. Einen Rosenzweig zur Seite biegend, trat die Prinzessin in den milden Morgen hinaus.

Die Vögel sangen und es summte und brummt um sie her. Doch weit und breit konnte sie keine Menschenseele entdecken. Zwischen Ginster und Brennnesseln stieß ihr Fuß gegen ein rostiges Schwert. Es mochte einem längst vergessenen Prinzen gehören oder auch nur einer davon gelaufenen Wache. Das einst prächtige, väterliche Schloss war zur Ruine zerfallen, überwuchert von Unkraut und wilden Rosen.

Dornröschen verharrte am Fuß des Bergfrieds und sah sich um. 

Wo war er, der Retter? Wo blieb er, der Verheißene? Was wurde aus dem erträumten Glück? Ein sanfter Wind zauste ihr ergrautes Haar.
In den nächsten Jahren zog selten jemand auf der Straße an der Schlossruine vorbei. Noch seltener verweilte ein Wanderer in der kleinen Hütte, die sich an die starke Mauer des Turmes schmiegte.

Doch jedem, der auf dem Weg in die nächste Stadt, bei der alten Frau mit dem jungen Herzen rastete und sich ausruhte, dem erzählte sie die Geschichte vom schlafenden Dornröschen. Von einem versunkenen und verwunschen Königreich und von dem Prinzen, der das schlafende Dornröschen wachküsste. Ein Märchen voll des Zaubers der Liebe und der Sehnsucht nach ewiger Glücksseligkeit.

Aber eben nur ein Märchen... 



Märchenvariation von Stephanie Ursula Gogolin, September 2005

5. Mai 2010

Initiation


Baba Jaga Knochenbein
braust heran
stürmt durch die Wälder
die da dicht und ewig grün.
Doch das Mädchen
kennt kein Schaudern.
Ihr Sinn ist frei
und stark und kühn!

Bis zum Häuschen Hühnerbein
kreischt die Alte wilde Lieder,
nichts was uns zu Tränen rührt.
Weither ist sie schon zu hören,
wehe dem, der Furcht verspürt!

Wassilissa heizt den Ofen
rührt im riesig dampfend Kessel
Seelensuppe nach Geheiß.
Die schon kocht seit uralt Zeiten,
Leben, welches kommt und geht!
Und das Mädchen fegt vom Boden,
Knochen, die da abgenagt.
So wie der Alten sie's versprochen!
Vom Brunnen her, sie Wasser trägt.

Wartet auf die grausig Hexe,
der sie diente Jahr und Tag.
Heute ist die Zeit vollendet!
Heute kehrt sie wieder heim!
Heim zur Mutter
und den Schwestern
nie mehr ist sie jetzt allein...