22. Juli 2010

Global

für die gedichteliebende Irmi


... ich ging durch meinen Garten!
Er war so kahl und leer.
Die Rose, die dort einst blühte,
die gab es längst nicht mehr.
Verschwunden Veilchen, Astern
Narzissen und Löwenmaul,
auf dürren, stachligen Zweigen
lag Schnee nur, dick und faul.

Ich wollt dein Herz erfreuen,
mit Blümelein, so zart!
Den Laden an der Ecke
verzweifelt ich betrat.
Dort standen hunderte Blüten,
die ich sonst nur im Sommer sah.
Ich kauft schnell eine Rose,
sie kam aus Afrika...
Stephanie Gogolin, 22.07.10

21. Juli 2010

Satire die Dritte

Mittagspause

… behutsam trage ich meinen Teller in die Küche Den Tisch habe ich gleich nach dem Kochen vorsichtshalber mit einem weichen Frotteehandtuch ausgelegt und darauf stelle ich andächtig das Geschirr ab. Verflixt, die Gabel kommt ins Rutschen und …im letzten Moment kann ich den drohenden Zwischenfall, in Form eines durchdringenden Schepperns auf den Küchenfliesen, verhindern. Abwasch? Später! Den abgestürzten Grieß aufsaugen - später! Den penetranten Ohrwurm vor mich hin pfeifen – später! Auf weichen Socken verlasse ich die Küche.


Plötzlich erfüllt ein ohrenbetäubendes Dröhnen und Rattern in der Luft. Der Fußboden bebt und das Badfenster klirrt. Ich sprinte zum Balkon – nein, es sind keine Invasionstruppen und auch kein Abrissbagger am Nachbarhaus. Es ist nur der Rasenmähermann!


Der nette ältere Herr, der den so genannten Hausmeisterposten innehat, rückt den, eh schon kurzen Grashalmen, nachdrücklich zu Leibe. Stolz zieht er auf einem dieser niedlichen Kleintrecker, die die Rasenareale kurz halten, seine Runden um das Haus und fährt geschickt auf der großen Grünfläche vor unseren Balkons auf und ab. So was dauert natürlich. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, tatsächlich: Dreizehn Uhr Fünfundvierzig.


Jede die schon mal in einem Mietshaus wohnte, weiß was das heißt! MITTAGSRUHE! Mag es sonst Tag und Nacht munter zugehen in unserem Bienenstock, es gibt eine Ausnahme, die Mittagszeit.


Mit meinem Nachtisch in der Hand (Magermilchjoghurt) lehne mich auf die Balkonbrüstung und harre des Unterhaltungsprogramms, das jetzt gleich beginnen wird.


Die Ouvertüre: In den Häusern gegenüber werden empört nachdrücklich einige Terrassentüren und Fenster geschlossen!


Erster Akt: Die Balkontüren in unserem Haus öffnen sich! Von unten weht Zigarettenrauch nach oben.
„Dass ist doch jedes Mal dasselbe“, dringt jetzt eine scharfe Stimme zu mir herauf.

Ich nicke heftig, kann aber den Mund nicht öffnen, da ich gerade einen großen Löffel Magermilchjoghurt, … na ja was hätte ich auch sagen sollen.


Von links kommt die resolute Kampfansage: „Ich rufe jetzt sofort Frau Schrap – Nehle an, das ist mir ganz egal, ob Mittagszeit oder nicht!“


Von mehreren Seiten Zustimmung und Beifall. Die anderen haben sich inzwischen auch eingefunden.


Eine zaghafte Stimme kommt von nebenan: „Wir können ihr ja am Mittwoch Bescheid sagen.“


(Mittwoch hat die Hausvermieterin von 6.30 bis 11.00 Uhr Sprechzeiten. Sie gehört zu der „Morgenstund hat Gold im Mund“ – Fraktion. Jedenfalls traf mich bei meinem letzten Vorsprechen wegen der nicht funktionstüchtigen Steckdosen, ein vernichtender Blick und die spitze Bemerkung, dass sie jetzt nicht mehr viel Zeit hätte, da sie gleich anfangen müsste zu kochen. Es war bereits Viertel vor Elf, als ich an ihrer Tür schellte)


Die Resolute machte der Zaghaften jedoch klar, dass ein so eklatanter Verstoß gegen die heilige Mittagsruhe die Höchststrafe nach sich ziehen musste und tippte ohne hin zu gucken demonstrativ die Nummer ein. Offensichtlich kannte sie diese im Schlaf. 

 
Zweiter Akt: Unter den giftigen Blicken der versammelten Damen auf ihren Balkonen (außer der geheimnisvollen von links oben) tuckerte der ahnungslose Hausmeister weiter auf und ab, die kleinen Obstbäume dabei elegant umfahrend.

Da, er hält an. Nachdem er umständlich seinen Sitz verlassen hat, kramt er bedächtig das Handy aus der Tasche. Sich ein Ohr zuhaltend, (der Rasenmäher ist so laut) entfernt sich der geplagte Hausmeister von seinem ratternden Gerät und versucht nach einer Weile des Zuhörens seinen Standpunkt nachdrücklich gestikulierend dem Teilnehmer am anderen Ende der Verbindung klar zu machen - die Menge blickt triumphierend bis schadenfroh. Er murrt und knurrt ins Telefon, aber ganz offensichtlich übermittelt Frau Schrap – Nehle dem uneinsichtigen Angestellten den gesamten Unmut der Mieterschar und er knickt ein!


Dritter Akt: Sichtlich verstimmt und ohne uns eines Blickes zu würdigen, schlurft er zu seinem Treckerchen, klettert hinauf und lenkt es bedächtig, aber geschickt an die Seite, dann stellt er endlich die kleine Höllenmaschine ab.


Zufriedenes Gemurmel und allgemeiner Rückzug. Düster vor sich hin starrend lehnt unser aller Hausmeister an seinem Arbeitsgerät und raucht mürrische eine Zigarette.


Ich bringe mein Magermilchjoghurtbecherchen in die Küche und erfreut über Vogelgezwitscher und dem leisen Klingen des Windspiels auf meinem Balkon, setze ich mich an den Schreibtisch. Ach, diese angenehme Mittagsruhe. Ich nehme den Stift in die Hand und …


Finale: ... ein durchdringendes Dröhnen verkündet: Es ist fünfzehn Uhr. Die Mittagszeit ist um!
 

Aber irgendwie geht es doch auch ums Prinzip, oder?


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, Oktober 2007
 
 

16. Juli 2010

Satire die Zweite

Putzig

… haben Sie schon mal in einem Mietshaus mit sieben anderen Frauen zusammen gewohnt?


Also nicht etwa als Familie oder WG. Nein, jede ordentlich in ihrer Wohnung, mehr oder weniger kontaktfreudig und wie es so schön heißt: Alleinstehend.


Wenn frau in ein Haus einzuziehen gedenkt und beim Betreten des Hauses links an der Wand von der umfangreichen Hausordnung begrüßt wird, sollte sie die Wohnungsbesichtigung besser sein lassen. Aber auch hier war meine Blauäugigkeit nicht zu überbieten.

Jedenfalls reichte selbst der pingeligste Zug meiner Jungfrauennatur nicht aus, um mich für die kahle Fleckenlosigkeit des Treppenaufgangs oder der Gemeinschaftsräume in unserem Mietshaus zu begeistern. (Diverse verstaubte Türkränze, welche die unterschiedlichsten Anlässe repräsentierten, mal ausgenommen)


Frauen sind, wie wir alle wissen, hierzulande selbstverständlich sehr reinlich. An einer pedantischen Sternzeichendisposition allein oder an diversen Schulungen durch Ikea– und ähnlichen Katalogen kann es auch nicht liegen. Da Frauen eine wesentlich höhere Sauberkeitsschwelle als Männer haben und oft so überhaupt keine Schmutztoleranz besitzen, müssen sie noch anderen tief greifenden Prägungen in frühster Kindheit ausgesetzt worden sein. Oder besitzen sie gar ein Reinlichkeitsgen?


Wenn in einem Haushalt, neben Mutter und Vater nicht gerade drei Kinder oder mehr leben, ist der durchschnittliche deutsche Haushalt sauber, aufgeräumt und atmet mitunter hygienische Keimfreiheit. Die Haushalte mit drei Kindern und mehr, sind inzwischen ja eher selten geworden. Ob es wohl zu dem Problem bereits Untersuchungen gibt, demzufolge ein kausaler Zusammenhang zwischen Reinlichkeit und Kinderlosigkeit…, aber dieses heikles Thema schiebe ich lieber auf.

 

Als ehemalige amtierende Mutter und jetzige Großmutter on tour, kenne ich mich zwar aus im Putzuniversum, aber ich dachte auch, allein wohnen hat so seine Vorteile. Ich mache kaum Dreck, also hält sich das Beseitigen desselben in Grenzen und ich habe daher Zeit. Viel Zeit, zum Schreiben, zum Lesen, zum Internetsurfen und anderen lautlosen Tätigkeiten.

Natürlich habe ich meine Rechnung ohne die vielen fleißigen Hausfrauen gemacht, die auch in einer vierzig Quadratmeter großen Wohnung eine erfüllende Lebensaufgabe sehen und nebenbei einen gewissen kollektiven Druck auf jede andere Hausmitbewohnerin ausüben. War früher die Farbe Rot in meinem Kalender den wichtigen Terminen, wie Zahnarzt oder Friseur vorbehalten, signalisiert sie mir jetzt ausschließlich den Zeitraum, in dem ich mich der Hausordnung zu widmen habe. 


Da sind zwei große Fenster zu putzen, Treppengeländer und Ränder zu entstauben und nachzuwischen, die Stufen und Treppenabsätze gründlich zu reinigen und zu polieren. Mit reichlich Gerätschaften und Putzmitteln ausgestattet, halte ich mich dann mehrere Stunden im Treppenhaus auf. Gelegentlich nehme ich dafür extra einen Tag frei, wenn ich am Samstag etwas vorhabe. Denn am Sonntag wird der Hausaufgang natürlich nicht geputzt, aber die Aktivitäten in den übrigen Miniwohnungen sind trotzdem gewaltig, irgendein Küchengerät läuft immer.

An einem ganz gewöhnlichen Wochentag fängt zum Beispiel die ohnehin Nachtaktive über mir, in der Regel morgens ab sechs Uhr, zu putzen an. Sie kennt keine Gnade und kein Ausschlafen. Selbst am Sonntag nicht, da kann es aber schon mal sieben werden. Etwa 6.30 Uhr beginnt meine Nachbarin zur Rechten mit ihren ausgiebigen Reinigungsritualen. Ich vermute mal, als Großabnehmerin hat sie bei den Wasserwerken einen separaten Vertrag mit Sonderkonditionen. Während über meinen Balkon, dessen Tür ich listig früh geöffnet habe um die frische Morgenluft hereinzulassen, gegen Acht die ersten Rauchschwaden von Räucherstäbchen (Patschuli) vermischt mit Zigarettenduft hereinziehen, fallen unten die ersten Türen lautstark ins Schloss.


Hatte ich schon erwähnt, dass wir zwar ein blitzblankes, aber dafür lautes Haus sind?


Die nicht berufstätigen Damen gehen einkaufen, die berufstätigen verlassen das Haus eine halbe Stunde später. Jetzt wird die Geheimnisvolle von oben links aktiv. Man bekommt sie zwar quasi nicht zu sehen, aber ab und zu etwas zu hören. So das Übliche, ein bisschen Staubsaugen, gelegentliches Möbelrücken, leises Plätschern vom Blumengießen auf dem Balkon, dann wird die Waschmaschine angestellt.


Und so schlurfe ich täglich vor Tag und Tau unausgeschlafen ins Bad zum Zähnegeputzten, um mir dann, mit halbgeöffneten Augen und zitternden Händen, die erste Tasse Kaffee zuzubereiten. Während ich noch dabei vom Fenster aus die Müllabfuhr beobachte, donnert bereits der erste Besen gegen die Küchenwand, die ans Treppenhaus grenzt. Die nette Grauhaarige von gegenüber habe ich ohnehin schwer in Verdacht, die Treppe in der Woche, in der sie dran ist, mehrmals zu putzen.


Mein Besenschrank jedenfalls ist inzwischen besser sortiert, als mein Kleiderschrank und für biologisch abbaubare Reinigungsmittel bin ich mittlerweile Expertin. Doch bevor ich hier weiter schreibe, werde ich erst mal das neue antistatische Putztuch an Tastatur und Monitor ausprobieren… 



 aus der Reihe: Meine kleine Wohnung
Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, September 2007

8. Juli 2010

Vorsicht Satire


Frauenhaus

Wider besseres Wissen war ich doch in diese niedliche Wohnung eingezogen. Ach, dieses Fenster, dieser Ausblick in den Himmel, ich werde sitzen und schreiben. Mein Geist wird mit den Vögeln fliegen und Sonnenuntergänge werden mein Tribut an die Musen sein.


Und dann der kleine Balkon vor diesem Fenster. Ich fühlte mich wie an der Reling eines riesigen Schiffes, wenn ich am Geländer stand. Der Wind
spielt in meinem Haar und Möwen….äh Schwalben, durchpflügen das Blau. Was für nette Aussichten in dieser netten kleinen Wohnung.

Es gab allerdings auch ein paar Nachteile, die ich euphorisch, erst einmal verdrängte. Der Umzugstag war besser verlaufen, als ich befürchtet hatte. Beschwingt und froh kam ich nach mehrstündiger Fahrt an und in Hochstimmung übernahm ich mein neues Domizil. Natürlich hätte ich mich vor meiner Entscheidung zu dieser Streichholzschachtel mit Badewanne im Haus doch einmal genauer umsehen können, mal diese oder jene Nachbarin kennen lernen sollen. Oder darauf bestehen, dass die Vermieterin eine ordentliche Wohnungsübergabe macht. Vielleicht hätte ich eine Nacht in der Wohnung Probe schlafen sollen oder so. Aber so bin ich eben, vorher alles 200 % überlegen,
aber das Wesentliche übersehen.

Ein Haus voller Frauen, was sollte da schon schief gehen, dachte ich! 
Alle ordentlich, nett, rücksichtsvoll, vielleicht sogar zur gegenseitige Hilfe geneigt und, was wir Frauen besonders mögen, zur kommunikative Gemeinsamkeit bereit. Nach einem Tag wusste ich es besser! Ich hatte mich in grenzenlosem Enthusiasmus und Naivität anscheinend in einer Mischung aus einer Art Altenheim und Psychoklinik eingemietet. So nach und nach lernte ich die wahren Nachteile erst wirklich kennen.

Hellhörig ist für den Bau aus den Anfängen der Siebziger eine eher schmeichelhafte Bezeichnungen. Um die ausgesprochen gute Akustik könnte so manches Tonstudio oder gar ein Konzertsaal dieses Gemäuer beneiden. Der Architekt muss bei den alten Meistern gelernt haben, die noch wussten, wie man eine Kirche baut, in der das geflüsterte Wort von der Kanzel in allen Ecken des imposanten Gebäudes gut zu verstehen war. Unser Treppenhaus braucht jedenfalls diesbezüglich keinen Vergleich zu scheuen.


Die Wohnwaben in diesem Haus erfüllten wohl noch einen besonderen Zweck. Als sogenannte Altenwohnungen in den Jahren des Entstehens konzipiert, sind sie klein und abgeschlossen, jedoch offen für Austausch aller Art. Zumindest ist es kein Problem am Leben der Anderen intensiv teilzunehmen.


Sie haben keine Familie? Keine Lust mehr auf ein Singledasein oder Angst vor Einsamkeit?
Alles kein Problem! In unserem Haus sind alle ein große glückliche WG. Keine entgeht dem morgendlichen Aufstehen der von oben drüber oder unten drunter, dem Hausputz oder der großen Wäsche, dem Nachmittagskaffeebesuch oder der Zigarette auf dem Balkon.

Und so stand ich am Abend meines ersten Tages inmitten meiner Kartons und Möbelteile, als es an der Tür klingelte.
Ich kramte mich bis zur Wohnungstür durch und öffnete. Draußen stand eine nervöse Schlanke und stellte sich als meine Nachbarin vor. Unter dem Arm geklemmt hatte sie mehrere Bücher, in der Hand ein paar Zettel, die einen offiziellen Eindruck machten. Während ich noch versuchte meinen Kartonwolkenkratzer zu stabilisieren, den ich unvorsichtigerweise ins Wanken gebracht hatte, begann meine Besucherin mir ihre Krankengeschichte zu erzählen, während sie versuchte, sich in meine Wohnung zu drängen. Dabei untermauerte sie ihren Vortrag mit Hinweisen auf diverse Fachliteratur oder wies auf die Attesten ihrer Ärzte hin.

Während ich mit dem Po die Kartons festhielt und
den Staubsaugerschlauch von meinem Fuß zu schütteln versuchte, heuchelte ich abwechselnd Betroffenheit und Verständnis. Zumindest das letztere hätte ich lassen sollen. Drei Tage später hatten mich die anderen Mitbewohnerinnen, besonders die zwei älteren Damen von ganz unten über die Nachbarin aufgeklärt, welche seit Jahren alle im Haus mit ihren ganz persönlichen Ansichten über das Leben tyrannisierte und ständig mit ihren Forderungen nach Rücksicht und Schonung hausieren ging.

Doch trotz der unüberhörbaren Nähe, sind die Anderen alle ganz nett und ich gewöhnte mich langsam an sie. Es ist für wahr eine bunte Mischung.


Süß sind die beiden älteren Damen, die im Erdgeschoss wohnen. Die eine über Achtzig, die andere bereits Neunzig und noch gut beieinander, wie man so sagt. Sie sind immer für eine Auskunft gut oder für ein paar Tipps, wie frau hier in dieser Ansammlung von fleißigen Bienchen ihren Alltag übersteht. Wobei ich sie in Verdacht habe, dass sie beide etwas schwer hören, jedenfalls entnehme ich das den merkwürdigen Antworten, die ich mitunter auf meine Fragen bekomme.


Außerdem gibt es in diesem Haus ein grauer Schatten, der, in weibliche Konturen gehüllt ab und zu an mir vorbeihaucht, dafür aber sehr nachtaktiv ist. Leider wohnt sie über mir und renoviert einmal wöchentlich ihre Gemächer. Anders kann ich mir das nächtliche Rumoren, Schaben und Poltern nicht erklären.


Interessant ist ebenfalls die, die unter mir wohnt, mit Henna gefärbten Haar und reichlich Ketten um den Hals. Dann und wann treffe ich sie vormittags, wenn sie mit ihrer Basttasche vom Bioladen kommt. Außerdem ist sie Kettenraucherin mit intensiven Hustenanfällen. Sie hat oft und gern Besuch von gleichgesinnten Genießerinnen und so ist mir über Stunden der Aufenthalt auf meinem Balkon oder das Öffnen der dazu gehörigen Tür verwehrt.
Aber neuerdings wurde ja für die Gaststätten unseres Bundeslands das Rauchverbot ausgerufen. Also verbringe ich täglich drei bis vier Stunden in der kleinen Konditorei an der Ecke, dort bin auch so gut wie allein und es ist sehr ruhig. Zwar kann ich Sahnetorten jetzt nicht mehr sehen (hab ich mal geliebt) und vom Kaffeegenuss schlafe ich nachts nicht (aber was soll, die private Disco im Haus gegenüber verhindert das ohnehin dreimal in der Woche) und ich bin ständig pleite (dafür ist die Wohnung recht preiswert).

Eine der Mitbewohnerinnen habe ich allerdings noch nie zu Gesicht bekommen, scheinbar hat sie noch niemand gesehen, gelegentlich bewegt sich die Gardine hinter ihren Fenstern. Ach ja und dann gibt es noch jene, die streng über die Reinigung des Treppenhauses wacht.


Und so liegt auch heute wieder ein harter Tag liegt hinter mir. 

Nach dem zwanzigsten halbstündigen Wasserspiel meiner Nachbarin mit Waschzwang, habe ich dann doch einmal mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Einmal wagte ich nach Mitternacht an die Wand zu klopfen, da ich hoffte, sie daran zu erinnern, dass jetzt wieder jemand in der Nachbarwohnung wohnt. Das traue ich mich nicht mehr. Meine Bilder habe ich noch nicht aufgehängt und am Abend verzichte ich auf das Jagen von Mücken, seit sie mir sofort in den Morgenstunden ein Briefchen an die Wohnungstür klebte, mit dem Hinweis, dass sie von meiner „ständigen“ Klopferei Migräne bekommt, aber sonst wirklich nichts gegen mich persönlich hat.

Ich sitze nun leicht benommen an meinem Schreibtisch und schließe mein Tagewerk ab. Eine halbe Seite Text, den man durchgehen lassen kann und ein große Papiertüte voll mit geschreddertem konfusen Geschreibsel, das eigentlich ein Buch werden sollten. Es ist zwanzig Uhr! Ich sehne den Moment herbei, in dem jede Bewohnerin dieses Irrenhauses ihre Küche auf Vordermann gebracht hat, alle die Balkontür, die zum abendlichen Lüften geöffnet wurden, mit Nachdruck geschlossen werden und das, für mich undefinierbare, Möbelrücken ein Ende nimmt.


Ich hüpfe stattdessen zum Ausgleich auf einem Bein bis ins Bad, wo ich dreimal hintereinander die Toilettenspülung betätige. Dann klappere ich in der Küche ein wenig in meinem Geschirrfach herum und lass den Mixer zehn Minuten laufen, um meine Quote des häuslichen Emsigseins für die anderen hörbar etwas anzuheben. Nach fünfundzwanzigminütigem Duschen, untere Hausnormgrenze, sitze ich auf meiner Bettkante und ziehe mir noch eine besonders harte Stelle eines Actionfilm rein. Dessen Action
jedoch lächerlich ist, gegen die Betriebsamkeit in unserem Haus. Die Explosionen stelle ich jetzt immer noch ein wenig lauter, seit der Raucherhusten der esoterischen Rothaarigen unter mir schlimmer geworden ist. 

Wirklich einschlafen kann ich natürlich auch erst, wenn alle Damen im Haus des Nachts einmal pullern waren, gezogen und sich die Hände gewaschen haben. 


aus der Reihe: Meine kleine Wohnung 

Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg, August 2007

26. Juni 2010

… mehr als nur ein Märchen

Die dreizehnte Fee

… Trauer erfüllte heute an diesem wunderbaren Sommertag die Uralte, die Weise. Sie zog ihre Hand durch das klare Wasser des steinernen Beckens und die mystischen Bilder, die sie in die Zeiten sehen ließen, verschwanden.

Der König des Landes missachtete die uralte Ordnung - wieder und wieder. Zwölf der Schwestern gebot er zu sich, aus Anlass des Tauffestes seiner neugeborenen Tochter. Prächtig gekleidete Diener schickte er aus, junge Burschen, die sich ihrer Stellung am Hofe sicher, die Einladungen an die Feen hochmütig überreichten. Die jungen Pagen kannten keine Ehrfurcht mehr vor den Weisen Weiber, die überall im Lande lebten und wirkten. Der König lud nur ihrer Zwölf in seine Burg. An ihrem Haus, dem der Dreizehnten, ritten die Boten vorbei.

Einst kam die Mutter der Königin selbst zu ihr und ihren Schwestern, um sie zum Fest zu bitten. In der Nacht der Frauen versammelten sich alle. Und im Schein des vollen Mondes empfahl die junge Mutter ihre neugeborene Tochter dem Kreis der Dreizehn und den Ahninnen, bat um Schutz und Beistand für die künftige Königin. Viel zu früh starb sie dann, die alte Königin. Und viel zu früh vermählte sich deren Tochter. Jetzt ward diese nach einer langen Wartezeit selbst Mutter und das Königspaar wusste sich vor Glück nicht zu lassen, hieß es im ganzen Land.

Die dreizehnte Fee, die Alte, schritt wehmütig durch die Räume ihres Palastes. Von außen ward dieser eine unscheinbare Hütte, doch trat man durch die Türe, taten sich im Inneren weite Säle auf, geheimnisvolle Gemächer und Türme, von deren Warte sie Zukünftiges und Vergangenes sah. Hier störte nichts die Ordnung des immer währenden Seins.

Nach endlosen Stunden saß sie immer noch auf der Bank des Altans. Zum ersten Mal in ihrem langen Leben war der Tag gekommen, an dem sie ihren sonst so segensreichen Ahnungen fluchen wollte. Ihr Vermögen, das sie unerbittlich sehen ließ, was anderen verborgen blieb, schien ihr heute eine grausame Last. Sie sah und erkannte, wohin der Menschen Entscheidungen führten. Es waren Entscheidungen, die nicht mehr vom alten Prinzip getragen wurden. Keiner suchte mehr ihren Rat.

Sie schloss ihre Augen, leerte ihren Geist, versank in den Weiten der ewigen Welten. Doch ein bisher nicht bekannter Schmerz zog sie immer wieder zurück, missgönnte ihr heute die Ruhe, welche sonst ihre Kräfte wachsen ließ. Und so beschloss sie, sich auf den Weg zu machen. Mit ihrer Anwesenheit wollte sie dem König zeigen, was er bereit war aufs Spiel zu setzen. Und mit eigenen Augen würde sie sich überzeugen, dass die Königin nicht mehr die Geschicke des Landes lenkte. Nein, sie durfte sich nicht ausschließen lassen, zu wichtig waren ihre Visionen für die Menschen. Die dreizehnte der Feen begab sich auf den Weg zum königlichen Schloss.

Es war ein leichtes für eine unscheinbare alte Frau die Königspfalz zu betreten. Niemand nahm sie gewahr. Das wunderbare Gewand der Feen hielt sie vor den Augen der geschäftigen und froh gestimmten Menschen verborgen. Sie durchschritt die festlich geschmückten Räume der Burg. Niemand beachtete sie in all der Rührigkeit. Sie schlängelte sich an Mägden vorbei, die Platten und Schüsseln mit üppigen Speisen aus der Küche trugen und diese den fein gewandeten Diener zum Servieren übergaben. In den Gängen standen bewaffnete Wachen aufgereiht und an jeder Tür fragte ein Lakai nach dem Begehr. Das Leben in Vertrauen und Ungebundenheit, die Zeit der kundigen und klugen Frauen ging zu Ende, nie hatte die dreizehnte Fee es deutlicher gesehen, als in diesem Augenblick, da sie den Festsaal des Palas betrat.

Zwölf Schwestern umstanden die Wiege des Kindes, während die geladenen Gäste schwatzten und tafelten. Und trotz der zur Schau getragenen, überschäumenden Ausgelassenheit, lag auch ein dunkler Schatten auf der anwesenden Festgesellschaft. All die feiernden Herrschaften jubelten dem Königspaar zu und suchten doch zu verbergen, dass in der Freude über das Kind, auch die Enttäuschung mitschwang, dass kein Sohn das Licht der Welt erblickt hatte. Wohlgesetzte Reden schmeichelten dem Herrscher und enthielten manch versteckten Tadel für die Königin, welche dem Gatten nicht den erwarteten Erbprinzen geschenkt hatte.

Der Zorn über die Ungehörigkeit und die Unvernunft der erlauchten Gesellschaft stieg erneut in der Alten auf. Und deutlich spürte sie, auch ihre Schwestern fühlten nur zu gut den neuen, den unheilvollen Geist. Die meisten von ihnen trugen einen dünnen Schleier vor ihrem Gesicht, so dass die Anwesenden ihre Besorgnis nicht aus ihren Mienen lesen konnten.

Die Königin, noch erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage, hatte nur Augen für ihre langersehnte kleine Tochter. Selbst die Weisen Frauen, die Feen des Landes, nahm sie kaum wahr. Doch nun erschrak sie, als sie der Dreizehnten angesichtig wurde. Ängstlich blickte sie hin, zu ihrem Gemahl, der zwischen Grafen und Herzögen und deren Gattinnen an der Tafel saß.

Die Alte, die Feenmutter, ließ den Mantel von den Schultern gleiten und stand in ihrer Gewaltigkeit mitten im Saal. Erschrocken verstummten bei ihrem Erscheinen die Gespräche und das Zuprosten. Sie sah sich lange und bedachtsam um. Dann trat sie an die Wiege der kleinen Prinzessin. Mit großen Augen lachte das Kind sie an und die Fee wurde schier überwältigt von den Offenbarungen, welche vor ihr auftauchten.

Soll die kleine Königstochter in all den Schrecken, den sie so überdeutlich vor sich sah, hineinwachsen? Das Grauen der gewissen Zukunft erleben. Wäre es nicht besser, sie wäre tot? Ihr Geburtsrecht würde sie verlieren, sobald der Bruder geboren würde. Der Vater wird verbieten, sie zu den Weisen Frauen zu schicken, statt dessen wird er sie mit dem Fürsten des Nachbarreichs verheiraten, um den Frieden zu sichern. Fern vom Haus ihrer Ahnin würde sie dort unglücklich eines frühen Todes sterben. Der König wird den Priestern der neuen Religion in allem freie Hand lassen. Sie werden die Zusammenkünfte der Frauen in den Spinnstuben verbieten und das Tun der Hebammen beargwöhnen.

Sie sah eine Zeit des Todes und der Vernichtung.

Die weise Alte richtete sich hoch auf und ihr Spruch ließ die Anwesenden vor Grauen erstarren. Ihren unnachgiebigen Blick auf den König gerichtet, verkündete sie, was sie sah und mahnte zur Einsicht. Dann verließ sie den Saal.

Auch der Spruch der Zwölften, die nach ihr an die Wiege trat, wird die künftigen Geschehnisse nicht aufhalten oder die Morgen abändern, nur hinauszögern. Das war eine bittere Gewissheit. Mag es diese Königstochter noch nicht treffen, so wird sich der Spruch vielleicht an ihrem Kindeskind erfüllen. Einhundert Jahre Schlaf sei ihnen vergönnt! Eine kleine Spanne Zeit. Nur ein Zyklus, der sich wiederholt. Die Dauer in der sich Erinnerungen allmählich zu Mären und Sagen wandeln - geläuterte Weisheiten, welche die Großmütter den kleinen Töchtern erzählten, damit diese daraus lernen.

Die dreizehnte Fee, die Uralte, wanderte zwischen reifen Feldern und grünen Wiesen heimwärts in die Einsamkeit des Waldes. Sie dachte an ihre Schwestern. Sollen sie dieses Mal noch, wie zu allen Zeiten, die kleine Prinzessin mit ihren Gaben segnen. Eines Tages wachsen Töchter heran , die von all dem nichts mehr erfahren und hunderte Jahre werden noch ins Land gehen, bis die Märchen dereinst der Schlüssel zu einer neuen Zeit der Frauen werden.

Ab und zu hielt sie inne auf ihrem Weg und wenn sie die Augen schloss, sah sie dunkle Kerker und Ketten. Sie sah riesige Scheiterhaufen lodern und hörte die Schreie der verfolgten und gemarterten Frauen.

Und die dreizehnte der Feen wusste nicht, wie sie all das allein aufhalten könnte.


"Die dreizehnte Fee" © Märchenerzählung von Stephanie Ursula Gogolin, Juni 2010


22. Juni 2010

Ein Märchen

Die Sonne schien ihr ins Gesicht, als sie erwachte.
Was hatte sie geweckt? Donnergrollen - Vogelsang - ein Kuss? Nein! Nichts von alldem - es war einfach nur die Zeit.
Es gibt für alles eine Zeit, auch dafür zu erwachen.

Sie erhob sich, klopfte den Staub von ihrem verblichenen, einst rosenfarbenen Kleid und fuhr sich mit den Fingern durch das verfitzte Haar. Die Morgensonne schien zu den schmalen, hohen Rundbogenfenstern herein und tauchte die vermodernde Einrichtung des Turmzimmers in goldiges Licht.
Die verwunschene Prinzessin trat an eines der Fenster.
Es war sehr früh. Das verschlafene Land, noch benetzt vom Morgentau, lag soweit das Auge reichte im üppigsten Sommer vor ihr. Aber ihre Augen reichten nicht mehr sehr weit. 

Sie zog einen Dorn aus ihrem Fleisch, schritt achtlos über welkende Rosen hinweg und verließ das Gemach. Das rostige Schloss ließ sich schwer öffnen. Die massive Tür des Turmzimmers hatte die schlafende Königstochter in all den Jahren gut beschützt. Jetzt war sie entbehrlich, sollte das Tor zu ihrer Freiheit werden. Erwartungsvoll stieg Dornröschen die Wendeltreppe des Turms herab.
Die Stufen knarrten unter ihren leichten Schritten und die Schleppe des Kleides hinterließ im Staub eine helle Spur. Nun, da sie erwacht war, gab es auch keinen Widerstand mehr. Das schmiedeeiserne Gitter hinter der Tür des Turmes ließ sich leicht aufstoßen und die Dornenhecke öffnete ihr von selbst einen Durchgang. Einen Rosenzweig zur Seite biegend, trat die Prinzessin in den milden Morgen hinaus.

Die Vögel sangen und es summte und brummt um sie her. Doch weit und breit konnte sie keine Menschenseele entdecken. Zwischen Ginster und Brennnesseln stieß ihr Fuß gegen ein rostiges Schwert. Es mochte einem längst vergessenen Prinzen gehören oder auch nur einer davon gelaufenen Wache. Das einst prächtige, väterliche Schloss war zur Ruine zerfallen, überwuchert von Unkraut und wilden Rosen.

Dornröschen verharrte am Fuß des Bergfrieds und sah sich um. 

Wo war er, der Retter? Wo blieb er, der Verheißene? Was wurde aus dem erträumten Glück? Ein sanfter Wind zauste ihr ergrautes Haar.
In den nächsten Jahren zog selten jemand auf der Straße an der Schlossruine vorbei. Noch seltener verweilte ein Wanderer in der kleinen Hütte, die sich an die starke Mauer des Turmes schmiegte.

Doch jedem, der auf dem Weg in die nächste Stadt, bei der alten Frau mit dem jungen Herzen rastete und sich ausruhte, dem erzählte sie die Geschichte vom schlafenden Dornröschen. Von einem versunkenen und verwunschen Königreich und von dem Prinzen, der das schlafende Dornröschen wachküsste. Ein Märchen voll des Zaubers der Liebe und der Sehnsucht nach ewiger Glücksseligkeit.

Aber eben nur ein Märchen... 



Märchenvariation von Stephanie Ursula Gogolin, September 2005

5. Mai 2010

Initiation


Baba Jaga Knochenbein
braust heran
stürmt durch die Wälder
die da dicht und ewig grün.
Doch das Mädchen
kennt kein Schaudern.
Ihr Sinn ist frei
und stark und kühn!

Bis zum Häuschen Hühnerbein
kreischt die Alte wilde Lieder,
nichts was uns zu Tränen rührt.
Weither ist sie schon zu hören,
wehe dem, der Furcht verspürt!

Wassilissa heizt den Ofen
rührt im riesig dampfend Kessel
Seelensuppe nach Geheiß.
Die schon kocht seit uralt Zeiten,
Leben, welches kommt und geht!
Und das Mädchen fegt vom Boden,
Knochen, die da abgenagt.
So wie der Alten sie's versprochen!
Vom Brunnen her, sie Wasser trägt.

Wartet auf die grausig Hexe,
der sie diente Jahr und Tag.
Heute ist die Zeit vollendet!
Heute kehrt sie wieder heim!
Heim zur Mutter
und den Schwestern
nie mehr ist sie jetzt allein...