10. Juli 2018
Seit gestern bin ich unsichtbar...
Bereits seit Tagen, so etwa ab meinem 66 Geburtstag, hege ich den Verdacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Eine Zeitlang muss ich wenigstens noch als Schemen wahrnehmbar gewesen sein, denn ich bekam ab und zu eine direkte Antworten und manchmal erfolgte auch ein Blick in meine Richtung. Das hat sich jetzt wohl endgültig geändert. Seit gestern komme ich mir vor, als trüge ich eine Tarnkappe.
Es fiel mir auf, als ich meine Wohnungstür geräuschvoll schloss und trotzdem von der Nachbarin, die das Treppenhausfenster putzte, nicht gesehen wurde. Und da war noch die Briefträgerin an der Haustür, die meine Post in den Kasten stopfte, obwohl ich unmittelbar daneben stand. Im Bus angerempelt zu werden, war ich ja schon gewohnt. Aber richtig schräg wurde es, als ein Pulk schwatzender Jugendliche den Bus enterte und sich einer auf den Sitzplatz werfen wollte, auf dem ich bereits saß. Da ich ohnehin an der nächsten Haltestelle aussteigen musste, stand ich auf und ging zur Tür. Er fiel auf den Sitz, ohne mich bemerkt zu haben.
Mein Arzttermin, zu dem ich mich begeben hatte, ging ruckzuck. Mein langjähriger Arzt begrüßte mich mit freundlichen Worte, ohne den Blick von meiner Krankenakte auf dem Monitor zu nehmen. Er nickte zustimmend zu meinen Ausführungen, während seine Finger weiter über die Tastatur huschte. Er stellte ein Rezept aus und gab es der Sprechstundenhilfe. Diese wiederum legte es am Empfang zusammen mit dem Zettelchen, auf dem der nächste Termin vermerkt war, vor mich hin, während sie weiter telefonierte. Bei ihrem „Auf Wiedersehen“ war mir nicht klar, ob der Gruss mir galt oder dem Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Verbindung.
Auf dem Heimweg durch den Stadtpark (ich hatte beschlossen zu laufen, um meine Gedanken zu ordnen), kam mir ein Trupp junger Männer entgegen. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe immer ein leicht mulmiges Gefühl, wenn eine Gruppe Jungs, womöglich mit eindeutiger Nahostherkunft, in einer stillen Straße auf mich zukommt. Aber sie gingen ungerührt um mich herum. Klar, es war ein wenig eng, aber keiner von ihnen schien mich wahrzunehmen. Schwadronierend schlenderten sie weiter. Ein wenig verwirrt betrat ich die vor mir auftauchende kleine Bäckerei. Die Verkäuferin, die eben noch lächelnd mit dem Kunden vor mir scherzte, legte nun mit leerem Blick die Brötchentüte auf den Tresen und strich das abgezählte Geld ein. Dann schob mich die nächste Kundin weiter.
Heute morgen nun schien sich nichts geändert zu haben. Der Paketbote hielt mir, auf die Wand starrend, das Gerät zur Unterschrift hin und ging grußlos die Treppe hinab. Der Handwerker, der sich schon vor drei Tagen angekündigt hatte, betrat nach dem Türöffnen stracks mein Bad und begann zu werkeln. Meinen Scherz, „Ach, da sind sie ja schon!“, quittierte er mit einem vagen Lächeln. Wahrscheinlich konnte er sich nicht erklären woher die Stimme kam.
Für mich stand heute noch ein wichtiger Termin an. Diesmal fuhr ich mit dem Auto zu einer weit entfernt liegenden Behörde. Ich stand geduldig in der Warteschlange und als ich endlich an der Reihe war, mahnte die Frau hinter dem Schalter „Der Nächste bitte...“, ohne zu bemerken, dass ich direkt vor ihr stand. Ich trug mein Anliegen vor und die Sachbearbeiterin schloss daraus, dass da jemand sein musste. Sie rückte ihre Brille gerade und starrte angestrengt durch das Kundenfenster, jedoch ohne mich wirklich zu sehen. Ich erklärte die näheren Umstände meiner Beschwerde (zu hören war ich offensichtlich noch) und bekam ein Formular zu geschoben, das ich ausfüllen und einschicken sollte. „Der Nächste bitte!“
Als jedoch ein paar Minuten später, auf dem Parkplatz vor dem Behördenzentrum, jemand mit Schwung rückwärts ausparkte und mein kleines Auto touchierte, dachte ich nur noch, während ich dem davon brausenden Fahrer hinterher sah: "Verdammt! Jetzt ist auch noch mein Auto unsichtbar."
11. April 2018
aus dem geheimen Kodex der Kobolde
1. April 2018
Erinnerung
Ein Leben lang kann ich nicht warten,
das sah ich endlich schmerzlich ein;
ich packe meine Siebensachen
und lebe erst einmal allein.
Ich packe ein,
die Hoffnung und die Sehnsucht,
falte sie sorgsam, ordentlich.
Ich weiß, ich werde sie noch brauchen,
zurzeit sind sie fast hinderlich.
Ein Stückchen Hoffnung
steck ich in die Tasche,
damit es schon mal greifbar ist.
An dem Beginn des neuen Lebens
genügt es für die erste Frist.
Das Bündel der verlorenen Jahre
füllt fast den ganzen Koffer aus.
„Ballast“, ich sollt ihn liegen lassen
und doch trag ich ihn mit hinaus.
Die Tränen fließen so dazwischen,
in Ecken ist noch Platz genug,
ich nehm sie mit, sie sind die Mahner
vor jedem neuen Selbstbetrug.
Die Träume, sie sind sehr zerknittert,
brauchen viel Pflege, doch nicht jetzt.
Erst später werde ich sie sichten,
heut bin ich noch zu sehr verletzt.
Den Glauben meiner fernen Kindheit
verlor ich, doch das macht mich frei,
für neues Wissen und Erkennen,
ich fühl mich froh und leicht dabei.
Er ist randvoll mein kleiner Koffer,
die Liebe passt nicht mehr hinein.
Ich zieh sie an, sie wird mich wärmen,
mein Schutz vor Menschenkälte sein.
Ein letzter Blick noch in die Runde,
und weiß der Abschied ist für immer,
wenn ich jetzt endgültig gehe,
bleibt nur zurück ein leeres Zimmer.
Dezember 1992
8. September 2017
für meine Tochter
oder durch die Schatten fliehst.
Ob der Stab gebrochen wird
oder dein Schicksal: Nova ist;
nichts kann dich hemmen oder binden.
Selbst hinter Mauern bist du frei.
es ist kein Risiko dabei.
Greif einfach mutig in die Flamme,
verwebe Dunkelheit und Licht
und achte nicht auf Neid und Warnung:
Im eignen Stern verbrennst du nicht.
Stephanie Ursula Gogolin
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