10. August 2010

Ich war ein kleines Mädchen


Ich war ein kleines Mädchen, geboren zwischen warmen Händen und weichen Fellen, denn draußen war es bitter kalt.

Ich war ein kleines Mädchen und die Frauen, die meine Mutter umringten, sangen und lachten zu meinen ersten Atemzügen. Ich wurde aufgehoben und in die rauen Hände einer Frau gelegt, die über mein Gesicht leckte und in mein Ohr flüsterte: Danke kleine Ahnin, dass du zu uns kamst…

Während all die hilfreichen Hände die junge Frau, die meine Mutter war, umsorgten, bettete mich meine Großmutter zwischen ihre üppigen Brüste und ich sog tief den mütterlichen Geruch ein. Eine der jungen Frauen, die am Eingang hockten, schlug ein wenig die Häute zur Seite. Ein heller Streifen fiel auf mich und so erblickte ich das Licht der Welt!


Noch wusste ich nicht, dass mein Name „Kleine Sonne“, nicht nur meinen Geburtszeitpunkt bezeichnete, sondern mir auch einen besonderen Platz in der Sippe bescheren würde. Geboren in der Nacht und in den Tag hinein, da das große Licht wieder aufs Neue aus der Dunkelheit zurückkehrte und die Mütter das Leben feierten….


Ich wuchs heran – zwischen den Schwestern und Brüdern meiner Sippe, mit dem wilden Wasser, den geduldigen Steinen und den Bäumen, die mich liebten.


An diesem Wohnplatz lebte die Sippe schon sehr lange. Auch meine Mutter hatte ihre ganze Lebenszeit hier verbracht. Sie kannte jede Pflanze und jedes Tier, das mit uns das Lager teilte. Sie nährte mich und meine Schwestern spielten mit mir. Meine Großmutter jedoch wachte über uns alle.


Ich wurde größer. Schon früh kannte ich die Lieder unserer Sippe. Ich hörte sie, während ich einschlief und sang sie, wenn ich morgens erwachte und mit den Geschwistern zum Waldrand lief. Ich flocht aus Binsen die Körbchen, die wir zum Sammeln brauchten und für die Schwestern Bänder mit Blumen und Steinen.


Außer meinen geschickten Fingern, besaß ich auch besonders klare Augen. Fand ich doch meist die schönsten Steine für unseren Kreis, den wir unter dem Felsüberhang auslegten. Dort versammelten wir Kinder uns am Abend um dem Sagen der Großmutter zu lauschen. Meine Tage als kleine Frau gingen dahin in Geborgenheit und Spielen und Lachen. Die Mütter, die Muhmen, zeigten mir das Brennen von Ton und das Bearbeiten von Häuten. Die Mütter der Mütter lehrten uns das Erkennen der grünen Schwestern, welche wir als Nahrung annehmen konnten und welche uns Heilung brachten. Und unser Mutterbruder lehrte mich zu fischen und einen Speer zu werfen.


Bald hatte ich auch genug Kraft die Steine zu ritzen. Für Heller Mond, einen meiner Brüder, der schneller lief als alle in der Sippe, schlug ich aus einem der gefundenen Steine sein Totem, einen Hasen. Und für Weiße Eule fertige ich einen Eulenstein. Es war leicht am Strand die Formen zu finden. Sie
sprangen mir fast von selbst in die Hand. Mit wenigen Schlägen oder längerem Riefen verwandelte ich sie in in Amulette für die Meinen. Sie nannten mich die Schnitzerin der Steine. Die Ahninnen begleiteten meine Suche und mein Tun... 


eine Medivision
© von Stephanie Ursula Gogolin


ein Fund aus der Sammlung meiner Freundin Nelly
 

5. August 2010

Freundinnen

… ein wenig sitzen
ein bisschen Ruhe
Gedanken springen
zum Morgen zurück

Das Telefon läutet

heraus tropfen Tränen
entschlossener Wut
denn meine Freundin
trennt sich
von ihrem Mann!

Sie trennt sich und wütet

Sie richtet und rechtet
Sie ist bereit den
gemeinsamen Alltag
zu den Akten zulegen
und die letzten Gespräche
in die Tonne zu treten!
Romantik will sie
im Antikmarkt verkaufen!
Gemeinsamkeiten bei
ebay versteigern,
Sie will das bisherige
Leben verweigern
und endlich alles
ab heute verändern!

Ich höre ihr zu

Ich weiß wie sie leidet

und nächste Woche
spricht sie
nicht mehr davon! 

1. August 2010

Satire die Vierte


Mein Briefkasten

Jeden Mittag ist es für mich ein besonderes Highlight erwartungsvoll die Treppe hinunter zu meinen Briefkasten zu gehen. Aber nicht nur die Aussicht auf frohe Kunde treibt mich an, es ist auch unbedingt notwendig den winzigen Postkasten regelmäßig zu leeren. Wirkliche Post bekomme ich ja höchst selten. Wer schreibt schon noch bei den günstigen Telefontarifen oder der fixen Möglichkeit eine Email zu versenden. Trotzdem ist das Behältnis, welches der Fernkommunikation dient, fast täglich brechend voll.


Die Briefkästen in unserem Haus stammen noch aus der Zeit, da sie in erster Linie nette kleine Briefumschläge, vielleicht auch eine dünne Tageszeitung beherbergen mussten. Umschläge in B4größe erfand man wohl erst später. Dementsprechend spärlich ist ihr Aufnahmevolumen. In unserem Haus gibt es trotz acht Mietparteien übrigens nicht eine Tageszeitungsabonnementin. Ich vermute mal, das hat auch etwas mit dem Format einer klassischen Tageszeitung zu tun, ich wüsste auch nicht wo in meiner Wohnung ich sie komplett aufschlagen könnte.

Trotzdem braucht der durchschnittliche Tageszeitungsnichtabonnent auf wichtige Informationen über Land und Leute, Gott und die Welt, Fug und Recht, nicht zu verzichten. Jede Gemeinde, jeder Landkreis, von größeren Städten ganz zu schweigen, besitzt mindestens ein Wochenblatt, das kostenlos und unaufgefordert ins Haus kommt.


Da gibt es beispielsweise den „Geschäftsanzeiger“ und den „Stadtboten“, die „Landpost“ und den Pfarrbrief, die „AnzeigenTafel“ und der „Ortskundige“, den „Ausblick“ und den „Einblick“!


Kiloweise Papier, schwarz-weiß und farbig und fünfundachtzig Prozent davon fliegt ungelesen in den Altpapiercontainer (laut Statistik des Bundesamtes für Baum- und Leserschutz). Aber erst einmal werden diese gewaltigen Papiermassen Woche für Woche und Tag für Tag auf die Briefkästen der nach Information und Unterhaltung lechzenden Bevölkerung verteilt.

Acht schmale Öffnungen untereinander, dekoriert mit der geballten Ladung an Neuigkeiten, zieren die Front neben unserer Haustür. Meist hängt die brachial hinein gestopfte Zeitungsrolle, welche aus ein wenig lokaler Information, dem Immobilienteil, gedruckten Werbebotschaften und zu dreiviertel aus eingelegten Prospekten besteht, hälftig außen aus dem schlanken Briefschlitz. Wenn der Wind ungünstig steht, ist das Papier bei Regenwetter auch schon mal nass und wird zu einem lustigen bunten Klumpen Pappmache.

Natürlich habe ich auch schon überlegt,
mir eines dieser neckischen Klebeschildchen zu besorgen: BITTE KEINE WERBUNG; vielleicht sogar das, mit der Abbildung eines drohenden fletschenden Säbelzahntigers. Aber das würde auch nicht die Beilagen in den Wochenblättern verhindern. Außerdem bekäme ich dann auch nicht mehr den Prospekt von „Kaufmich“. Nicht das mir die Angebote dort wirklich fehlen würden, ich gehe da eh nur hin, um ab und zu meine Dose „Cappuccino ungesüßt“ zu kaufen. Aber in dem Prospekt ist nicht nur jede Woche ein Rätsel auf der letzten Seite, nein, neuerdings auch eines von diesen Sudoku – Kästchen. Ich bin süchtig nach Sudoku.

Ab September sind die Werbebotschaften auch immer ganz besonders prächtig gestaltet um uns liebevoll aufs Weihnachtsfest einzustimmen. Es ist stets beeindruckend, die rot und golden, zuckersüßen Sinnlosigkeiten in all ihrer Vielfalt jedes Jahr aufs Neue angeboten zu bekommen, nur mit dem Unterschied, dass der Endverbrauchen mehr dafür bezahlt, als die Jahre zuvor. Die Botschaften besagen natürlich das Gegenteil. Und auch wenn der Kunde es gern glaubt, so ein kleiner bohrender Gedanke der Skepsis bleibt. All die Beteuerungen: „Nichts weiter als billig“, „Fast kein Preis“ und „Ungeheuer - niemals teuer“ oder suggestive Schmeicheleien wie „Sei klug im Nu und Greife zu“, kommen immer wieder recht massiv daher um die Kundschaft kollektiv zu becircen. Und auch mir fällt gelegentlich die Entscheidung schwer. Gehe ich lieber zur Einkaufsgruppe „Trallala“ oder zu „Hopsasa“ oder gar zum familienfreundlichen Supermarkt „happyfamily“, die Butter kostet überall das gleiche.

Von Zeit zu Zeit jedoch liegt auch ein echter Brief in dem flachen Fach. Also ich meine einen persönlichen, von einem anderen Menschen exklusiv für mich verfasst. Keine Rechnung oder so ein hochwichtiges Schreiben von Lotteriebetreibern oder eine Einladungen zur Eröffnung des neuen Friseurs um die Ecke oder gar zum Adventkonzert im Senioren – Treff. Nein, ein Umschlag mit handgeschriebener Adresse und richtiger Briefmarke und keinem seelenlosen Stempel in der Ecke.

Der besagte Brief kommt dann meist von meiner Freundin Inge, die ein bisschen JWD (janz weit draußen) wohnt. Sie hat aus Prinzip kein Telefon (man muss nicht ständig erreichbar sein) und aus religiösen Gründen keinen Computer (Teufelswerk). Ihre Korrespondenz mit der Außenwelt holt sie sich einmal die Woche bei der nächsten Postfiliale ab und selbstredend kommt auch kein noch so gut meinender Prospekteausträger bis zu ihr raus.

Heute war es wieder soweit, in meinem Briefkasten, eingeklemmt zwischen vielen bunten Seiten und dem freundlichen Angebot der Kreti - Pleti – Bank meine überflüssigen Millionen zu veruntreu…, äh zu verwalten, lag doch tatsächlich ein handadressierter Brief in meinem zierlichen Kommunikationsaufnahmebehälter.

Erfreut endlich wieder etwas von meiner lieben Freundin Inge zuhören, öffnete ich noch im Treppenhaus den Umschlag. Und was teilt sie mir mit? Ich möchte doch mal bitte im neuen Rinaldi – Prospekt nach sehen, ob es in der nächsten Woche die preiswerten Computer gibt – ach was! Sie wolle sich jetzt doch so einen Zauberkasten zulegen und dann kann sie auch endlich Emails verschicken und wir würden viel öfter von einander hören bzw. lesen.

Schade, dann werde ich wohl gar keinen persönlichen Brief mehr bekommen!


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, November 2007

22. Juli 2010

Global

für die gedichteliebende Irmi


... ich ging durch meinen Garten!
Er war so kahl und leer.
Die Rose, die dort einst blühte,
die gab es längst nicht mehr.
Verschwunden Veilchen, Astern
Narzissen und Löwenmaul,
auf dürren, stachligen Zweigen
lag Schnee nur, dick und faul.

Ich wollt dein Herz erfreuen,
mit Blümelein, so zart!
Den Laden an der Ecke
verzweifelt ich betrat.
Dort standen hunderte Blüten,
die ich sonst nur im Sommer sah.
Ich kauft schnell eine Rose,
sie kam aus Afrika...
Stephanie Gogolin, 22.07.10

21. Juli 2010

Satire die Dritte

Mittagspause

… behutsam trage ich meinen Teller in die Küche Den Tisch habe ich gleich nach dem Kochen vorsichtshalber mit einem weichen Frotteehandtuch ausgelegt und darauf stelle ich andächtig das Geschirr ab. Verflixt, die Gabel kommt ins Rutschen und …im letzten Moment kann ich den drohenden Zwischenfall, in Form eines durchdringenden Schepperns auf den Küchenfliesen, verhindern. Abwasch? Später! Den abgestürzten Grieß aufsaugen - später! Den penetranten Ohrwurm vor mich hin pfeifen – später! Auf weichen Socken verlasse ich die Küche.


Plötzlich erfüllt ein ohrenbetäubendes Dröhnen und Rattern in der Luft. Der Fußboden bebt und das Badfenster klirrt. Ich sprinte zum Balkon – nein, es sind keine Invasionstruppen und auch kein Abrissbagger am Nachbarhaus. Es ist nur der Rasenmähermann!


Der nette ältere Herr, der den so genannten Hausmeisterposten innehat, rückt den, eh schon kurzen Grashalmen, nachdrücklich zu Leibe. Stolz zieht er auf einem dieser niedlichen Kleintrecker, die die Rasenareale kurz halten, seine Runden um das Haus und fährt geschickt auf der großen Grünfläche vor unseren Balkons auf und ab. So was dauert natürlich. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, tatsächlich: Dreizehn Uhr Fünfundvierzig.


Jede die schon mal in einem Mietshaus wohnte, weiß was das heißt! MITTAGSRUHE! Mag es sonst Tag und Nacht munter zugehen in unserem Bienenstock, es gibt eine Ausnahme, die Mittagszeit.


Mit meinem Nachtisch in der Hand (Magermilchjoghurt) lehne mich auf die Balkonbrüstung und harre des Unterhaltungsprogramms, das jetzt gleich beginnen wird.


Die Ouvertüre: In den Häusern gegenüber werden empört nachdrücklich einige Terrassentüren und Fenster geschlossen!


Erster Akt: Die Balkontüren in unserem Haus öffnen sich! Von unten weht Zigarettenrauch nach oben.
„Dass ist doch jedes Mal dasselbe“, dringt jetzt eine scharfe Stimme zu mir herauf.

Ich nicke heftig, kann aber den Mund nicht öffnen, da ich gerade einen großen Löffel Magermilchjoghurt, … na ja was hätte ich auch sagen sollen.


Von links kommt die resolute Kampfansage: „Ich rufe jetzt sofort Frau Schrap – Nehle an, das ist mir ganz egal, ob Mittagszeit oder nicht!“


Von mehreren Seiten Zustimmung und Beifall. Die anderen haben sich inzwischen auch eingefunden.


Eine zaghafte Stimme kommt von nebenan: „Wir können ihr ja am Mittwoch Bescheid sagen.“


(Mittwoch hat die Hausvermieterin von 6.30 bis 11.00 Uhr Sprechzeiten. Sie gehört zu der „Morgenstund hat Gold im Mund“ – Fraktion. Jedenfalls traf mich bei meinem letzten Vorsprechen wegen der nicht funktionstüchtigen Steckdosen, ein vernichtender Blick und die spitze Bemerkung, dass sie jetzt nicht mehr viel Zeit hätte, da sie gleich anfangen müsste zu kochen. Es war bereits Viertel vor Elf, als ich an ihrer Tür schellte)


Die Resolute machte der Zaghaften jedoch klar, dass ein so eklatanter Verstoß gegen die heilige Mittagsruhe die Höchststrafe nach sich ziehen musste und tippte ohne hin zu gucken demonstrativ die Nummer ein. Offensichtlich kannte sie diese im Schlaf. 

 
Zweiter Akt: Unter den giftigen Blicken der versammelten Damen auf ihren Balkonen (außer der geheimnisvollen von links oben) tuckerte der ahnungslose Hausmeister weiter auf und ab, die kleinen Obstbäume dabei elegant umfahrend.

Da, er hält an. Nachdem er umständlich seinen Sitz verlassen hat, kramt er bedächtig das Handy aus der Tasche. Sich ein Ohr zuhaltend, (der Rasenmäher ist so laut) entfernt sich der geplagte Hausmeister von seinem ratternden Gerät und versucht nach einer Weile des Zuhörens seinen Standpunkt nachdrücklich gestikulierend dem Teilnehmer am anderen Ende der Verbindung klar zu machen - die Menge blickt triumphierend bis schadenfroh. Er murrt und knurrt ins Telefon, aber ganz offensichtlich übermittelt Frau Schrap – Nehle dem uneinsichtigen Angestellten den gesamten Unmut der Mieterschar und er knickt ein!


Dritter Akt: Sichtlich verstimmt und ohne uns eines Blickes zu würdigen, schlurft er zu seinem Treckerchen, klettert hinauf und lenkt es bedächtig, aber geschickt an die Seite, dann stellt er endlich die kleine Höllenmaschine ab.


Zufriedenes Gemurmel und allgemeiner Rückzug. Düster vor sich hin starrend lehnt unser aller Hausmeister an seinem Arbeitsgerät und raucht mürrische eine Zigarette.


Ich bringe mein Magermilchjoghurtbecherchen in die Küche und erfreut über Vogelgezwitscher und dem leisen Klingen des Windspiels auf meinem Balkon, setze ich mich an den Schreibtisch. Ach, diese angenehme Mittagsruhe. Ich nehme den Stift in die Hand und …


Finale: ... ein durchdringendes Dröhnen verkündet: Es ist fünfzehn Uhr. Die Mittagszeit ist um!
 

Aber irgendwie geht es doch auch ums Prinzip, oder?


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, Oktober 2007
 
 

16. Juli 2010

Satire die Zweite

Putzig

… haben Sie schon mal in einem Mietshaus mit sieben anderen Frauen zusammen gewohnt?


Also nicht etwa als Familie oder WG. Nein, jede ordentlich in ihrer Wohnung, mehr oder weniger kontaktfreudig und wie es so schön heißt: Alleinstehend.


Wenn frau in ein Haus einzuziehen gedenkt und beim Betreten des Hauses links an der Wand von der umfangreichen Hausordnung begrüßt wird, sollte sie die Wohnungsbesichtigung besser sein lassen. Aber auch hier war meine Blauäugigkeit nicht zu überbieten.

Jedenfalls reichte selbst der pingeligste Zug meiner Jungfrauennatur nicht aus, um mich für die kahle Fleckenlosigkeit des Treppenaufgangs oder der Gemeinschaftsräume in unserem Mietshaus zu begeistern. (Diverse verstaubte Türkränze, welche die unterschiedlichsten Anlässe repräsentierten, mal ausgenommen)


Frauen sind, wie wir alle wissen, hierzulande selbstverständlich sehr reinlich. An einer pedantischen Sternzeichendisposition allein oder an diversen Schulungen durch Ikea– und ähnlichen Katalogen kann es auch nicht liegen. Da Frauen eine wesentlich höhere Sauberkeitsschwelle als Männer haben und oft so überhaupt keine Schmutztoleranz besitzen, müssen sie noch anderen tief greifenden Prägungen in frühster Kindheit ausgesetzt worden sein. Oder besitzen sie gar ein Reinlichkeitsgen?


Wenn in einem Haushalt, neben Mutter und Vater nicht gerade drei Kinder oder mehr leben, ist der durchschnittliche deutsche Haushalt sauber, aufgeräumt und atmet mitunter hygienische Keimfreiheit. Die Haushalte mit drei Kindern und mehr, sind inzwischen ja eher selten geworden. Ob es wohl zu dem Problem bereits Untersuchungen gibt, demzufolge ein kausaler Zusammenhang zwischen Reinlichkeit und Kinderlosigkeit…, aber dieses heikles Thema schiebe ich lieber auf.

 

Als ehemalige amtierende Mutter und jetzige Großmutter on tour, kenne ich mich zwar aus im Putzuniversum, aber ich dachte auch, allein wohnen hat so seine Vorteile. Ich mache kaum Dreck, also hält sich das Beseitigen desselben in Grenzen und ich habe daher Zeit. Viel Zeit, zum Schreiben, zum Lesen, zum Internetsurfen und anderen lautlosen Tätigkeiten.

Natürlich habe ich meine Rechnung ohne die vielen fleißigen Hausfrauen gemacht, die auch in einer vierzig Quadratmeter großen Wohnung eine erfüllende Lebensaufgabe sehen und nebenbei einen gewissen kollektiven Druck auf jede andere Hausmitbewohnerin ausüben. War früher die Farbe Rot in meinem Kalender den wichtigen Terminen, wie Zahnarzt oder Friseur vorbehalten, signalisiert sie mir jetzt ausschließlich den Zeitraum, in dem ich mich der Hausordnung zu widmen habe. 


Da sind zwei große Fenster zu putzen, Treppengeländer und Ränder zu entstauben und nachzuwischen, die Stufen und Treppenabsätze gründlich zu reinigen und zu polieren. Mit reichlich Gerätschaften und Putzmitteln ausgestattet, halte ich mich dann mehrere Stunden im Treppenhaus auf. Gelegentlich nehme ich dafür extra einen Tag frei, wenn ich am Samstag etwas vorhabe. Denn am Sonntag wird der Hausaufgang natürlich nicht geputzt, aber die Aktivitäten in den übrigen Miniwohnungen sind trotzdem gewaltig, irgendein Küchengerät läuft immer.

An einem ganz gewöhnlichen Wochentag fängt zum Beispiel die ohnehin Nachtaktive über mir, in der Regel morgens ab sechs Uhr, zu putzen an. Sie kennt keine Gnade und kein Ausschlafen. Selbst am Sonntag nicht, da kann es aber schon mal sieben werden. Etwa 6.30 Uhr beginnt meine Nachbarin zur Rechten mit ihren ausgiebigen Reinigungsritualen. Ich vermute mal, als Großabnehmerin hat sie bei den Wasserwerken einen separaten Vertrag mit Sonderkonditionen. Während über meinen Balkon, dessen Tür ich listig früh geöffnet habe um die frische Morgenluft hereinzulassen, gegen Acht die ersten Rauchschwaden von Räucherstäbchen (Patschuli) vermischt mit Zigarettenduft hereinziehen, fallen unten die ersten Türen lautstark ins Schloss.


Hatte ich schon erwähnt, dass wir zwar ein blitzblankes, aber dafür lautes Haus sind?


Die nicht berufstätigen Damen gehen einkaufen, die berufstätigen verlassen das Haus eine halbe Stunde später. Jetzt wird die Geheimnisvolle von oben links aktiv. Man bekommt sie zwar quasi nicht zu sehen, aber ab und zu etwas zu hören. So das Übliche, ein bisschen Staubsaugen, gelegentliches Möbelrücken, leises Plätschern vom Blumengießen auf dem Balkon, dann wird die Waschmaschine angestellt.


Und so schlurfe ich täglich vor Tag und Tau unausgeschlafen ins Bad zum Zähnegeputzten, um mir dann, mit halbgeöffneten Augen und zitternden Händen, die erste Tasse Kaffee zuzubereiten. Während ich noch dabei vom Fenster aus die Müllabfuhr beobachte, donnert bereits der erste Besen gegen die Küchenwand, die ans Treppenhaus grenzt. Die nette Grauhaarige von gegenüber habe ich ohnehin schwer in Verdacht, die Treppe in der Woche, in der sie dran ist, mehrmals zu putzen.


Mein Besenschrank jedenfalls ist inzwischen besser sortiert, als mein Kleiderschrank und für biologisch abbaubare Reinigungsmittel bin ich mittlerweile Expertin. Doch bevor ich hier weiter schreibe, werde ich erst mal das neue antistatische Putztuch an Tastatur und Monitor ausprobieren… 



 aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, September 2007

8. Juli 2010

Vorsicht Satire


Frauenhaus

Wider besseres Wissen war ich doch in diese niedliche Wohnung eingezogen. Ach, dieses Fenster, dieser Ausblick in den Himmel, ich werde sitzen und schreiben. Mein Geist wird mit den Vögeln fliegen und Sonnenuntergänge werden mein Tribut an die Musen sein.


Und dann der kleine Balkon vor diesem Fenster. Ich fühlte mich wie an der Reling eines riesigen Schiffes, wenn ich am Geländer stand. Der Wind
spielt in meinem Haar und Möwen….äh Schwalben, durchpflügen das Blau. Was für nette Aussichten in dieser netten kleinen Wohnung.

Es gab allerdings auch ein paar Nachteile, die ich euphorisch, erst einmal verdrängte. Der Umzugstag war besser verlaufen, als ich befürchtet hatte. Beschwingt und froh kam ich nach mehrstündiger Fahrt an und in Hochstimmung übernahm ich mein neues Domizil. Natürlich hätte ich mich vor meiner Entscheidung zu dieser Streichholzschachtel mit Badewanne im Haus doch einmal genauer umsehen können, mal diese oder jene Nachbarin kennen lernen sollen. Oder darauf bestehen, dass die Vermieterin eine ordentliche Wohnungsübergabe macht. Vielleicht hätte ich eine Nacht in der Wohnung Probe schlafen sollen oder so. Aber so bin ich eben, vorher alles 200 % überlegen,
aber das Wesentliche übersehen.

Ein Haus voller Frauen, was sollte da schon schief gehen, dachte ich! 
Alle ordentlich, nett, rücksichtsvoll, vielleicht sogar zur gegenseitige Hilfe geneigt und, was wir Frauen besonders mögen, zur kommunikative Gemeinsamkeit bereit. Nach einem Tag wusste ich es besser! Ich hatte mich in grenzenlosem Enthusiasmus und Naivität anscheinend in einer Mischung aus einer Art Altenheim und Psychoklinik eingemietet. So nach und nach lernte ich die wahren Nachteile erst wirklich kennen.

Hellhörig ist für den Bau aus den Anfängen der Siebziger eine eher schmeichelhafte Bezeichnungen. Um die ausgesprochen gute Akustik könnte so manches Tonstudio oder gar ein Konzertsaal dieses Gemäuer beneiden. Der Architekt muss bei den alten Meistern gelernt haben, die noch wussten, wie man eine Kirche baut, in der das geflüsterte Wort von der Kanzel in allen Ecken des imposanten Gebäudes gut zu verstehen war. Unser Treppenhaus braucht jedenfalls diesbezüglich keinen Vergleich zu scheuen.


Die Wohnwaben in diesem Haus erfüllten wohl noch einen besonderen Zweck. Als sogenannte Altenwohnungen in den Jahren des Entstehens konzipiert, sind sie klein und abgeschlossen, jedoch offen für Austausch aller Art. Zumindest ist es kein Problem am Leben der Anderen intensiv teilzunehmen.


Sie haben keine Familie? Keine Lust mehr auf ein Singledasein oder Angst vor Einsamkeit?
Alles kein Problem! In unserem Haus sind alle ein große glückliche WG. Keine entgeht dem morgendlichen Aufstehen der von oben drüber oder unten drunter, dem Hausputz oder der großen Wäsche, dem Nachmittagskaffeebesuch oder der Zigarette auf dem Balkon.

Und so stand ich am Abend meines ersten Tages inmitten meiner Kartons und Möbelteile, als es an der Tür klingelte.
Ich kramte mich bis zur Wohnungstür durch und öffnete. Draußen stand eine nervöse Schlanke und stellte sich als meine Nachbarin vor. Unter dem Arm geklemmt hatte sie mehrere Bücher, in der Hand ein paar Zettel, die einen offiziellen Eindruck machten. Während ich noch versuchte meinen Kartonwolkenkratzer zu stabilisieren, den ich unvorsichtigerweise ins Wanken gebracht hatte, begann meine Besucherin mir ihre Krankengeschichte zu erzählen, während sie versuchte, sich in meine Wohnung zu drängen. Dabei untermauerte sie ihren Vortrag mit Hinweisen auf diverse Fachliteratur oder wies auf die Attesten ihrer Ärzte hin.

Während ich mit dem Po die Kartons festhielt und
den Staubsaugerschlauch von meinem Fuß zu schütteln versuchte, heuchelte ich abwechselnd Betroffenheit und Verständnis. Zumindest das letztere hätte ich lassen sollen. Drei Tage später hatten mich die anderen Mitbewohnerinnen, besonders die zwei älteren Damen von ganz unten über die Nachbarin aufgeklärt, welche seit Jahren alle im Haus mit ihren ganz persönlichen Ansichten über das Leben tyrannisierte und ständig mit ihren Forderungen nach Rücksicht und Schonung hausieren ging.

Doch trotz der unüberhörbaren Nähe, sind die Anderen alle ganz nett und ich gewöhnte mich langsam an sie. Es ist für wahr eine bunte Mischung.


Süß sind die beiden älteren Damen, die im Erdgeschoss wohnen. Die eine über Achtzig, die andere bereits Neunzig und noch gut beieinander, wie man so sagt. Sie sind immer für eine Auskunft gut oder für ein paar Tipps, wie frau hier in dieser Ansammlung von fleißigen Bienchen ihren Alltag übersteht. Wobei ich sie in Verdacht habe, dass sie beide etwas schwer hören, jedenfalls entnehme ich das den merkwürdigen Antworten, die ich mitunter auf meine Fragen bekomme.


Außerdem gibt es in diesem Haus ein grauer Schatten, der, in weibliche Konturen gehüllt ab und zu an mir vorbeihaucht, dafür aber sehr nachtaktiv ist. Leider wohnt sie über mir und renoviert einmal wöchentlich ihre Gemächer. Anders kann ich mir das nächtliche Rumoren, Schaben und Poltern nicht erklären.


Interessant ist ebenfalls die, die unter mir wohnt, mit Henna gefärbten Haar und reichlich Ketten um den Hals. Dann und wann treffe ich sie vormittags, wenn sie mit ihrer Basttasche vom Bioladen kommt. Außerdem ist sie Kettenraucherin mit intensiven Hustenanfällen. Sie hat oft und gern Besuch von gleichgesinnten Genießerinnen und so ist mir über Stunden der Aufenthalt auf meinem Balkon oder das Öffnen der dazu gehörigen Tür verwehrt.
Aber neuerdings wurde ja für die Gaststätten unseres Bundeslands das Rauchverbot ausgerufen. Also verbringe ich täglich drei bis vier Stunden in der kleinen Konditorei an der Ecke, dort bin auch so gut wie allein und es ist sehr ruhig. Zwar kann ich Sahnetorten jetzt nicht mehr sehen (hab ich mal geliebt) und vom Kaffeegenuss schlafe ich nachts nicht (aber was soll, die private Disco im Haus gegenüber verhindert das ohnehin dreimal in der Woche) und ich bin ständig pleite (dafür ist die Wohnung recht preiswert).

Eine der Mitbewohnerinnen habe ich allerdings noch nie zu Gesicht bekommen, scheinbar hat sie noch niemand gesehen, gelegentlich bewegt sich die Gardine hinter ihren Fenstern. Ach ja und dann gibt es noch jene, die streng über die Reinigung des Treppenhauses wacht.


Und so liegt auch heute wieder ein harter Tag liegt hinter mir. 

Nach dem zwanzigsten halbstündigen Wasserspiel meiner Nachbarin mit Waschzwang, habe ich dann doch einmal mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Einmal wagte ich nach Mitternacht an die Wand zu klopfen, da ich hoffte, sie daran zu erinnern, dass jetzt wieder jemand in der Nachbarwohnung wohnt. Das traue ich mich nicht mehr. Meine Bilder habe ich noch nicht aufgehängt und am Abend verzichte ich auf das Jagen von Mücken, seit sie mir sofort in den Morgenstunden ein Briefchen an die Wohnungstür klebte, mit dem Hinweis, dass sie von meiner „ständigen“ Klopferei Migräne bekommt, aber sonst wirklich nichts gegen mich persönlich hat.

Ich sitze nun leicht benommen an meinem Schreibtisch und schließe mein Tagewerk ab. Eine halbe Seite Text, den man durchgehen lassen kann und ein große Papiertüte voll mit geschreddertem konfusen Geschreibsel, das eigentlich ein Buch werden sollten. Es ist zwanzig Uhr! Ich sehne den Moment herbei, in dem jede Bewohnerin dieses Irrenhauses ihre Küche auf Vordermann gebracht hat, alle die Balkontür, die zum abendlichen Lüften geöffnet wurden, mit Nachdruck geschlossen werden und das, für mich undefinierbare, Möbelrücken ein Ende nimmt.


Ich hüpfe stattdessen zum Ausgleich auf einem Bein bis ins Bad, wo ich dreimal hintereinander die Toilettenspülung betätige. Dann klappere ich in der Küche ein wenig in meinem Geschirrfach herum und lass den Mixer zehn Minuten laufen, um meine Quote des häuslichen Emsigseins für die anderen hörbar etwas anzuheben. Nach fünfundzwanzigminütigem Duschen, untere Hausnormgrenze, sitze ich auf meiner Bettkante und ziehe mir noch eine besonders harte Stelle eines Actionfilm rein. Dessen Action
jedoch lächerlich ist, gegen die Betriebsamkeit in unserem Haus. Die Explosionen stelle ich jetzt immer noch ein wenig lauter, seit der Raucherhusten der esoterischen Rothaarigen unter mir schlimmer geworden ist. 

Wirklich einschlafen kann ich natürlich auch erst, wenn alle Damen im Haus des Nachts einmal pullern waren, gezogen und sich die Hände gewaschen haben. 


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung 

Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, August 2007